Kurz & bündig
- Abruptes Trockenstellen bei Restmilchmengen über 15 kg pro Tag kann für Kühe durch den anfänglich hohen Euterinnendruck belastend sein.
- Eine tierschonendere Methode kann das unvollständige Melken durch die Software «Autodry» sein, welche den natürlichen Abstillprozess zwischen Kuh und Kalb nachahmt.
- Schweizer LandwirtInnen haben an Alternativen zu dem abrupten Trockenstellen zwar Interesse, aber das unvollständige Melken hat sich noch nicht weit etabliert.
In der Schweiz stellen fast die Hälfte der Betriebe ihre Milchkühe abrupt trocken. Dies zeigte eine Umfrage der Agroscope und der Vetsuisse-Fakultät der Uni Bern aus dem Jahr 2022. Zum Zeitpunkt des Trockenstellens produziert mehr als ein Drittel der Tiere noch Milchmengen von mehr als 15 kg pro Tag.
Die LandwirtInnen, die an der Umfrage teilnahmen, berichteten über Verhaltensänderungen der Kühe infolge des Trockenstellens. So seien zum Beispiel, aufgrund des höheren Euterinnendrucks, vermehrte Lautäusserungen und geringere Liegezeiten zu bemerken. Das abrupte Trockenstellen birgt zudem das Risiko einer Mastitis: Werden Kühe plötzlich nicht mehr gemolken, werden die Erreger im Zitzenkanal nicht mehr ausgespült. Das Infektionsrisiko ist damit höher und im Zweifel muss mit Antibiotika behandelt werden.
Eine Analyse ergab zudem, dass die Verhaltensänderungen sowie der notwendige Antibiotika-Einsatz infolge des Trockenstellens mit steigender jährlicher Milchleistung zunahmen. Vonseiten der an der Umfrage teilnehmenden LandwirtInnen wurde Interesse an neuen Ansätzen beim Trockenstellen signalisiert.

Natürlicher Abstillprozess zwischen Kuh und Kalb als Vorbild
Als möglicher Ansatz wurde in Deutschland die Methode des unvollständigen Melkens genauer untersucht. Vorbild beim unvollständigen Melken ist der natürliche Abstillprozess zwischen Kuh und Kalb, bei dem das Kalb nach und nach mehr Raufutter aufnimmt und weniger Milch am Euter trinkt. Beim unvollständigen Melken bleibt demzufolge immer jeweils ein Rest Milch im Euterviertel; das Euter wird also nicht leer gemolken. Diese Methode soll ein tierschonenderer Weg zur Milchleistungsreduktion sein.
Bei Untersuchungen der Uni Bonn zeigte sich eine Milchleistungsreduktion von 700 g pro Tag, wenn bei den Versuchskühen über 10 Tage hinweg jeweils 5 Prozent weniger Milch pro Tag gemolken wurde. Auf die Zellzahlen und die Mastitis-Infektionen hatte dies keine Auswirkung. Durch das unvollständige Melken wurde der Zitzenkanal der Versuchstiere schmaler, was den Eintritt von Erregern erschwert. Zudem beeinflusste das unvollständige Melken die Milchleistung in der Folgelaktation nicht.
Umgesetzt wurde das unvollständige Melken mit der «Autodry»-Software der Firma GEA, die dafür 2022 den «Innovation Award Eurotier» der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) gewonnen hat. Im Zusammenspiel mit dem Herdenmanagementsystem Dairynet kann die Software vor dem Trockenstellen tierindividuell aktiviert werden. Das System berechnet dann, wie viel Milch theoretisch melkbar ist. Die Zielmilchmenge ergibt sich aus der theoretisch melkbaren Menge minus 5 Prozent.
Nachdem diese Zielmilchmenge erreicht worden ist, leitet die Software automatisch die Melkzeugabnahme ein. Ein patentierter Algorithmus sorgt dafür, dass das Melkzeug nachfolgend Tag für Tag etwas früher abgenommen wird. Neben dem Herdenmanagementsystem Dairynet muss es als weitere betriebliche Voraussetzung zur Nutzung von Autodry als Prozesssteuerung entweder einen Melkstand mit automatischer Melkzeugabnahme oder einen Melkroboter geben.
In der Schweiz noch wenig verbreitet
Wie kommt dieses System in der Schweiz bisher an? Die Verbreitung von Autodry sei bislang nicht sehr weit fortgeschritten, berichtet Thomas Schmid, Verkaufsleiter von GEA. Nach seinen Angaben habe man die Autodry-Software in der Schweiz bislang zwei Mal verkauft. Unter anderem an den Strickhof in Lindau ZH.
Susanne Meese, Bereichsleiterin des Teams Tierhaltung und Milchwirtschaft am Strickhof, erklärt, dass die Software in Kombination mit dem Tandem-Melkstand von GEA zwar für Forschungsbedarf zur Verfügung stehe, aber aktuell nicht zum Einsatz komme. Trockengestellt werden die Kühe auch am Strickhof abrupt. Parallel dazu wird die Fütterung angepasst.
«Die ersten beiden Tage nach dem Trockenstellen muss man bei der Tierkontrolle besonders genau hinschauen, um eventuelle Infektionen früh zu erkennen und rechtzeitig Massnahmen zu ergreifen.» Grundsätzlich stelle diese Praxis auf dem Strickhof für die Tiere kein Problem dar. Die Euterrückbildung beginne nach etwa 16 Stunden Melkpause und der Euterinnendruck nehme nach 24 Stunden bereits ab, weshalb die Autodry-Methode bisher auf dem Strickhof nicht in den Anwendungsbereich gekommen sei, so Meese.

«Ich probiere gerne Dinge aus»
Auch Landwirt Christoph Haefely hat vor zwei Jahren in die Autodry-Software investiert. Er ist zurzeit der einzige Landwirt in der Schweiz, der Autodry beim Trockenstellen seiner Milchkühe nutzt. «Ich probiere gerne Dinge aus. In der Schweiz ist man in vielen Dingen eher konservativ eingestellt. Aber irgendjemand muss ja bei allem den Anfang machen», sagt Haefely. Ihm ist wichtig, ohne den Einsatz von Antibiotika trockenzustellen.
Die Phase der computergesteuerten Milchmengenreduktion dauert auf dem Betrieb von Christoph Haefely aus dem solothurnischen Hägendorf etwa 30 bis 40 Tage. Während dieser Zeit werden die Kühe täglich um etwa 5 Prozent weniger gemolken. Mittels Autodry werden die Kühe so lange sukzessive weniger gemolken, bis Haefelys Zielgrösse von 15 kg pro Tag unterschritten ist. Dann werden die Zitzen versiegelt und das Melken wird eingestellt.
«Natürlich erhöht sich auch dann anfänglich noch der Euterinnendruck etwas. Aber das Euter wird, im Vergleich zum abrupten Trockenstellen, deutlich weniger prall», erklärt der Milchviehhalter, der mit der Software sehr zufrieden ist. Im ganzen letzten Jahr habe er nur ein Euterviertel behandelt. «Man kann sagen, das System funktioniert», so Haefely.
Den Mut, Autodry auszuprobieren, hatte der Landwirt, weil er in seiner Herde keine Probleme mit hohen Zellzahlen hat. Für Betriebe, die vermehrt mit Euterkrankheiten zu kämpfen haben, eigne sich das Verfahren vielleicht weniger. Dies bestätigt auch Reto Beutel, Techniker der Firma GEA: «Das Autodry-Verfahren ist, wie uns die Forschung dazu zeigt, bei gesunden Tieren absolut unbedenklich.» Herrscht aber ein hoher Gesundheitsdruck in der Herde, sollte man die Tiere durch das unvollständige Melken nicht noch zusätzlich belasten. Fraglich ist, ob das abrupte Trockenstellen an dieser Stelle nicht noch belastender ist.

Ein Verfahren mit Potenzial, das noch mehr Erfahrung braucht
Vielleicht liegt der bislang nur langsame Einzug des Autodry-Verfahrens in der Schweiz daran, dass ein unvollständiges Gemelk in der Branche grundsätzlich eher unerwünscht ist – bei diesem Verfahren aber provoziert wird. Hinzu komme, dass die Schweizer Betriebe kleiner strukturiert sind als zum Beispiel in Deutschland, wo das Autodry-Verfahren schon mehr genutzt wird. «Wenn Betriebsleiterinnen oder Betriebsleiter an dem Autodry-Verfahren Interesse haben, kann dies im Rahmen der Fernwartung der Melksysteme mit ein paar Mausklicks installiert werden», sagt Reto Beutel. Dennoch gehe die Installation stets mit einer Beratung und Aufklärung einher, fügt der Techniker an.
Wichtig sei es natürlich, auch auf finanzieller Basis einen Mehrwert zu erkennen. Bei Betrieben, die ihren Antibiotika-Einsatz reduzieren wollten, könne sich die Investition in Autodry lohnen, um Medikamentenkosten einzusparen. Apropos Investition – für die Aktivierung der Software müssen Interessierte mit etwa 1500 Franken rechnen. «Das Herdenmanagementsystem Dairynet wird durch ein Abomodell finanziert, bei dem jedes Tier einzeln mit einem gewissen Rappensatz verrechnet wird», so Beutel. Bisher laufe die Software technisch gut. Ob sie sich in der Schweiz weiter etablieren wird, bleibe abzuwarten. «Ich gehe jedoch stark davon aus, dass die Software auf mehr Interesse stösst, sobald es von Landwirtsseite mehr Erfahrungsberichte darüber gibt», schlussfolgert Reto Beutel.
Hier geht es zu den Ergebnissen der Umfrage zur Trockenstellpraxis von Schweizer Milchviehbetrieben.

