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Agronomin Nathalie Roth: «Gülle-Feststoffe sind eine gute Alternative zu Stroh»

Nathalie Roth vom Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen erklärt im Interview die Vorteile von Gülle-Feststoffen. Die Agronomin und Kuhsignale-Trainerin sagt, dass die Qualität des Liegebetts nicht alleine vom Einstreu-Material abhängt.

Welche Einstreu-Materialien 
sind in Schweizer Milchviehställen verbreitet? Warum?

Nathalie Roth: Etwa 70 bis 80 Prozent aller Einstreu-Materialien im Rindvieh-Bereich sind Varianten mit Stroh. Gestreut wird Industriehäcksel oder mittellanges Häcksel-Stroh sowie Lang-
Stroh. Dabei kennt man Stroh-Mist- oder Kalk-Stroh-Matratzen. Das Misch-
verhältnis und der Kalkanteil sind von Betrieb zu Betrieb sehr unterschiedlich.

Seit ein paar Jahren werden Liegeboxen auch vermehrt mit Strohwürfeln befüllt. Diese sind attraktiver geworden, preislich sowie aufgrund der hohen Saugfähigkeit und der vereinfachten Liegeboxen-Pflege.

Auch in Zukunft wird Stroh als Basis einen Grossteil der Einstreu ausmachen. In Abhängigkeit vom Stroh-Preis, der Beschaffung und Verfügbarkeit sind betriebsindividuelle Möglichkeiten gefragt.
Alternativen zu Stroh sind beispielsweise Einstreu aus Gülle-Fest-stoffen oder fertiger/halbfertiger Kompost und Sägemehl.

Sand ist punkto Hygiene aufgrund des anorganischen Materials sehr interessant. In der Schweiz machen Sand-Liegeboxen (vollständig gefüllt mit Sand) nur einen kleinen Anteil aus (Preis, Gülle-Aufbereitung).
Sicher gibt es noch weitere Nischenprodukte wie beispielsweise Streue, Kälber- oder Pferdemist, Dinkelspreu-Pellets etc., die in der Praxis funktionieren.

Bei welcher Einstreu ist der 
Kuh-Komfort am höchsten?

Die Qualität des Liegebetts hängt nicht alleine vom Einstreu-Material ab. Es ist in erster Linie wichtig, dass die Matratze genügend tief ist, idealerweise 20 bis 25 cm dick. Sie muss verformbar und auf der Oberfläche trocken sein.[IMG 2]

Die Kuh will auf einer weichen Unterlage abliegen, ausruhen und auch wieder in einem Zug aufstehen können. Dazu braucht sie Griff, das heisst eine kompakte Unterlage und genügend Kopf-Schwungraum nach vorne. Das bringen wir mit einer Kalk-Stroh- oder einer Stroh-Mist-Matratze sehr gut hin. Auch mit Gülle-Feststoffen, Kompost oder Strohwürfel können wir eine vergleichbare Matratze aufbauen.

Wichtig ist, dass die Matratze regelmässig bearbeitet wird und nicht zu stark austrocknet (z. B. bei zu hohem Kalkanteil, abgetrocknetem Fertigkompost, starkem Anpressen usw.). Denn sonst wird die Unterlage schnell zu hart. Das führt unweigerlich zu Druckstellen an den Gelenken der Kuh und reduziert die Liegedauer.

Das sollte man ständig im Auge behalten. Denn wenn die Kuh aufgrund des schlechten Liegebettes weniger abliegt, kostet das Liegezeit und am Ende auch Gesundheit.
Pro Stunde mehr Liegezeit produziert die Kuh rund einen Liter mehr Milch. Die Klauen trocknen ab und der Bewegungsapparat wird entlastet.

Der Unterhalt der Unterlage wie auch der freie Kopf-Schwungraum sind daher ebenso wichtig wie das eingefüllte Material selbst.

Was sind die Vor- und Nachteile
 der Gülle-Separation?

Gülle-Separation bringt nicht nur Einstreu für die Liegebox, sondern vereinfacht auch das Ausbringen von Gülle mit dem Schleppschlauch.

Die aus der Separation entstandene Dünngülle fliesst schnell ab und versickert rasch. Der betriebseigene Hofdünger wird optimal verwertet und der Strohzukauf reduziert sich stark.
Wird nur Gülle-Feststoff eingestreut, muss nicht täglich nachgefüllt werden. Der tägliche Arbeitsaufwand reduziert sich dadurch.

Ein Nachteil ist, dass die Milch aus Betrieben mit Gülle-Feststoffen oder Kompost-Einstreu von einigen Milchverarbeiter nicht abgenommen wird.

Es ist sicher sinnvoll, sich vor dem Kauf einer Anlage zu informieren. Aus Konsumentensicht ist zudem das Image von separierter Gülle als Einstreu ein Thema.

Für welche Betriebe ist 
separierte Gülle als Einstreu interessant?

Aufgrund der Investitionskosten für den Gülle-Behälter und für die Anlage war dies bis anhin vor allem für grössere Betriebe attraktiv oder in über-
betrieblicher Anschaffung und Zusammenarbeit.

Was gibt es bezüglich 
Hygiene zu beachten?

Grundsätzlich sollte nur Separationsgut vom eigenen Betrieb wieder in die Liegeboxen eingestreut werden. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass sich bei guter Pflege und Unterhalt der Liegematratze keine negativen Veränderungen aufgrund der Gülle-Feststoffe einstellen.

Es sind keine Nachteile gegenüber anderen Einstreu-Materialien bekannt.
Eine sorgfältige Melkarbeit und Melkhygiene ist sehr wichtig, damit schädliche Keime nicht in die Milch gelangen. Zusammen mit der Reinigung der Melkanlage hat dies einen wesentlich höheren Einfluss auf die Keimzahl als die Einstreu selber.

Es kann überall vorkommen, dass die Einstreu wegen unsauberen Ausgangsmaterials sehr hohe Keimzahlen aufweist. Hier gilt, bei Verdacht sofort zu reagieren, damit die Einstreu ausgewechselt wird.

Auf was ist bezüglich 
TS-Gehalt zu achten?

Es gibt klare Indizien, dass die Kuh bei zu feuchtem Obermaterial weniger abliegt, als wenn das Material trocken ist. Die Spannbreite ist gross.
Wichtig ist, dass das Material an den Kühen nicht grossflächig haften bleibt. Die Tiere dürfen nicht schmutzig sein.

Nathalie Roth

Während ihrer Masterarbeit hat sich Nathalie Roth intensiv mit dem Thema Stallumbau/Optimierungen von Ställen an die Bedürfnisse der Milchkuh auseinandergesetzt. Seit 2013 ist sie Kuhsignale-Trainerin. Nathalie Roth war an der HAFL während sechs Jahren zuständig für die Haltung im Bereich Rindvieh. Seit November 2018 arbeitet sie an der Fachstelle Rindvieh am land
wirtschaftlichen Zentrum in Flawil SG in der Beratung sowie der Aus- und Weiterbildung von Landwirten.