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Kälbergesundheitsdienst: Ursachen von Kälberdurchfall erkennen und den Erregerdruck senken

Viele Betriebe haben mit Kälberdurchfall zu kämpfen. Saubere Abkalbeboxen und Iglus sowie genügend Kolostrum in den ersten Lebensstunden senken den Erregerdruck und stärken die Abwehr der Kälber.

Kurz & bündig

  • Zentral bei der Bekämpfung von Neugeborenendurchfall ist die Stärkung des Immunsystems, wobei die Kolostrum- und Selenversorgung entscheidend sind.
  • Die Hygiene im Abkalbebereich beeinflusst massgeblich das Auftreten von Durchfallerkrankungen.
  • Haupterreger für Neugeborenendurchfall sind Rota- und Coronaviren, E. coli und Kryptosporidien.

Im vorliegenden Fall handelt es sich um einen Milchviehbetrieb (Laufstall) mit 50 Braunviehkühen. Die Kälber werden in den ersten Lebenswochen in Einzeliglus gehalten und später in einem Tiefstreulaufstall. Bei Platzknappheit kommen die neugeborenen Kälber teilweise direkt in den Tiefstreubereich zu den älteren Kälbern. Der RGS wurde zurate gezogen, weil nahezu alle Kälber im Alter von einer Woche an Durchfall erkrankt waren. Die Erkrankung verlief häufig schwer und ein Viertel der Kälber verstarben.

Immer alle Faktoren mitbeurteilen

Bei Durchfall handelt es sich um eine typische Faktorenkrankheit. Dies bedeutet, dass mehrere Auslöser für die Erkrankung notwendig sind, wobei sowohl Umweltfaktoren als auch Krankheitserreger eine Rolle spielen. Es müssen immer alle Faktoren mitbeurteilt werden. Herausgefunden werden muss, warum es zu einer Schwächung der Immunabwehr der Kälber kommt und wieso der Erregerdruck im Bestand erhöht ist. Mittels Kotuntersuchungen wird zudem abgeklärt, ob und welche Krankheitserreger beteiligt sind.

Neugeborenene Kälber sind besonders anfällig für eine Ansteckung mit E.-coli-Bakterien, Rota- und Coronaviren sowie Kryptosporidien. (Bild: «die grüne» / Peter Röthlisberger)

Welche Erreger spielen eine Rolle?

Bei der Abklärung der Durchfallursache ist es wichtig, das Alter der Kälber miteinzubeziehen. Die wichtigsten Krankheitserreger für Neugeborenendurchfall sind E. coli (Bakterien), Rota- und Coronaviren sowie Kryptosporidien (einzellige Parasiten). Ab der vierten Lebenswoche sind Kokzidien (Eimerien) neben nicht erregerbedingten Ursachen für einen Grossteil der Durchfallerkrankungen verantwortlich und die vorher genannten Erreger spielen keine Rolle mehr. In jedem Alter muss bei wässrig bis blutigem Durchfall in Kombination mit Fieber zudem an Salmonellen (Bakterien) gedacht werden. Nicht erregerbedingte Durchfälle sind vor allem durch Fehler in der Fütterung (z. B. Tränkemanagement, Proteingehalt des Festfutters) bedingt.

Durch eine ausreichende Kolostrumaufnahme sollten die Kälber genügend Abwehrstoffe erhalten, um sich gegen E. coli, Rota- und Coronaviren zu schützen. Kryptosporidien dagegen sind sehr widerstandsfähig in der Umwelt und der Erregerdruck entscheidet massgeblich über eine Erkrankung.

Im vorliegenden Fall wurden in der Mehrheit der Kotproben Kryptosporidien nachgewiesen.

Hygiene anpassen, um den Erregerdruck zu senken

Bereits in der Abkalbebox kann sich das Kalb mit Durchfallerregern anstecken. Sehr wichtig ist deshalb, dass die Abkalbung in einer sauberen Abkalbebox stattfindet, die jeweils nach 3 bis 4 Abkalbungen vollständig gemistet, mit dem Hochdruckreiniger rausgespritzt und für einige Tage leer gelassen wird. Bei hohem Erregerdruck oder direkter Neubelegung ist zudem eine Desinfektion empfehlenswert. Die Wahl des Desinfektionsmittels hängt von den vorhandenen Erregern ab, wobei nicht alle Desinfektionsmittel gegen Kryptosporidien wirksam sind. Nach der Abkalbung sollte das Kalb direkt von der Mutter getrennt werden, da sich in der Abkalbebox viele krankmachende Keime befinden.

Auf dem Betrieb werden die Kälber in Einzeliglus gehalten. Die Iglus sollten vor jeder Neubelegung gemistet, mit dem Hochdruckreiniger rausgespritzt und für mehrere Tage im Sonnenlicht stehen gelassen werden. Bei hohem Erregerdruck kann auch hier eine zusätzliche Desinfektion sinnvoll sein. Ein Igluabstand von mindestens 50 cm ist wichtig, um sicherzustellen, dass sich die Kälber nicht gegenseitig anstecken. Ein direktes Einstallen in den Tiefstreubereich zu den älteren Kälbern sollte vermieden werden, da dort die Ansteckungsgefahr sehr gross ist.

Eine hygienisch einwandfreie Abkalbebox ist für die Gesundheit des Kalbes sehr wichtig. (Bild: RGS / Charlotte Waldvogel)

Mit hochwertigem Kolostrum das Immunsystem stärken

Für eine optimale Immunabwehr ist die Gabe von 4 Liter qualitativ hochwertigem und hygienisch einwandfreiem Kolostrum in den ersten 6 bis 12 Lebensstunden matchentscheidend. Notfalls muss das Kolostrum gedrencht werden. Die Messung des Totalproteins im Blut der Kälber ist eine gute Möglichkeit, aufzuzeigen, wie gut ein Kalb mit Kolostrum versorgt wurde.

Weiter für die Immunabwehr wichtig ist eine ausreichende Versorgung mit Selen, wobei neben der Verabreichung von Selen an das Kalb am 1. Lebenstag insbesondere der Versorgung der Galtkuh Beachtung geschenkt werden muss. Mittels ausreichend Milch (mindestens 8 Liter/Tag) erhält das Kalb genügend Energie für das Immunsystem.

Für verschiedene Durchfallerreger (E. coli, Rota- und Coronaviren, Kryptosporidien) sind Muttertierimpfungen auf dem Markt, um den Immunschutz zusätzlich zu verbessern. Voraussetzung für einen guten Impfschutz ist eine einwandfreie Kolostrumversorgung. Verschiedene Immunglobulinpräparate mit Abwehrstoffen gegen E. coli, Rota- und Coronaviren können zudem als Notlösung verabreicht werden.

Christina Widmer ist Tierärztin bei Rindergesundheit Schweiz am Standort Zürich.

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