Shamonda-Virus in der Schweiz: Vier tote Pferde und viele offene Fragen

Der Erreger, der seit dem Sommer bei Rindern für Schlagzeilen sorgt, ist bei vier toten Pferden nachgewiesen worden. Ob er tatsächlich die gehäuft gemeldeten neurologischen Ausfälle verursacht, ist aber noch unklar.

Seit Ende Juli erreichen die beiden Pferdekliniken der Vetsuisse-Fakultät – das Institut Suisse de Médecine Equine (ISME) in Bern und die Pferdeklinik des Universitären Tierspitals Zürich – auffällig viele Meldungen über Pferde mit neurologischen Symptomen.

Die Tiere wirkten zunächst teilnahmslos und abgeschlagen. Im weiteren Verlauf kamen Koordinationsstörungen, Muskelzuckungen, eine schiefe Kopfhaltung oder unsicherer Gang dazu. Bei einem Teil der Pferde besserte sich das Bild wieder, bei anderen war die Erkrankung so schwer, dass die Tiere eingeschläfert werden mussten.

Aus der gleichen Viren-Familie

Wochenlang blieb die Ursache unklar, bekannte Erreger konnten ausgeschlossen werden. Ende August dann eine erste Antwort: Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) hat gemeinsam mit der Vetsuisse-Fakultät das Shamonda-Virus im Hirngewebe zweier verstorbener Pferde nachgewiesen – eines aus dem Kanton Zürich, eines aus dem Kanton Bern.

Es ist dasselbe Virus, das seit August auch bei Rindern in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich zirkuliert und dort Fieber, Durchfall und Milchrückgang verursacht hat; die BauernZeitung hat darüber berichtet.

Eine Infektion von Pferden mit einem Virus dieser Virusfamilie, den sogenannten Orthobunyaviren der Simbu-Serogruppe, war in Europa bis anhin nirgends beschrieben worden. Inzwischen ist der Kreis grösser geworden: Wie die Vetsuisse-Fakultät auf Anfrage der BauernZeitung bestätigt, wurde das Virus in der Zwischenzeit im Hirnmaterial zweier weiterer Pferde nachgewiesen – total sind es damit vier tote Tiere.

Nachweis nur nach dem Tod möglich

Der Fund ist bedeutsam, aber noch kein endgültiger Beweis. «Sequenzierungsresultate des Virus aus Proben am IVI bei Rindern und an der Vetsuisse-Fakultät Bern bei Pferden zeigen, dass es sich um das gleiche Virus handelt», sagt Nathalie Rochat, Kommunikationsverantwortliche des IVI, auf Anfrage der BauernZeitung. Ob das Virus tatsächlich die Ursache der neurologischen Symptome ist, lässt sich damit aber nicht abschliessend belegen. Die Vetsuisse-Fakultät ist bei dieser Frage betont zurückhaltend: «Ob das in vier Fällen bei toten Tieren nachgewiesene Virus die Ursache für die beschriebenen Symptome ist, wissen wir heute nicht.»

Erschwerend kommt hinzu: Bei lebenden Pferden gelingt der direkte Virusnachweis bislang nicht. Weder im Blut noch im Nervenwasser (Liquor) liess sich das Virus bei erkrankten Tieren finden. Vermutlich, weil die Phase, in der es im Blut zirkuliert, sehr kurz ist. Ein Antikörpertest ist zwar möglich und wird am IVI zusammen mit einer Abklärung auf das West-Nil-Virus angeboten. Er zeigt aber nur, dass ein Pferd irgendwann Kontakt mit dem Virus hatte – nicht, ob dieser Kontakt tatsächlich für die aktuellen Symptome verantwortlich ist. Verdachtsdiagnosen stützen sich deshalb weiterhin vor allem auf das klinische Bild und den Ausschluss anderer Ursachen.

Weiterer Hinweis aus Deutschland

Das deutsche Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat inzwischen einen weiteren Hinweis geliefert: In der Gehirnprobe eines an zentralnervösen Störungen verendeten Pferdes aus Rheinland-Pfalz wurde eine hohe Viruslast festgestellt – ein Umstand, der laut FLI den Zusammenhang mit dem Krankheitsbild wahrscheinlicher macht. Auffällig ist zudem, dass solche neurologischen Ausfälle beim eng verwandten Schmallenberg-Virus, das seit 2011 bekannt ist, bislang nicht beobachtet wurden. Ähnliche Symptome sind hingegen vom Shuni-Virus bekannt, einem weiteren Vertreter derselben Virusfamilie.

Fälle vom Mittelland bis nach Graubünden

Regional lässt sich bislang kein klares Muster erkennen. Die über die Meldeplattform Equinella erfassten Fälle stammen aus verschiedenen Landesteilen – vom Mittelland über das Wallis bis nach Graubünden. «Eine mögliche Gemeinsamkeit ist die saisonale Exposition gegenüber blutsaugenden Gnitzen», erklärt die Vetsuisse-Fakultät, da Orthobunyaviren der Simbu-Serogruppe nach heutigem Wissen primär über diese Vektoren übertragen werden. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Shamonda-like-Virus und den gemeldeten neurologischen Fällen sei aber, wie erwähnt, noch nicht bewiesen.

Zur Frage, wie stark sich Pferdehalterinnen und -halter sorgen müssen, hält die Vetsuisse-Fakultät fest: Die bisherigen klinischen Beobachtungen zeigten, dass die Erkrankung auch mild verlaufen und sich wieder bessern könne – «das ist die beruhigende Seite».

Zur Einordnung im europäischen Kontext trägt auch das deutsche FLI bei: Neben den Rindern ist das Shamonda-Virus dort inzwischen auch bei einem Alpaka sowie – im Rahmen eines Monitorings – bei Schafen und Ziegen aus Baden-Württemberg nachgewiesen worden. Eine einheitliche Erfassung aller Fälle ist allerdings schwierig, weil für das Virus in Deutschland keine Meldepflicht besteht.

Nicht vorschnell auf Shamonda schliessen

Ausdrücklich warnt die Vetsuisse-Fakultät davor, bei neurologischen Symptomen automatisch von einer einzigen Ursache auszugehen. Für Pferde mit entsprechenden Ausfällen bleibe eine rasche tierärztliche Abklärung entscheidend. Neben dem Shamonda-like-Virus müssten insbesondere bekannte infektiöse Differentialdiagnosen berücksichtigt werden: das Equine Herpesvirus (EHV), das im Gegensatz zu Shamonda direkt von Pferd zu Pferd übertragbar ist, das West-Nil-Virus, dessen erster Schweizer Fall am 26. August bestätigt wurde, sowie die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Sie ist seit Längerem bei Pferden wie auch beim Menschen mit ähnlichen neurologischen Symptomen bekannt. Daneben käme eine ganze Reihe weiterer infektiöser und nichtinfektiöser Ursachen infrage.

Tierärztinnen und Tierärzte sind deshalb aufgerufen, sämtliche Fälle mit neurologischer Symptomatik samt Befunden und bisherigen Testresultaten bei Equinella zu melden. Verstorbene oder euthanasierte Pferde mit entsprechenden Symptomen sollen zusätzlich für eine Autopsie an das Institut für Tierpathologie der Universität Bern oder das Institut für Veterinärpathologie der Universität Zürich überwiesen werden. Nur so lässt sich die Datengrundlage für eine verlässliche Einordnung verbreitern.

Übertragung durch Gnitzen, keine Hinweise auf Zoonose

An der Übertragung ändert der Nachweis bei Pferden nichts: Das Virus wird nach heutigem Kenntnisstand durch Gnitzen übertragen, winzige blutsaugende Mücken, die vor allem in den warmen Monaten aktiv sind. Ein konsequenter Insektenschutz – etwa Decken, Repellentien oder das Einstallen der Tiere in den Dämmerungsstunden – senkt darum das Ansteckungsrisiko, auch wenn er keinen vollständigen Schutz bietet.

«Eine direkte oder indirekte horizontale Übertragung von Tier zu Tier ist unwahrscheinlich und wurde weder für das Shamonda- noch für das Schmallenbergvirus beschrieben», sagt Nathalie Rochat. Eine Übertragung von einem trächtigen Muttertier auf den Fötus sei dagegen beim Schmallenberg-Virus gesichert und beim Shamonda-Virus sehr wahrscheinlich – was für tragende Stuten, aber auch für Kühe, Schafe und Ziegen relevant bleibt.

Keine klinischen Fälle beim Menschen

Für Menschen besteht nach Einschätzung des IVI kein bekanntes Risiko. «Einzig das Oropouche-Virus, welches auch zu dieser Gruppe gehört, kann auch Menschen infizieren, gehört aber in eine andere Klade als das Shamonda- und das Schmallenbergvirus und ist daher nicht nahe verwandt», erklärt Nathalie Rochat. Klinische Fälle beim Menschen seien für das Shamonda-Virus bisher nirgends beschrieben.

Ebenfalls eingeordnet hat das IVI die zeitgleiche Meldung des ersten in der Schweiz nachgewiesenen West-Nil-Virus-Falls bei einem Pferd aus der Deutschschweiz Ende August. «Es handelt sich um den ersten Nachweis einer autochthonen, also einheimischen, Infektion mit dem West-Nil-Virus bei einem Pferd in der Schweiz überhaupt», so Rochat.

Einen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Viren gebe es aber nicht: Beide würden zwar durch Insekten übertragen, deren Ausbreitung durch warmes Wetter und den Klimawandel begünstigt werde – das West-Nil-Virus durch Stechmücken, das Shamonda-Virus nach heutigem Wissensstand durch Gnitzen. Während das West-Nil-Virus schon länger in mehreren europäischen Ländern bei Pferden nachgewiesen worden sei, sei das Shamonda-Virus vor 2026 in Europa nie aufgetreten und habe sich diesen Sommer sehr schnell ausgebreitet.

Zusammenarbeit mit dem Bund: anderer Ton als bei den Rindern

Im Sommer, als das Virus zuerst bei Rindern auftauchte, hatten sich Schweizer Landwirtinnen und Landwirte vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zeitweise im Stich gelassen gefühlt. Bei den Pferden fällt die Bilanz der Vetsuisse-Fakultät auf Nachfrage der BauernZeitung deutlich positiver aus.

Das Shamonda-like-Virus ist zwar auch beim Pferd keine meldepflichtige Krankheit. Die Vetsuisse-Fakultät arbeite aber – wie generell auch bei diesem Thema – eng mit dem IVI zusammen, das dem BLV angegliedert ist und aktuell den zentralen Beitrag zum Virusnachweis leistet. Der Bund übernehme nach wie vor die Kosten für die Diagnostik, was in den Nachbarländern nicht überall der Fall sei. Zudem habe das BLV den Aufbau des freiwilligen Meldesystems Equinella finanziert und leiste weiterhin einen wesentlichen Beitrag an den Betrieb der für die gesamte Pferdebranche wichtigen Plattform.

Was Tierhalterinnen und Tierhalter jetzt tun können

Eine gezielte Behandlung gegen das Virus gibt es nicht, betroffene Pferde können nur symptomatisch versorgt werden. Pferdebesitzerinnen und -besitzer, deren Tier entsprechende Symptome zeigt, sollen sich an ihre Tierärztin oder ihren Tierarzt wenden. Tierärztinnen und Tierärzte werden zudem gebeten, Verdachtsfälle vor einer allfälligen Überweisung bei der ISME-Pferdeklinik Bern oder der Pferdeklinik Zürich zu melden und den Fall zusätzlich als «Fall ohne Diagnose» bei Equinella zu erfassen.

Wie es weitergeht, ist offen. Die Vetsuisse-Fakultät und das IVI arbeiten gemäss eigenen Angaben mit Hochdruck an einer besseren Diagnostik und daran, die Krankheitsentstehung beim Pferd zu verstehen. Erst wenn das Virus auch bei lebenden, erkrankten Tieren zuverlässig nachgewiesen werden kann und mehr Autopsiedaten vorliegen, dürfte sich klären lassen, wie verbreitet die Infektion unter Schweizer Pferden tatsächlich ist. Und ob sie wirklich die alleinige Erklärung für die gehäuften neurologischen Fälle dieses Sommers ist.

Drei Begriffe, ein Erreger

Wer zurzeit über das neue Virus bei Rindern und Pferden liest, stösst auf drei verschiedene Bezeichnungen – Orthobunyavirus, Shamonda-Virus, Shamonda-like Virus –, die leicht für Verwirrung sorgen können; ein Überblick, was sie bedeuten.

  • Orthobunyavirus: die Virusgattung. Ein Sammelbegriff für eine ganze Gruppe verwandter Viren, zu der etwa auch das seit 2012 bekannte Schmallenberg-Virus gehört.
  • Shamonda-Virus: eine konkrete, seit den 1960er-Jahren bekannte Virusart aus dieser Gattung, die bisher vor allem in Afrika, Asien und Australien auftrat.
  • Shamonda-like Virus: die vorläufige Bezeichnung für den im August 2026 in Rindern in der Schweiz, Deutschland und Frankreich entdeckten neuen Erreger. Der Zusatz «-like» (englisch für «ähnlich») zeigt an: Das Virus ist eng mit dem Shamonda-Virus verwandt, aber ob es sich tatsächlich um dieselbe Art handelt, blieb zunächst offen.

Mittlerweile liegen genauere Erbgut-Analysen vor, die eine sehr hohe Übereinstimmung mit dem bekannten Shamonda-Virus zeigen. Das deutsche Friedrich-Loeffler-Institut verwendet deshalb inzwischen den Namen «Shamonda-Virus» ohne Zusatz. Andere Stellen, darunter das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, halten vorerst noch an «Shamonda-like» fest.

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