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«Die Milch soll auf der Weide entstehen», sagt Urs Sturzenegger aus Mörschwil

Mit saisonaler Abkalbung, Kiwi-Cross-Kühen und automatischem Weide-Gate richtet der Betrieb im Kanton St. Gallen alles aufs Gras aus – und zeigt, wie Trockenheit das Weidesystem früh lenkt.

Vor einem Jahr stellte Urs Sturzenegger auf seinem Pachtbetrieb Schloss Watt in Mörschwil SG gleich mehrere Weichen neu. Parallel zur Einführung der Weidemilch entschied er sich für die saisonale Abkalbung und begann, seine Herde konsequent auf Kiwi-Cross-Kühe umzustellen. Heute bewirtschaftet er zusammen mit seiner Partnerin und zwei Mitarbeitenden einen 50 Hektaren grossen Talbetrieb auf rund 610 Metern über Meer sowie eine zehn Hektaren grosse Alp in Oberegg, auf der das Jungvieh den Sommer verbringt. Rund 70 Kühe produzieren Milch.

Ein Betrieb folgt einer klaren Philosophie

Für Sturzenegger sind diese Veränderungen kein Selbstzweck. Sie gehören zu einem Produktionssystem, in dem sich alles nach dem Gras richtet. «Meine Kühe sollen Milch aus dem Gras produzieren, das sie selber auf der Weide holen – und nicht aus Futter, das ich ihnen auf den Futtertisch werfen muss.» Dieser Satz beschreibt die Philosophie des Betriebs treffender als jede Leistungszahl.

Wenn das Gras wächst, steigt auch die Milchleistung

Die saisonale Abkalbung beginnt jeweils um den 10. Januar. Im kommenden Jahr soll sie nochmals um rund eine Woche vorgezogen werden. Dadurch erreichen die Kühe ihre höchste Milchleistung genau dann, wenn auf den Weiden genügend hochwertiges Gras wächst.

Bis zum Weideaustrieb erhalten sie ausschliesslich Ökoheu. Bewusst verzichtet Sturzenegger darauf, die Frühlingsleistung mit grossen Kraftfuttermengen oder energiereichen Rationen künstlich anzukurbeln. Erst wenn die Weiden genügend Ertrag liefern, sollen auch die Kühe ihr Leistungspotenzial ausschöpfen.

Heute liegt die durchschnittliche Milchleistung bei rund 5500 Kilogramm pro Laktation. Langfristig strebt der Betriebsleiter etwa 6000 Kilogramm an. Entscheidend ist für ihn jedoch nicht eine möglichst hohe Einzelleistung, sondern die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems.

Kiwi-Cross als konsequente Weidekuh

Beim Betriebsantritt übernahm Urs Sturzenegger eine Braunviehherde. Seither entwickelt er den Bestand Schritt für Schritt weiter. Kiwi-Cross und Jersey bestimmen zunehmend das Bild im Stall.

Die richtige Genetik unterstützt den Betriebsleiter auf dem Weg zu einem reinen Weidemilchbetrieb.(Bild: Samuel Otti)

Die Wahl dieser Genetik passt zur Betriebsstrategie. Gefragt sind keine Hochleistungskühe mit maximalem Kraftfuttereinsatz, sondern Tiere, die sich auf der Weide wohlfühlen, viele Kilometer zurücklegen, fruchtbar bleiben und Gras effizient in Milch umsetzen. «Für unser System brauchen wir Kühe, die laufen wollen und gesund bleiben. Die Weide ist ihr Futtertisch.» Gerade in einem Betrieb, der möglichst viel Wertschöpfung aus betriebseigenem Grundfutter erzielen will, erhält die Genetik eine andere Bedeutung als in intensiv gefütterten Milchviehherden.

Roboter melkt – das Weide-Gate lenkt die Herde

Ab Anfang bis Mitte April beginnt die eigentliche Weidesaison. Dann bleiben die Kühe Tag und Nacht draussen. Der De-Laval-Melkroboter übernimmt die Melkarbeit. Den Weg der Tiere auf die Weide steuert dagegen ein automatisches Weide-Gate. Nach jeder Melkung gelangen die Kühe automatisch auf die nächste Koppel. Täglich werden ihnen zwei neue Weideflächen geöffnet.

Zweimal täglich erhalten die Kühe Zugang zu einer neuen Koppel. Das automatische Weidetor steuert den Zugang nach jeder Melkung.(Bild: Urs Sturzenegger)

Dieses System funktioniert allerdings nur, wenn genügend hochwertiges Gras vorhanden ist. Deshalb beobachtet Sturzenegger den Aufwuchs beinahe täglich. «Ich beurteile die Weideeinteilung flexibel – je nach Grasbestand.» Die Ruhezeit der einzelnen Koppeln beträgt im Normalfall 25 bis 30 Tage. Zu Beginn der Laktation besuchen die Kühe den Roboter durchschnittlich 2,2-mal pro Tag. Gegen Ende sinkt diese Frequenz auf rund 1,6 Melkungen pro 24 Stunden.

Die Trockenheit macht Futterknappheit sofort sichtbar

Die diesjährige Trockenheit verlangte auch in Mörschwil Anpassungen. Weil sich das Graswachstum früh verlangsamte, verzichtete Sturzenegger darauf, einzelne Weideflächen für die Konservierung auszuscheiden. Dabei wurden die Tiere auch in hohem Gras geweidet. «Dieses Jahr konnte ich keine Weidefläche konservieren, weil früh absehbar war, dass die Trockenheit den Aufwuchs bremsen würde.» Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen leidet der Betrieb momentan noch nicht so stark unter der Trockenheit. Die Böden speichern das Wasser lange, sodass sich Trockenperioden weniger stark auswirken.

Unter schwierigen Bedingungen, wie der sich abzeichnenden Trockenheit, werden die Milchkühe auch in höherem Gras geweidet.(Bild: Urs Sturzenegger)

Interessanterweise beurteilt der Betriebsleiter nasse Jahre kritischer. «Für unseren Betrieb ist eine trockene Saison meistens einfacher als eine nasse. Mit Nässe haben wir grössere Schwierigkeiten.» Gerade das Umtriebsweidesystem zeige sehr früh, wenn das Grasangebot zurückgeht. Wird das Futter knapp, reduziert Sturzenegger die Weidezeit. Die Kühe gehen dann zwar weiterhin hinaus, erhalten im Stall jedoch zusätzlich Ökoheu. Das System mache Futterknappheit sofort sichtbar und zwinge den Betriebsleiter frühzeitig zum Handeln.

Qualitativ gutes Ökoheu ist die Grundlage der Winterfütterung

Ein Teil des benötigten Ökoheus stammt vom eigenen Betrieb. Daneben kauft Sturzenegger zusätzlich Ökoheu direkt ab Schwad von benachbarten Betrieben zu. Anschliessend wird das Futter auf dem Betrieb mit der Warmluft-Heubelüftung, die über die betriebseigene Biogasanlage gespeist wird, schonend getrocknet.

Auch im Hitzesommer wollen die Kühe hinaus

Steigen die Temperaturen stark an, stellt der Betrieb auf Nachtweide um. Die Kühe verlassen den Stall am späteren Nachmittag und verbringen die Nacht draussen. Tagsüber ruhen sie im Stall, wo leistungsfähige Grossraumlüfter für Kühlung sorgen. Bemerkenswert findet Sturzenegger vor allem eines: Selbst wenn das Gras knapp wird, zieht es die Tiere weiterhin auf die Weide. «Die Kühe wollen hinaus. Bewegung und frische Luft gehören einfach zu ihrer Gesundheit.»

Der Betrieb vom Schloss Watt in Mörschwil verfügt über grosse Weideparzellen. Die Kühe sind, ausser bei grosser Hitze, Tag und Nacht draussen.(Bild: Urs Sturzenegger)

Diese Beobachtung bestätigt ihn in seiner Überzeugung, dass Weidemilch weit mehr ist als ein Produktionsprogramm. Für ihn ist sie ein konsequent aufgebautes System, bei dem Genetik, Fütterung, Technik und Arbeitsabläufe aufeinander abgestimmt sind. Das Ziel bleibt dabei immer dasselbe: möglichst viel Milch aus Gras zu erzeugen, das die Kühe selbst ernten.

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