Die Rinder sind zurück von der Alp – Bilanz eines schwierigen Sommers

Laut Rindergesundheit Schweiz brachten die extremen Wetterbedingungen viele Rinder an ihre Grenzen – trotz Impfung kam es zu massiven Pink-Eye-Ausbrüchen auf Grossalpen.

Dieser Tage kehren die Rinder von den Alpen zurück – dort, wo überhaupt noch genug Gras war. Viele Betriebe mussten ihre Tiere deutlich früher als geplant heimholen: erst wegen fehlenden Wassers, dann, mit fortschreitender Trockenheit, auch wegen des knapper werdenden Futters. Was am Ende dieses Alpsommers bleibt, ist mehr als eine einzelne Krankheitsgeschichte. Es ist die Bilanz einer Saison, die auf mehreren Ebenen an die Substanz ging.

Pink Eye – alles andere als die Ausnahme

Dass Rinder im Sommer an Pink Eye erkranken, ist an sich nichts Aussergewöhnliches – genau deshalb wird ja auch geimpft. Dieses Jahr aber liess sich das Ausmass nicht mehr mit der üblichen Routine abtun.

Mehrere Landwirtinnen und Landwirte, die sich bei der BauernZeitung gemeldet haben, sprechen von Belastungen, wie sie sie so noch nie erlebt haben. Namentlich äussern will sich niemand – zu gross ist die Sorge, es könnte Folgen haben. Nicht nur privat, auch, was Kontrollen angeht.

Der Ärger hat einen klaren Kern: Für die Behandlung von Pink Eye am Auge existiert in der Schweiz kein einziges zugelassenes Präparat. Gleichzeitig ist praktisch alles, was in der Praxis tatsächlich funktioniert, formal nicht erlaubt. Wer sein Tier mit der nächstbesten Eutertube behandelt, bewegt sich im rechtlichen Graubereich. Wer sich an die offizielle Empfehlung hält, steht am Ende mit einer Lösung da, die im Stallalltag kaum zu gebrauchen ist. Diese doppelte Ausweglosigkeit – nichts haben und gleichzeitig nichts dürfen – ist es, was viele Betriebe diesen Sommer besonders zermürbt hat.

Wenn die Fachempfehlung am Stall vorbeigeht

Die Vetsuisse-Fakultät Bern, in Person von Pharmakologin Meike Mevissen, hatte von einer systemischen Antibiotikabehandlung mittels Tabletten oder Spritzen abgeraten, solange der Allgemeinzustand der Tiere gut sei, und stattdessen Separation und Lichtschutz empfohlen. Aus Sicht mehrerer betroffener Betriebe eine Empfehlung, die an der Realität vorbeigeht. «Vieh eine Tablette zu geben, das ist doch völlig daneben», sagt einer von ihnen – bei Rindern, die sich kaum je freiwillig einfangen und fixieren lassen, sei das kein praktikabler Weg.

Wie aufwendig die Realität aussieht, schildert ein anderer Betroffener: Die von Tierarzt und Rindergesundheitsdienst festgelegte Standardtherapie habe aus einer Antibiotikaspritze bestanden – anfänglich zweimal innert 48 Stunden, mit einem Wirkstoff, der später wegen mangelnder Wirkung gewechselt werden musste –, kombiniert mit einer Behandlung des Auges mit einer speziellen Augensalbe. Genau diese Salbe wurde nach wenigen Behandlungen durch eine Eutertube ersetzt, weil sich die Applikation als zu schwierig erwies: Der Inhalt trete beim Auftragen wie «Spaghetti» aus und müsse von Hand ins Auge massiert werden, sonst bleibe er in den Wimpern oder der Tube kleben – für die Tiere alles andere als angenehm. Die Eutertube dagegen verteile sich sofort übers ganze Auge, was ihren Einsatz in der Praxis erkläre, auch wenn er formal nicht vorgesehen sei.

Ein Dritter schildert den organisatorischen Aufwand: Erkrankte Tiere müssten zum Stall getrieben, aussortiert und eingestallt werden – bei ungewohntem Jungvieh oft schon für sich ein Kraftakt. Im Stall müsse dann jedes Tier für die Behandlung eingefangen und fixiert werden, was regelmässig mit schmerzhaften Fusstritten ende. Dazu komme die Logistik: Heu und Stroh müssten zum Stall gebracht, verbrauchtes Stroh als Mist wieder herausgeschafft werden. Über Wochen sei das mehr als eine Vollzeitbeschäftigung gewesen. Der gemeinsame Nenner all dieser Schilderungen: Die Stellen, die über Zulassung und Fachempfehlungen entscheiden, seien schlicht weit weg von der Praxis.

Auch der von Swissmedic empfohlene Therapieleitfaden – lokale Behandlung mit importierter Cloxacillin-Benzathin-Augensalbe, bei Bedarf systemisch mit Tetracyclinen oder Florfenicol – wird in der Praxis also anders gelebt, als er auf dem Papier steht.

Trockenheit als Verstärker – die Einschätzung von Rindergesundheit Schweiz

Eine ausführliche Einordnung dazu liefert Judith Peter-Egli von Rindergesundheit Schweiz (RGS). Grundsätzlich sei dieser heisse, trockene Sommer auch auf den Alpen eine grosse Herausforderung gewesen, sagt sie. Es habe zwar regionale Unterschiede gegeben und in den Bergen tendenziell häufiger Gewitter als im Flachland – doch auch bis in hohe Lagen sei es sehr heiss gewesen, und auf den Alpen fehle meist eine natürliche Beschattungsmöglichkeit. Vielerorts sei zudem die Wasserversorgung ein Problem gewesen.

Vergiftung durch Eisenhut

Die Trockenheit habe ausserdem das Pflanzenwachstum auf der Weide verändert, erklärt Judith Peter-Egli: Einzelne Futterpflanzen seien benachteiligt worden, andere hätten sich dafür ausgebreitet. Ein bekannter Fall zeigt, wohin das führen kann: Auf einer Alp kam es zu Vergiftungen mit Eisenhut – einer der giftigsten Pflanzen überhaupt, die Rinder unter normalen Bedingungen meiden, unter den veränderten Bedingungen dieses Sommers aber offenbar doch frassen.

Daraus lässt sich laut der operativen Leiterin ein grösserer Zusammenhang ableiten: Die extremen Wetterverhältnisse hätten auch auf den Alpen viele Tiere an ihre Grenzen gebracht, wodurch Infektionserreger bei gestressten Tieren leichteres Spiel gehabt hätten als bei gesunden, unbelasteten. Konkret wurde die RGS bei mehreren Pink-Eye-Fällen zugezogen, darunter zweimal massive Ausbrüche auf Grossalpen – trotz Impfung der Tiere. Vermehrt gemeldet wurden zudem Aborte und Probleme bei der Ablösung von Nachgeburten. «Möglicherweise hängt das auch mit dem neu aufgetretenen Shamonda-Virus zusammen», so die Tierärztin.

Gleichzeitig mahnt Judith Peter-Egli zur Vorsicht bei der Einordnung: Da bisher niemand die Häufung von Erkrankungen der Tiere auf der Alp systematisch untersucht oder beobachtet habe, sei eine verallgemeinernde oder zuverlässige Aussage darüber, wie die Gesundheit der Alptiere dieses Jahr im Vergleich zu anderen Jahren tatsächlich war, nicht möglich.

Ein Sommer, der nachwirkt

Was am Ende bleibt, ist eine Häufung, die sich schwer ignorieren lässt: verfrühter Alpabzug wegen Wasser- und Futtermangel, eine Zulassungslücke bei Pink Eye, die seit Jahren bekannt ist, Impfdurchbrüche auf Grossalpen, dazu vermehrte Aborte und ein neues Virus, dessen Rolle noch unklar ist. Für viele Betriebe geht damit ein Sommer zu Ende, der nicht bloss einzelne Krankheitsfälle, sondern das ganze System an seine Grenzen gebracht hat – von der Alp bis zur Zulassungsbehörde.

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