Die meisten Kühe kalben ohne fremde Hilfe, wenn sie genug Zeit und Ruhe haben. Darauf weist Jutta Berger hin, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Swissgenetics, in einer neuen Beitragsserie auf der Plattform «Die fruchtbare Kuh». Wer zu früh eingreift, kann aus einer normalen Geburt sogar eine Schwergeburt machen. Gefragt ist darum meist die stille Beobachtung aus Distanz, heute oft per Kamera und Handy.
Wenn es aber nicht ohne Hilfe geht, liefert eine Studie neue Anhaltspunkte, wie man der Kuh am besten hilft. Ein Forschungsteam hat sie am diesjährigen Weltkongress für Rindermedizin (World Buiatrics Congress) in Istanbul (TUR) vorgestellt. Die Fachzeitschrift «Elite» hat darüber berichtet.
48 Geburten, gemessene Zugkraft
Die Tierärztinnen und Tierärzte begleiteten 48 Kühe und Rinder auf einem Milchviehbetrieb mit rund 3000 Tieren im Nordosten Deutschlands. Aufgenommen wurden nur Geburten, bei denen das Kalb normal lag, also in Vorderendlage mit Kopf und Vorderbeinen voraus. Sobald Fruchthüllen oder Klauen sichtbar waren, warteten die Forschenden jeweils 30 Minuten, bevor sie Geburtshilfe leisteten. 26 Tiere zogen sie im Stehen aus, 22 im Liegen. Zwischen Kalb und mechanischem Geburtshelfer sass ein digitales Kraftmessgerät.
Die Geburtshilfe dauerte in beiden Gruppen im Mittel etwa zehn Minuten. Deutlich unterschiedlich war hingegen die Kraft: Bei den stehenden Tieren lag die höchste gemessene Zugkraft bei durchschnittlich 1121 Newton, bei den liegenden bei 847 Newton. Zur Einordnung: Das entspricht etwa dem Gewicht von 114 beziehungsweise 86 Kilo, die am Kalb hängen.
Das Kalb liess sich an der liegenden Kuh also mit weniger Kraft entwickeln, und zwar ohne dass es länger dauerte. Die Forschenden folgern daraus, dass eine Kuh, die Geburtshilfe braucht, nicht grundsätzlich zum Aufstehen gezwungen werden sollte. Unter geeigneten Bedingungen könne es sinnvoll sein, sie mit Seilen kontrolliert zum Abliegen zu bringen, also niederzuschnüren, und gezielt am liegenden Tier zu helfen.
Die Resultate sind allerdings vorläufig, die Datenerhebung läuft noch. Offen ist vor allem, ob weniger Zugkraft tatsächlich auch weniger Verletzungen bei Kuh und Kalb bedeutet. Das sollen weitere Untersuchungen zeigen.
Bauchpresse hilft mit
Auch die Empfehlungen von «Die fruchtbare Kuh» zielen in diese Richtung: Die Zughilfe sollte möglichst an der liegenden Kuh erfolgen, weil ihre Bauchpresse den Zug dann am besten unterstützt. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Muss das Kalb gedreht oder ein Bein beziehungsweise der Kopf gestreckt werden, geht das nur an der stehenden Kuh. Am liegenden Tier sind solche Korrekturen nicht möglich.
Wann nachschauen?
Nach dem Platzen der Fruchtblase dauert es bei Kühen oft noch anderthalb Stunden, bei Rindern noch länger, bis der Kopf des Kalbes aus der Scheide tritt. Solange die Wehen regelmässig sind und es vorwärtsgeht, gibt es keinen Grund einzugreifen. Eine Kontrolle ist dann angezeigt, wenn die Geburt vom normalen Verlauf abweicht:
- Die Kuh ist unruhig, zeigt aber keine kräftigen Wehen. Das kann auf Wehenschwäche hindeuten, ein Warnzeichen für Milchfieber.
- Trotz Unruhe und Wehen geht kein Fruchtwasser ab, etwa bei einem Überwurf.
- Der Kopf ist anderthalb Stunden nach dem Fruchtwasserabgang noch nicht zu sehen.
- Nur eine Klaue ist sichtbar.
- Die Klauensohlen zeigen nach oben: Das Kalb kommt rückwärts oder liegt auf dem Rücken.
- Teile der Nachgeburt erscheinen vor dem Kalb.
Sauberkeit zuerst
Jeder Griff in den Geburtsweg verlangt höchste Hygiene. Scheide und Umgebung werden mit warmem Wasser und Seife gewaschen, Hände und Arme bis zur Schulter gereinigt, Uhr und Ringe abgelegt. Lange Besamungshandschuhe und genug Gleitmittel schonen die Geburtswege. Der Handschuh schützt auch den Menschen: Ist das Kalb bereits tot, kann infiziertes Fruchtwasser über eine kleine Wunde eine schwere Blutvergiftung auslösen.

Bei der Untersuchung geht es um die Öffnung des Muttermunds, um Lage, Stellung und Haltung des Kalbes, um Lebenszeichen und um die Grösse im Verhältnis zum Becken. Ein Test: Passt eine flache Hand zwischen Kopf beziehungsweise Schultern des Kalbes und das Becken der Kuh? Wenn nicht, ist ein Kaiserschnitt die sicherere Lösung. Ein Kalb, das nicht reagiert, wenn man es zwischen den Klauen zwickt, ist übrigens nicht zwingend tot.
Nur während der Wehen ziehen
Ziehen ist erst angezeigt, wenn das Kalb korrekt liegt, der Muttermund ganz offen ist und die Geburt trotzdem stockt. Ketten oder Geburtsstricke kommen an beide Vorderbeine, oberhalb des Fesselgelenks. Abwechselnder Zug hilft, den Schultergürtel durchs Becken zu bringen. Bis der Brustkorb durch ist, wird in Verlängerung der Wirbelsäule der Kuh gezogen, danach Richtung Euter. Gezogen wird nur während der Presswehen, in den Pausen nicht. So werden die Geburtswege geschont und das Kalb bleibt über die Nabelschnur mit Sauerstoff versorgt. Mehr als zwei Personen sollten nie gleichzeitig ziehen.
Beim mechanischen Geburtshelfer, auch Kälberzieher genannt, ist besondere Vorsicht geboten. Er entwickelt eine enorme Hebelkraft und kann Kuh und Kalb schwer verletzen. Steckt ein grosses Kalb nach einem groben Auszugsversuch im Becken fest, lässt es sich auch per Kaiserschnitt kaum mehr lebend holen. Deshalb gilt: einen Versuch lieber früh abbrechen und bei Zweifeln sofort die Tierärztin oder den Tierarzt rufen.

