Sein System funktioniert, verlangt aber eine genaue Weideführung, Flexibilität und eine Betriebsstrategie, bei der nicht die maximale Leistung im Vordergrund steht. Wer mit Urs Widmer über Weidemilch spricht, merkt rasch: Hier geht es nicht um ein Produktionssystem, das irgendwann aufgrund eines Förderprogramms oder eines Labels gewählt wurde. Es ist Überzeugung.
Seit 26 Jahren bewirtschaftet Widmer seinen Betrieb in Inwil LU auf 550 m ü. M. Bereits nach wenigen Jahren hat er auf saisonale Abkalbung umgestellt. Er gehört zu den frühen Verfechtern der weidebasierten Milchproduktion und engagiert sich auch bei der IG Weidemilch.
«Das Weiden ist wirklich das, was mein Herz erfreut», sagt er. Wichtig war für ihn von Anfang an der Austausch mit anderen Betrieben. Der Arbeitskreis brachte ihm Weiterbildung, Informationen, Betriebsvergleiche – und nicht zuletzt den Austausch mit Berufskollegen, die ähnliche Strategien verfolgen.
Mit 22 Hektaren den Laufstall gebaut
Das Grundprinzip seines Systems ist einfach: Die Kühe sollen möglichst viel Futter selber holen. Denn Gras, das die Kuh auf der Weide frisst, muss weder gemäht noch konserviert, gelagert, transportiert und vorgelegt werden. Genau hier entscheidet sich für Urs Widmer die Wirtschaftlichkeit. «Das Wichtigste ist, dass die Kühe, wenn es vom Graswachstum her geht, möglichst zu 100 Prozent weiden können. Dort können wir Geld verdienen.»
Die Flächensituation hat die Entwicklung des Betriebes entscheidend geprägt. Widmer verfügt über 11 Hektaren Eigenland. Dazu konnte er weitere 11 Hektaren pachten. Mit diesen insgesamt 22 Hektaren hatte er die notwendige Grundlage, um einen Laufstall für 40 Kühe zu bauen und den Betrieb entsprechend auszurichten.

Inzwischen hat Widmer die 11 Hektaren Pachtland verloren. Ganz weg ist die Fläche für seinen Betrieb allerdings nicht. Er kann jeweils das Grünland des Besitzers nutzen. Weil dieses im Rahmen der Fruchtfolge wechselt, ist die Situation weniger planbar als bei einer festen Pachtfläche. Für ein konsequentes Weidesystem ist das eine Herausforderung.
Die veränderte Flächensituation beeinflusst auch die weitere Entwicklung. Widmer hätte gerne auf biologische Landwirtschaft umgestellt. «Von der Bewirtschaftung her müsste ich wahrscheinlich fast nichts ändern», sagt er. Grössere Investitionen müssen unter den heutigen Voraussetzungen aber gut überlegt sein.
Neben der Milchwirtschaft bilden rund 4500 Mastpoulets ein zweites betriebliches Standbein. Die Einrichtungen sind nicht mehr die jüngsten, erfüllen aber ihren Zweck und tragen weiterhin zum Betriebseinkommen bei.
Abkalben, wenn Zeit für die Kälber ist
Das zweite zentrale Element des Betriebssystems ist die saisonale Abkalbung. Die Kühe kalben hauptsächlich im Februar und März. Damit passt Urs Widmer die Laktation möglichst gut an das Graswachstum an. Gleichzeitig konzentriert sich die arbeitsintensive Abkalbephase auf eine Jahreszeit, in der auf den Feldern weniger los ist. «Im Februar habe ich viel mehr Zeit. Dann kann man sich wirklich um die Kälber und die Kühe kümmern», sagt der Luzerner.
Seine Frau Silvia ist in den Betrieb eingebunden und übernimmt während dieser intensiven Wochen einen grossen Teil der Kälberbetreuung. Die Remonten-Kälber werden auf dem Betrieb abgetränkt und gehen anschliessend auf einen spezialisierten Aufzuchtbetrieb. Alle anderen Kälber werden als Tränker verkauft.
Ein Abkalben im Hochsommer kann sich Widmer kaum vorstellen. Die Arbeit wäre dann nicht nur mit den übrigen Arbeiten zu koordinieren, sondern zusätzlich mit hohen Temperaturen. «Das ist mit dieser Hitze brutal», sagt er.

In der Herde stehen Neuseeländische Holstein und Kiwi-Cross sowie zu rund einem Viertel Swiss Fleckvieh. Auch bei der Fortpflanzung ist das Vorgehen auf die kompakte Saison abgestimmt. Drei Wochen lang wird künstlich besamt. Dabei setzt Widmer auch gesexten Samen ein. Später kommt ein Leasing-Angus-Stier zum Einsatz.
Urs Widmer melkt seine Kühe in einem 2 × 6er-Fischgrätenmelkstand mit sechs Swingover-Melkzeugen. Das Ziel ist nicht eine maximale Milchleistung um jeden Preis. 2025 lag die Herdenleistung bei annähernd 6200 Litern je Kuh. Mit 4,77 Prozent Fett und 3,63 Prozent Eiweiss sind die Inhaltsstoffe hoch. Auf energiekorrigierte Milch umgerechnet entspricht dies laut Widmer annähernd 6500 Litern.
Ohne Messen wird Weiden zum Blindflug
Wer möglichst viel Milch aus Weidegras produzieren will, kann die Kühe nicht einfach auf die nächste grüne Parzelle treiben. Urs Widmer arbeitet mit einem Koppelsystem. Die Tiere bleiben zwei Tage auf derselben Koppel – zweimal am Tag und zweimal in der Nacht.
Die Koppeln sind so gross angelegt, dass auch das Heuen oder Güllen ohne zu viel Umzäunen möglich ist. Im Frühjahr wird grundsätzlich die gesamte verfügbare Weidefläche früh überweidet. Damit versucht Widmer, das starke Frühjahrswachstum unter Kontrolle zu bringen. Je nach Wachstum werden später Flächen herausgenommen und konserviert.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Messen der Grasmasse. «Man muss regelmässig messen. Sonst weiss man nicht wirklich, wo man steht», sagt Widmer. Zwar entwickelt ein erfahrener Weidebauer mit der Zeit ein gutes Auge für den Bestand, trotzdem verlässt er sich nicht allein darauf.
Bislang arbeitet er mit einer älteren Version eines Grasmessgeräts. Künftig könnte er stärker digitale Möglichkeiten nutzen. Anwendungen auf dem Smartphone würden das Erfassen und Auswerten der Grasbestände vereinfachen. Widmer sieht darin keinen Widerspruch zu seinem vergleichsweise einfachen System. «Die digitalen Möglichkeiten sind vielseitig. Wenn man sie richtig einsetzt, können sie für unser System sehr interessant sein.»

Das Wetter diktiert immer stärker mit
Die schweren Böden des Betriebes sind grundsätzlich gut, können aber bei Nässe Trittschäden aufweisen. Im Frühjahr dürfen sie nicht zu stark strapaziert werden. Gleichzeitig können Trockenheit und Hitze das Graswachstum innerhalb kurzer Zeit stoppen.
«Als im Juni die Hitzeperiode kam, war auch bei uns plötzlich fertig», beschreibt Urs Widmer die Situation. Die Wetterextreme erschweren es, das System im Gleichgewicht zu halten. Das Gras sei zeitweise zwar gut gewachsen, aber unter dem Strich fehlen Widmer nach eigener Einschätzung rund 25 Prozent Futter. Er muss schon während der Weideperiode stärker zufüttern und wird voraussichtlich zusätzlich Futter zukaufen müssen.
Das schmerzt bei einem System, dessen Stärke gerade darin besteht, möglichst wenig Futter zuzukaufen und möglichst wenig durch Maschinen bewegen zu müssen. In einem normalen Jahr verbraucht Urs Widmer 1000 Liter Diesel, um die rund 200 000 Kilo Milch zu produzieren.
Aktuell erhalten die Kühe im Stall eine Ergänzungsration unter anderem aus Zuckerrübenschnitzeln, Heu und etwas Silo. Diese Ration kostet pro Kuh 2.85 Franken. Widmer kennt die Kosten seiner Fütterung genau. Er rechnet nicht nur in Kilogramm Futter, sondern fragt sich bei jedem zusätzlichen Aufwand, wie viel Milch produziert werden muss, bis dieser bezahlt ist.
Eine Siloballe, die täglich verfüttert werden muss, verändert die Rechnung rasch. «Wenn die Kühe fast zu 100 Prozent draussen fressen können, muss ich dieses Geld wenigstens nicht ausgeben», sagt er. Genau darin liegt für ihn die Stärke der Weidemilch: nicht zwingend maximal produzieren, sondern mit möglichst wenig Aufwand wirtschaftlich produzieren.
Im Arbeitskreis über den Weidezaun schauen
Einen hohen Stellenwert hat für Urs Widmer der Arbeitskreis. Dessen Mitglieder treffen sich mehrmals jährlich auf verschiedenen Betrieben. Der jeweilige Betriebsleiter gibt ein Thema vor, danach werden Bestände, Fütterung und Betriebsstrategie gemeinsam diskutiert.
Gerade bei Wetterextremen kann daraus sehr konkrete Hilfe entstehen. Bei Bedarf wird auch kurzfristig ein Treffen organisiert. Wie reagieren andere auf Futtermangel? Welche Flächen werden noch beweidet? Wo wird konserviert? Was wird zugekauft? Und welche Lösung ist nicht nur produktionstechnisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll?

«Es ist interessant zu sehen, wie es andere machen», sagt der Landwirt. Dabei gehe es nicht darum, ein fremdes System einfach zu kopieren. Jeder Betrieb habe andere Voraussetzungen. Entscheidend sei, die richtigen Ideen für den eigenen Hof mitzunehmen.
Aus dem Arbeitskreis sind über die Jahre auch Freundschaften entstanden. Man trifft sich nicht nur fachlich, sondern unternimmt gelegentlich gemeinsam etwas. «Das ist wirklich cool», sagt Widmer. Der soziale Aspekt sei nicht zu unterschätzen. Der Blick über den eigenen Weidezaun bringe damit nicht nur neue Ideen, sondern auch persönliche Kontakte.
Der Sohn will weitermachen
Mit 54 Jahren denkt Urs Widmer auch über die nächste Generation nach. Sohn Sven, im Moment in der RS, hat seine landwirtschaftliche Ausbildung abgeschlossen. Er arbeitet auf einem grösseren Landwirtschaftsbetrieb in der Region und hilft zu Hause an den Wochenenden und bei Arbeitsspitzen.
Dass der Sohn Interesse am Hof hat, freut den Vater. «Es wäre mega schön, wenn jemand weitermacht.» Dass Sven den Betrieb dereinst übernehmen will, scheint klar. Wie dieser dann aussehen wird, ist hingegen offen.
Die Flächensituation wird dabei eine entscheidende Rolle spielen. Auch eine biologische Bewirtschaftung könnte später zum Thema werden. Widmer und seine Frau wollen den Betrieb vorerst mit der vorhandenen Infrastruktur weiterführen und die weitere Entwicklung ihrem Sohn nicht vorwegnehmen.
Bis dahin bleibt Urs Widmer seinem System treu. Nicht die höchste Milchleistung oder möglichst viele Kühe bestimmen seine Strategie. Entscheidend ist, was unter den eigenen Bedingungen wirtschaftlich funktioniert.

