Aus der Sicht von Benjamin Laville, Leiter Product & Innovation Rindvieh bei Melior, beginnt die Fruchtbarkeit bereits früh: «Betriebsleiter müssen gut auf eine optimale Mineralisierung beim Jungvieh achten: Gerade wenn diese Tiere mit qualitativ eher schlechterem Futter gefüttert werden, ist eine gute Mineralstoffversorgung zentral», sagt er. Mit einer ausgewogenen Fütterung lasse sich Fruchtbarkeitsproblemen vorbeugen, betont er.
Auch Anja Schmutz, Fütterungsberaterin an der Liebegg, ist dieser Meinung: «Wenn ein Abkalbealter von 24 Monaten angestrebt wird, ist die Mineralstoffversorgung nicht zu unterschätzen.» Bestehen bei den Rindern schon Mängel, so zieht sich das weiter durch das Leben einer Kuh.
Wie sieht die optimale Versorgung aus?
Für Anja Schmutz beginnt die Fruchtbarkeit einer Kuh schon bei der Geburt: «Der Grundstein für eine fruchtbare, leistungsfähige Kuh wird bei der Geburt gelegt. Ist die Kuh gut mit Mineralstoffen versorgt, hat auch das Kolostrum eine bessere Qualität. Erhält das Kalb genügend gutes Kolostrum, startet es mit einem guten Immunsystem stärker ins Leben», erklärt sie.
Hier ist der Einfluss von Beta-Karotin, einer Vorstufe von Vitamin A, nicht zu unterschätzen. Dieses ist nicht nur massgeblich an der Entwicklung der Follikel beteiligt, sondern auch an der Qualität der Biestmilch. Da vor allem frisches Gras viel Beta-Karotin enthält und dessen Gehalt im konservierten Futter mit der Lagerdauer abnimmt, ist die Versorgung durch den Winter ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Fruchtbarkeit.
Darüber, wie diese Versorgung aussieht, ist man sich nicht einig. Benjamin Laville würde Beta-Karotin als Kur einsetzen: «Situativ bei Fruchtbarkeitsstörungen zwei Wochen in der richtigen Dosierung ist eine wirkungsvolle Variante, die zudem kostengünstiger ist.» Für Schmutz hingegen gehört es spätestens ab Januar dazu, dass eine Kuh mit Beta-Karotin versorgt wird. Karotten sind das einzige im Winter verfügbare Futtermittel, das Beta-Karotin enthält. Ansonsten sollte es mit den Mineralstoffen gegeben werden. Selbstverständlich ist nicht nur Beta-Karotin wichtig, sondern insgesamt eine gute Mineralstoffversorgung.

Energieversorgung in der Startphase ist zentral für die Fruchtbarkeit
Eine gute Versorgung mit Mineralstoffen und Beta-Karotin ist nicht der einzige Hebel, um die Fruchtbarkeit zu fördern. Benjamin Laville sieht immer wieder, dass in der Ration ein Eiweissüberschuss vorgelegt wird. Doch für eine ausgewogene, leistungsgerechte Ration ist der Anteil an Energie zentral. Dieser Faktor wird oft unterschätzt: «Die Energieversorgung ist ein oft unterschätzter Hebel, um die Fruchtbarkeit zu fördern», erklärt Laville. «Hat eine Kuh Zysten, so kann man in der Fütterung vier bis sechs Wochen zurückschauen, um dort die Ursachen zu finden.»
Laville und Anja Schmutz sehen durch die aktuelle Futterknappheit ein Risiko auf vielen Betrieben. Gerade die Maissilage ist dieses Jahr häufig von schlechterer Qualität: «Eine schlechtere Verdaulichkeit beim Mais gekoppelt mit einer geringeren Energiedichte», führt Schmutz aus, «dem sollte man in der Rationenplanung unbedingt Beachtung schenken.»
Wenn Futter zugekauft wurde, ist es umso wichtiger, die verschiedenen Futterkomponenten gut aufeinander abzustimmen. Hier ist darauf zu achten, dass die TS-Aufnahme nicht zurückgeht: Denn das Erste, das leidet, ist die Energieversorgung. «Ist die Qualität des Futters nicht gut, sinkt der TS-Verzehr, was wiederum eine Unterversorgung mit Energie zur Folge hat», erklärt Laville.
Besteht über einen längeren Zeitraum eine Unterversorgung mit Energie respektive ein Eiweissüberschuss, so leidet der gesamte Organismus. Die Leber wird stark belastet. Besonders wichtig ist deshalb eine gute Beobachtung der Herde. Der TS-Verzehr, die Wiederkautätigkeit, die Konsistenz des Kotes sowie die Erkenntnisse aus der Milchanalyse geben Aufschluss darüber, wie gut die Energieversorgung der Kuh ist.
«Nimmt die Kuh ab, nimmt sie nicht auf»
Zentral ist auch eine leistungsgerechte, phasenangepasste Fütterung. Wird eine Kuh während der Galtzeit wesentlich anders gefüttert, darf man die Pansenbakterien nicht vergessen. «Es braucht drei Tage, um die Pansenflora zu zerstören, und drei Wochen, um sie wieder aufzubauen», führt Benjamin Laville aus. Wenn sich das Galtviehfutter wesentlich von der Fütterung in der Startphase unterscheide, müsse mit einer längeren Anfütterungsdauer gerechnet werden, damit das Futter von der Kuh auch verstoffwechselt werden könne.
«Nimmt die Kuh ab, nimmt sie nicht auf», sagt Anja Schmutz unumwunden. «Bei einem Energiemanko in der Startphase läuft der Zyklus nicht schön an. Zudem sind die Eizellen von schlechter Qualität und wenig befruchtungsfähig.»
Auch Viren und Krankheiten können Ursache sein
Neben der Fütterung und der Mineralstoffversorgung gibt es allerdings noch andere Ursachen für Fruchtbarkeitsprobleme. Grundsätzlich betonen sowohl Benjamin Laville als auch Anja Schmutz, wie wichtig ein starkes Immunsystem bei der Kuh ist. «Fruchtbarkeit kann nicht nur durch eine optimale Fütterung gefördert werden», erklärt Laville, «auch Viren und andere Krankheiten können ursächlich dafür sein, wenn eine Kuh nicht stierig wird oder nicht lädt.»
Der Hitzestress des letzten Sommers zeigt längere Auswirkungen. «Seit es kühler geworden ist, hören wir vermehrt aus den Betrieben, dass sie im Stall mit erhöhten Zellzahlen, Lungenentzündungen und Klauenproblemen zu kämpfen haben», erzählt Schmutz.
Ein belasteter Organismus ist anfälliger für Krankheiten, deshalb ist ein starkes Immunsystem für die Fruchtbarkeit ebenso zentral. «Auch eine Leberreinigung kann die Kuh enorm darin unterstützen, gesund und fruchtbar zu bleiben», sagt Laville. Ist der Organismus einer Kuh zusätzlich mit Parasiten belastet, hat das nicht nur Auswirkungen auf die Leistung, sondern bis zuletzt auch auf die Fruchtbarkeit.

