Eigentlich erlebte Manuela Fischer ihre Schwangerschaft als ganz normal. Zwar litt die Landwirtin aus dem luzernischen Ebersecken im heissen Sommer 2022 unter starken Wassereinlagerungen. «Dann hiess es, der Blutdruck sei etwas zu hoch», erzählt sie. Sie musste Tabletten nehmen und regelmässig zur Kontrolle. Eigentlich wollte sie im Spital Wolhusen LU gebären.
Präeklampsie mit HELLP-Syndrom
Doch dann ging plötzlich alles schnell: Bei einer Kontrolle wurde sie nach Luzern überwiesen. «Ausgerechnet in dieser Woche waren die Schwiegereltern in den Ferien, und wir melkten damals noch mit Melkstand, noch nicht mit dem Roboter. Weil wir hier oben oft keinen Handyempfang haben, konnte ich meinen Mann erst nicht erreichen. Mein Vater brachte mich dann nach Luzern», erinnert sich Manuela Fischer. «Im Spital kam dann der Schock. Sie haben mir sofort Infusionen gegeben, weil sie Angst hatten, ich könnte krampfen, weil ich schon so viel Eiweiss im Urin hatte.»
Die Ärzte stellten eine Präeklampsie – umgangssprachlich auch als Schwangerschaftsvergiftung bezeichnet – mit HELLP-Syndrom fest.
Manuela Fischer war erst in der Schwangerschaftswoche 30+4. «Dann kam die Ärztin und meinte, wenn ich jetzt in der 34. Woche wäre, würde sie das Kind sofort holen.» Für die heute 36-Jährige war diese Nachricht schwer zu verdauen. «Ich dachte, das geht doch nicht, ich muss doch jetzt noch 10 Wochen schwanger sein.»
Die Ärzte spritzten die Lungenreife. Zwei Tage später verschlechterte sich Manuela Fischers Zustand. Kurz darauf war klar: Das Kind musste geholt werden. «Mein Mann hat das Telefon mitten in der Nacht erst gar nicht gehört. Dann musste er noch jemanden fürs Melken organisieren.» Trotzdem schaffte es Patrick Fischer noch rechtzeitig ins Spital.
Frühgeburt in der 31. Schwangerschaftswoche
Um fünf Uhr morgens kam Alessia per Kaiserschnitt unter Vollnarkose zur Welt. Sie wog 1,3 Kilogramm und war 39 Zentimeter gross. Der Vater konnte seine Tochter kurz sehen, bevor sie auf die Intensivstation kam.
Als Manuela Fischer aus der Vollnarkose erwachte, war sie überfordert. Ihr Mann war da, aber kein Kind. «Da kam gleich jemand mit einer Milchpumpe. Ich dachte: Muss ich jetzt abpumpen? Kommt überhaupt schon Muttermilch?» Manuela Fischer selbst sah Alessia zunächst nur über das Telefon. Erst rund zwölf Stunden später durfte sie zu ihr.
Das fehlende Geburtserlebnis und die ersten Stunden ohne Kind hinterliessen Spuren. Sie habe ein Kind gehabt, aber zunächst keine richtige Verbindung zu ihm gespürt, sagt Fischer. Das Bild des vollkommenen Mutterglücks habe nicht zu ihrer Realität gepasst. «Ich dachte: Das ist mein Kind. Aber es hätte auch irgendein anderes sein können, gerade am Anfang, als sie noch die Sauerstoffmaske tragen musste und ich ihr Gesicht nicht richtig sah.»

Sie musste schnell wieder funktionieren
Alessia ging es den Umständen entsprechend gut. Sie war nie in akuter Gefahr, musste aber trotzdem zwei Monate im Spital bleiben. Ihre Mutter fuhr jeden Tag nach Luzern und verbrachte dort teilweise zwölf bis vierzehn Stunden. Gleichzeitig lief zu Hause der Bauernbetrieb weiter. Die Melkzeiten gaben den Tagesrhythmus vor. Ihr Mann habe alles möglich gemacht, um jeden zweiten oder dritten Tag mitkommen zu können, erzählt Fischer.
Die junge Mutter hatte eine grosse Operation hinter sich und musste trotzdem schnell funktionieren. Sie pumpte Milch ab, fuhr ins Spital, kam nach Hause und half, wo es nötig war. Wenn sie einen Tag nicht zu Alessia gefahren wäre, hätte sie wahrscheinlich noch stärkere Schuldgefühle gehabt, sagt sie.
Auch nach der Rückkehr wurde es nicht einfach. Alessia war ein sehr unruhiges Baby und wollte während Monaten praktisch nur getragen werden. Später kamen wiederkehrende Fieberschübe und Fieberkrämpfe dazu. Manuela Fischer war ständig gefordert – als Mama, im Haushalt und auf dem Hof.
Zwei Bauernbetriebe mit Milchkühen und Schweinen
Manuela und Patrick Fischer bewirtschaften einen Hauptbetrieb in Ebersecken sowie einen Pachtbetrieb im rund sechs Fahrminuten entfernten Altbüron LU. Insgesamt gehören 24 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche und 2,2 Hektaren Eigenwald dazu. Patrick Fischer übernahm den IP-Suisse-Betrieb 2018 von seinen Eltern.
Manuela Fischer, die in Schüpfheim auf einem Bauernbetrieb aufgewachsen ist, kam 2021 auf den Hof. Beide sind ausgebildete Landwirte und haben die Betriebsleiterschule BLS 1 abgeschlossen. Sie absolvierte die landwirtschaftliche Ausbildung nach ihrer Erstausbildung zur Kauffrau auf dem zweiten Bildungsweg.
Im Laufstall in Ebersecken stehen derzeit 36 Kühe der Rassen Braunvieh, Holstein und Red Holstein. Seit 2023 erleichtert ein Melkroboter die Arbeit. Gerade während der Heuernte sei dies eine grosse Entlastung, sagt Fischer, weil nicht mehr zu festen Melkzeiten zwingend jemand im Stall stehen müsse. Auf dem Pachtbetrieb gibt es Platz für 12 Galtkühe. So sind es im Moment 41 Kühe. Das Jungvieh ist auf einem Aufzuchtbetrieb. Die Milch wird von der Regio Chäsi Willisau abgeholt und in Kottwil zu verschiedenen Käsespezialitäten verarbeitet. Neben den Milchkühen halten Fischers auch Schweine. Zum Betrieb gehören 13 Abferkelplätze sowie rund 190 Aufzuchtjager, 150 Tiere in der Vormast und knapp 300 Ausmastplätze.
Auf dem Pachtbetrieb in Altbüron befinden sich die Galtkühe sowie Teile der Schweinehaltung. Eine dort wohnhafte Familie übernimmt die täglichen Stallarbeiten. Auf dem Hauptbetrieb hilft ein langjähriger Mitarbeiter mit einer Beeinträchtigung mit, der auch auf dem Betrieb lebt.
Wenn Kind und Bauernhof gleichzeitig Aufmerksamkeit brauchen
Gerade nach Alessias Geburt zeigte sich für Manuela Fischer, wie schwierig es sein kann, Familien- und Betriebsarbeit voneinander zu trennen.
Besonders belastend seien Situationen gewesen, in denen ihre Tochter geweint habe und sie nicht sofort zu ihr habe gehen können. Einmal sei sie am Melken gewesen, während Alessia geschrien habe. Ihr Körper habe sofort auf Alarm geschaltet: Ihr sei schwarz vor Augen geworden, zeitweise habe sie fast nichts mehr gehört. «Mein Kind hat gebrüllt, und ich konnte nicht umgehend zu ihr.» Eindrücklich in Erinnerung geblieben ist ihr auch, dass Alessia jedes Mal zu weinen begonnen habe, wenn ihre Mutter jemandem von der Frühgeburt erzählt habe.
Das Leben mit Kindern auf einem Bauernhof hat für Manuela Fischer viele schöne Seiten. Gleichzeitig seien Maschinen, Tiere und die ständig anfallende Arbeit eine zusätzliche Herausforderung. «Du musst viel mehr präsent sein. Überall lauern potenzielle Gefahren.»
Fischer habe es lange vermisst, sich wieder einmal ganz auf eine Arbeit konzentrieren zu können. Stattdessen muss sie gleichzeitig beim Kind, bei den Kühen, im Haushalt und bei den Angestellten präsent sein. «Gerade diese unsichtbare Mehrfachbelastung von Frauen in der Landwirtschaft wird von aussen nicht immer wahrgenommen», bedauert sie.

Psychologische Hilfe nach der traumatischen Geburt
Rückblickend vermutet Fischer, dass sie nach der Geburt in einer depressiven Phase steckte. Diagnostiziert wurde eine postpartale Depression aber nicht. Freude hat sie lange kaum empfunden – auch nicht am Muttersein. Es habe über ein Jahr gedauert, bis sie eine richtige Verbindung zu Alessia gespürt habe. Zwar seien ihr Anlaufstellen für psychologische Unterstützung genannt worden. Doch damals habe sie gedacht, dafür keine Zeit zu haben. «Ich hatte das Gefühl, ich muss jetzt einfach zu meinem Kind schauen.»
Erst als Alessia etwa drei Jahre alt war, sprach Manuela Fischer bei ihrer Frauenärztin offen darüber, dass sie das Trauma der Geburt aufarbeiten wolle. Kurz darauf begann sie eine Therapie. Dort wurde bei ihr eine Anpassungsstörung diagnostiziert. «Eine solche kann sich entwickeln, wenn man überraschend und unvorbereitet in eine völlig neue Situation gerät», erklärt Fischer. Ein grosses Thema seien ihre Schuldgefühle gewesen.
Im Kopf wusste sie stets, dass sie nicht schuld an der Frühgeburt ist. «Es kann wirklich niemand etwas dafür.» Trotzdem sei das Gefühl geblieben, dass Alessia ihretwegen einen schwierigen Start ins Leben gehabt habe. Gleichzeitig ist sie glücklich darüber, dass Alessia sich ganz normal entwickelt hat. Sie ist im August vier Jahre alt geworden und besucht mittlerweile die Spielgruppe.
Die Therapie hat Manuela Fischer geholfen, mit diesen Gedanken anders umzugehen und negative Glaubenssätze aufzulösen. Heute tritt das Erlebte zunehmend in den Hintergrund.
Nach vier Jahren kehrte die eigene Energie zurück
Lange hat sich Manuela Fischer wie ein Handy mit fast leerem Akku gefühlt: Kaum seien zehn Prozent Energie zurück gewesen, seien sie bereits wieder aufgebraucht gewesen. Erst nach rund vier Jahren hat sie das Gefühl bekommen, wieder Kraft für eigene Interessen zu haben.
Dazu gehören vor allem Tiere und Pferde. Etwa einmal im Monat besucht sie für ein, zwei Tage ihre Eltern und geht dort in der Umgebung mit ihren Freundinnen von früher ausreiten. Mit Alessia geht sie regelmässig zum Ponyreiten. Manchmal setzt sie sich einfach zu den Hühnern oder Kälbern. Auch Musik ist ihr wichtig und gibt ihr Kraft – von Helene Fischer bis Country.
Zudem hat Manuela Fischer einen Jahreskurs in Tierkommunikation begonnen. Sie könne sich vorstellen, später auch im Bereich Tierenergetik tätig zu sein, insbesondere mit Nutztieren.
Nach der Präeklampsie bleibt die Frage nach einem zweiten Kind
Ob Alessia einmal ein Geschwister bekommen wird, ist noch offen. Für Manuela Fischer ist nach den vergangenen Jahren lange nicht vorstellbar gewesen, woher sie die nötige Energie nehmen sollte. Dazu kommt die Angst vor einer erneuten schweren Schwangerschaft und einer erneuten Präeklampsie.
Einen Rat für andere Frauen, die nach einer schwierigen Geburt gleichzeitig Familie und Bauernbetrieb bewältigen müssen, hat Manuela Fischer heute klar: Unterstützung annehmen – und zwar möglichst früh. Eine Haushaltshilfe könne ebenso wertvoll sein wie psychologische Begleitung.
«Ich dachte lange, ich brauche das nicht und habe keine Zeit dafür», sagt sie. Im Nachhinein hätte sie sich früher Hilfe geholt. «Denn nur weil man funktioniert, heisst das nicht automatisch, dass man das Erlebte auch verarbeitet hat.»

