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Die Zugtiere ziehen nicht mehr: Gönnerschwund bei Pro Specie Rara

Hinterwälder, Grüenochti, Stiefelgeiss: Einst waren die alten Tierrassen Flaggschiffe der Spendenkampagnen von Pro Specie Rara. Doch der Zeitgeist hat sich gewandelt, und das hat für die Stiftung ganz konkrete finanzielle Folgen.

Die Wachstumsjahre liegen hinter Pro Specie Rara. Um zehn Prozent sei die Zahl der Gönnerinnen und Gönner seit dem Pandemiejahr 2020 gesunken, meldete kürzlich das Nachrichtenportal «20 min»: von 14 000 auf 12 800. Auch die Zahl der Legate sei am Sinken.

«Bis vor drei Jahren hatten wir ein sehr gutes Wachstum, besonders während der Covid-Zeit», bestätigt Béla Bartha, Geschäftsführer der Stiftung. «Seitdem kämpfen wir mit einem sehr starken Rückgang.» Ein Beispiel: Beim Telefon-Fundraising, das früher zuverlässig mehr als 1000 neue Unterstützende pro Kampagne einbrachte, blieb die Stiftung erstmals unter dieser Marke. «Das schmerzt», sagt Bartha, und er sieht zugleich ein strukturelles Problem: «Das ist ein Publikum, das oft nicht bleibt.»

Demografie – aber nicht nur

Liegt das Problem bei der Demografie? Bartha widerspricht dem einfachen Erklärungsmuster. Zwar spendet die jüngere Generation tatsächlich weniger regelmässig. Doch das Publikum von Pro Specie Rara sei keineswegs überaltert: «An den Märkten sehen wir, dass unser Publikum sehr durchmischt ist, es hat viele Familien.» Das eigentliche Problem sei ein tiefer Wandel im Spendenverhalten: «Das Gönnerverhalten ändert sich generell, Leute gehen weniger langfristige Commitments ein.» Das treffe Pro Specie Rara besonders hart.

Denn was die Stiftung braucht, ist das genaue Gegenteil: Verlässlichkeit über Jahre und Jahrzehnte. Nur so können die seltenen Sorten und Rassen langfristig erhalten und gesichert werden.

Streuen statt fokussieren

Béla Bartha bringt den Widerspruch auf den Punkt: «Beim Fundraising arbeiten wir zunehmend mit Eintagsfliegen, in der Sache verfolgen wir aber eine Langfriststrategie. Das ist nicht einfach.» Gängige Strategien wie das Fokussieren auf wenige, imagestarke «Produkte» oder Standorte liefen ins Leere, wenn es darum gehe, die Vielfalt selten gewordener Rassen für kommende Generationen zu sichern. Denn ist eine Sorte an zu wenigen Standorten konzentriert, kann ein einziger Krankheitsbefall – etwa Feuerbrand bei Obstbäumen – die gesamte Linie auslöschen.

«Beim Fundraising arbeiten wir zunehmend mit Eintagsfliegen.»

Béla Bartha, Pro Specie Rara, über die Spendenakquise.

Vegan-Trend und Kritik an Nutztierhaltung

Innerhalb des eigenen Portfolios hat sich die Dynamik verschoben. Lange waren es die alten Nutztierrassen, die das grösste Interesse weckten. Das hat sich geändert: «Sammlungen für Tierrassen laufen heute deutlich schlechter – sie waren früher unser Zugpferd. Der Zeitgeist hat sich gewandelt, möglicherweise auch im Zusammenhang mit einem veränderten Verhältnis zur Nutztierhaltung und einer zunehmenden vegetarischen oder veganen Ernährung», führt Béla Bartha aus.

Er nimmt das pragmatisch: «Damit können wir umgehen, wir teilen die Kritik an der industriellen Massentierhaltung durchaus – unser Fokus liegt auf der Erhaltung gefährdeter Nutztierrassen und einer vielfältigen, standortangepassten und nachhaltigen Landwirtschaft.» Was ihn wirklich beschäftigt, ist etwas anderes: «Woran wir leiden, ist die mangelnde Kontinuität.»

Küchenchefs wechseln zu oft

Jahrelang hat Pro Specie Rara versucht, über die Gastronomie Sichtbarkeit und Absatz zu gewinnen. Das Fazit ist eindeutig: «Wir haben versucht, viel mit der Gastronomie zu machen, aber weniger erreicht, als wir wollten.» Der Grund: «Die Szene ist sehr volatil: Der überzeugte Küchenchef ist im nächsten Jahr schon wieder weg.»

Dabei gebe es durchaus Gastronom(innen), die mit Produkten von seltenen Sorten und Rassen arbeiten. Die Erfahrung zeige aber, dass solche Engagements oft unabhängig von einer offiziellen Labelpartnerschaft erfolgten und sich nur schwer langfristig absichern liessen.

Für eine Stiftung, die auf Langfristigkeit angewiesen ist, ist die Gastronomie damit als strategischer Partner weitgehend weggefallen. Kurzfristige Begeisterung und langfristige Verpflichtung passen hier nicht zusammen.

Das Label bleibt beliebt

Einen verlässlichen Partner hat Pro Specie Rara seit 1999 in Coop. Béla Bartha nennt die langjährige Zusammenarbeit «genial» – und ist sich ihrer Asymmetrie bewusst: «Für Coop ist der Umsatz aus dieser Zusammenarbeit im Gesamtgeschäft von untergeordneter Bedeutung. Umso erfreulicher ist es, dass Coop sich seit vielen Jahren für unsere Anliegen engagiert und den seltenen Sorten und Rassen Sichtbarkeit verleiht.»

Dabei ist die Stiftung für den Detailhandel, der auf konstante und verlässliche Lieferungen angewiesen ist, kein einfacher Partner. Da Pro Specie Rara bewusst auf ausländische Produktion verzichtet, schwankt das Angebot mit den Erntebedingungen. Fällt ein Jahr schlecht aus, gibt es keinen Ausweg: «Bei einem schlechten Jahr können wir nicht einfach aus dem Ausland importieren.»

Das Modell, das Pro Specie Rara in der Schweiz mit Coop etabliert hat, lässt sich nicht aufs Ausland übertragen. Entsprechende Versuche in Deutschland sind gescheitert.

«Das könnte dazu führen, dass wir eher als Labelorganisation angesehen werden.»

Béla Bartha über die Schwierigkeit, Produkte mit einem Siegel zu kennzeichnen.

Der Erfolg im Regal birgt aber ein Problem mit der Wahrnehmung, das Bartha offen anspricht: Das Label geniesst einen guten Ruf, ist beim Publikum beliebt und gut angeschrieben. «Allerdings könnte das auch dazu führen, dass wir eher als Labelorganisation gesehen werden denn als spendenbasierte Organisation.» Wer Pro Specie Rara als kommerzielles Gütesiegel wahrnimmt, fühlt sich weniger aufgerufen zu spenden.

Weniger Geld, mehr Verantwortung

Auch die öffentliche Förderung ist unter Druck geraten. Nach dem jüngsten Sparpaket des Bundes fliessen nur noch 50 Prozent der bisherigen Projektbeiträge. Pro Specie Rara wehrt sich politisch dagegen, weiss aber auch die eigene Lage einzuordnen: «Verglichen mit dem Ausland befinden wir uns auf einer Insel der Glückseligen.»

Eine grosse Hilfe für Pro Specie Rara sind nach wie vor Legate. Diese sind aber naturgemäss schwer zu planen. Das macht ein langfristiges Budgetieren schwierig. Das Grundproblem bleibt ungelöst: Die Aufgabe von Pro Specie Rara ist auf Generationen angelegt. Das Spendenverhalten der Gesellschaft entwickelt sich in die entgegengesetzte Richtung – weg von langfristigen Verpflichtungen und hin zu spontanen Einzelaktionen. Und digitale Kanäle verstärken diesen Trend eher, als dass sie ihm entgegenwirken.

Ob Bund, Kantone oder die Zivilgesellschaft die entstehende Finanzierungslücke schliessen – diese Frage lässt Béla Bartha offen. Was er klar benennt: Mit den zunehmenden Herausforderungen wie Klimawandel, Trockenheit und anderen Extremereignissen gewinnt die Vielfalt der Nutzpflanzen weiter an Bedeutung. Jeder drohende Verlust einer Sorte macht den Auftrag der Stiftung dringlicher. Und die Mittel werden gleichzeitig knapper.