Der Schweizer Obstverband (SOV) rechnet dieses Jahr mit rund 96 000 Tonnen Mostäpfeln – sieben Prozent mehr als im Vorjahr und rund 20 Prozent über dem Mehrjahresdurchschnitt. Bei den Mostbirnen wird nach dem alternanzbedingt schwachen Vorjahr eine Verdoppelung der Erntemenge auf rund 4000 Tonnen erwartet, womit die Ernte aber weiterhin knapp 40 Prozent unter dem langjährigen Schnitt bleibt.
Die Bäume weisen einen guten Behang auf – die Trockenheit der letzten Wochen und Monate macht sich vor allem bei der Fruchtgrösse bemerkbar.
Auch in der Ostschweiz zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. In den wöchentlichen Erntemeldungen der Fachstelle Obstbau TG/SH ist die Rede von durchweg hohen Zuckerwerten bei Äpfeln wie Birnen – ein direkter Effekt der zahlreichen Sonnenstunden.
Bei einzelnen Sorten wie Cox Orange wurde zudem wiederholt Glasigkeit festgestellt, eine physiologische Störung, wie sie unter Hitze- und Trockenstress häufiger auftritt. Die Reife schritt über weite Strecken des Sommers zügig voran, teils schneller als gewohnt, was den Betrieben enge Erntefenster bescherte. Bei den Birnen zeigte sich hingegen ein gegenläufiges Muster: Trotz hoher Zucker- und Festigkeitswerte verlief der Stärkeabbau bei praktisch allen Sorten verzögert.
«Sonne ist grundsätzlich nie falsch»
Stefan Anderes vom Thurgauer Obstverband bestätigt den Eindruck, mahnt aber zur Vorsicht bei definitiven Einschätzungen: «Noch ist es schwierig abzuschätzen, wie die Ernte ausfallen wird. Es gab schon immer wieder Überraschungen.» Die Situation habe sich zuletzt entspannt, sagt er – «es hat wieder Wasser». Die späten Sorten entwickelten sich positiv, «ausser natürlich dort, wo es Hagelschäden gab».
Insgesamt seien die Früchte eher kleiner ausgefallen, dafür von guter Qualität. «Sonne ist grundsätzlich nie falsch», so Anderes. Der Sommer sei gut für die Zuckerbildung gewesen, das Problem sei die Trockenheit und vor allem die grosse Hitze gewesen. Viele Betriebe hätten sich darauf eingerichtet und bewässert – «manche einfach mit dem Fass». Zu Menge und Preisen will er sich bisher nicht festlegen: Das sei im Moment noch schwierig abzuschätzen. Bei den späteren Sorten sehe es aber sicher besser aus, da diese noch vom Regen der letzten Wochen hätten profitieren können.
«Wir kennen das nicht»
Dass gerade die frühen Sorten stärker unter der Trockenheit gelitten haben, bestätigt Marlis Nölly von der Fachstelle Obstbau TG/SH am Arenenberg: Sie blieben kleiner, der Ertrag falle geringer aus. An der Qualität ändere das nichts – im Gegenteil: Gemessen worden seien sehr hohe Zuckerwerte, die Früchte seien «sehr gut zum Essen». Offen sei dagegen, wie sich die Frühsorten bei der Lagerung verhalten werden: «Einen Sommer wie diesen hatten wir noch nie: Wir kennen das nicht.»
Zur verbreiteten Glasigkeit bei Cox Orange liefert Nölly die fachliche Erklärung nach: Durch die Stoffwechselstörung tritt Zellsaft in die Zellzwischenräume aus, wodurch die Frucht glasig bis durchscheinend wirkt – meist verbunden mit einem schnellen Stärkeabbau und entsprechend steigender Zuckerkonzentration.
Ein solch schneller Stärkeabbau könne durch verschiedenste Witterungsbedingungen ausgelöst werden, nicht nur durch Trockenheit; entscheidend sei die generell schnelle Reifung, die in diesem Jahr zu beobachten war. Wenig verwunderlich reagiere daher gerade Cox Orange sortenbedingt mit verstärkter Glasigkeit. Glasige Früchte gären zudem schneller, was zu Alkoholgeruch führt – hierzulande unerwünscht, anders als etwa in Japan, wo bei der beliebten Sorte Kiku eine leichte Glasigkeit als Qualitätsmerkmal für besondere Süsse gilt und geschätzt wird.
Beim Mostobst hänge viel davon ab, wie stark der Hagel einzelne Lagen getroffen habe, so Nölly. Wie viel effektiv angeliefert werde, zeige sich erst nach der Ernte: «Wir schätzen die hängende Ernte, was danach auf dem Markt passiert und angeliefert wird, können wir nicht vorhersehen.»
Haupternte beginnt nächste Woche
Die eigentliche Haupternte bei Sorten wie Jonagold, Golden Delicious oder Boskoop steht gemäss den Arenenberg-Meldungen erst in der Woche 38 an – just zu jenem Zeitpunkt, zu dem sich laut Anderes dank der jüngsten Niederschläge auch die Aussichten für die späteren Sorten verbessert haben. Ob sich der positive Trend bestätigt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

