Auf der Alp Le Crêt de la Monse im Kanton Freiburg geht es los. Die Milch ist bereits gebrochen, der Käsebruch wird im Kupferkessel über dem offenen Feuer erhitzt. Während die Mitglieder der «Kommission-2» ihre Unterlagen ausbreiten und die Erhebungsblätter der letzten Inspektion von 2008 bereitlegen, legt der Sohn des Älplers, Théo Remy, Holz nach. Langsam steigt die Temperatur unter dem Kessel. Jeder Handgriff sitzt. Der Alp-Käse kennt keinen Aufschub.
Das Käsekessi bestimmt den Takt
Während der Bruch aufgeheizt wird, beantwortet sein Vater, Nicolas Remy, ruhig die ersten Fragen von Kommissionspräsident Jean-François Borcard. Wie viele Tiere werden diesen Sommer gesömmert? Hat sich die Bestossung verändert? Wurden Stall oder Chalet erneuert? Sekretärin Elea Nuzzo hält jede Änderung direkt am Computer fest, während Förster und Fachleute bereits erste Blicke über Weiden und Gebäude schweifen lassen.

Dann verlangt das Chäs-Chessi wieder die volle Aufmerksamkeit. Gemeinsam mit seinem rumänischen Mitarbeiter Mihai hebt Nicolas Remy den Käsebruch in zwei Arbeitsgängen aus dem Kessi und legt ihn in die Pressformen. Wenige Minuten später liegen die jungen Gruyère-Laibe unter der Presse. Erst jetzt bleibt Zeit für den eigentlichen Rundgang.
Die Szene steht sinnbildlich für diese beiden Inspektionstage. Nicht die Älpler richten ihren Tagesablauf nach der Kommission aus – vielmehr passt sich die Kommission dem Arbeitsrhythmus der Alpbetriebe an. Der Alp-Käse hat Vorrang.
Alle 18 Jahre in derselben Zone
Die Freiburger Alpbetriebe sind in 17 Zonen eingeteilt. Jedes Jahr besucht der Freiburger Alpwirtschaftliche Verein eine dieser Zonen. Dadurch wird jede Alpregion im Turnus von 18 Jahren erneut inspiziert. In diesem Sommer stand die Zone IX, die Region Charmey–Motélon, auf dem Programm. Die vier Kommissionen vergleichen den heutigen Zustand der Alpen mit den Erhebungen aus dem Jahr 2008 und halten sämtliche Veränderungen fest.

Die Alpinspektionen verfolgen dabei ein klares Ziel. Sie dienen nicht der Kontrolle, sondern der Unterstützung der Alpbewirtschafter. Die erhobenen Daten liefern wertvolle technische und wirtschaftliche Vergleichswerte und zeigen auf, wie sich die Freiburger Alpwirtschaft langfristig entwickelt.
Darum interessieren sich breite Kreise für diese Inspektionen. Nationalratspräsident Pierre-André Page, selbst Landwirt im Kanton Freiburg, nahm an einer der Inspektionstouren ebenso persönlich teil, wie Staatsrat Didier Castella oder Grossratspräsident Bruno Marmier.
Das gelbe Büchlein ist das Gedächtnis der Alpen
Kaum jemand ausserhalb der Alpwirtschaft kennt es: das gelbe Büchlein. Für jede der 17 Alpregionen gibt der Freiburger Alpwirtschaftliche Verein ein eigenes, zweisprachiges Nachschlagewerk heraus. Darin ist jeder einzelne Alpbetrieb mit einer Aufnahme des Chalets sowie den wichtigsten Betriebsdaten dokumentiert.
Dieses Büchlein begleitet die Kommissionen während der gesamten Inspektion. Bei jedem Betrieb wird überprüft, welche Angaben noch aktuell sind und was sich seit der letzten Erhebung verändert hat. Eigentumsverhältnisse, Tierbestand, Bestossung, Infrastruktur, Wasserversorgung, Käseproduktion oder Wohnverhältnisse werden gemeinsam mit den Älplern besprochen. Die jeweilige Kommissions-Sekretärin erfasst sämtliche Änderungen direkt am Laptop. Aus diesen Daten entsteht später die neue Ausgabe des regionalen Alpbüchleins.
Die aufwendige Dokumentation kostet den Verein viel Geld, aber dieses Werk ist weit mehr als eine Datensammlung. Es dokumentiert die Entwicklung der Freiburger Alpen über Jahrzehnte und bewahrt gleichzeitig ein einzigartiges Stück alpiner Kulturgeschichte.
Die Trockenheit fährt überall mit
Noch bevor die erste Alp vollständig aufgenommen ist, kommt das Gespräch immer wieder auf dasselbe Thema zurück: den fehlenden Regen. «Hier oben ist es immerhin noch grüner als unten im Tal», stellt einer der Beteiligten fest. Ein anderer ergänzt: «Aber wenn es nicht bald regnet, wird auch hier das Futter knapp.»
Fast an jeder Station fallen Vergleiche mit den Trockenjahren 2003 und 2022. Noch präsentieren sich die Weiden der Region Motélon deutlich besser als viele Flächen im Flachland. Trotzdem bleibt die Sorge spürbar. Der dritte Aufwuchs fällt vielerorts bescheiden aus, einzelne Weiden beginnen auszutrocknen und die Älpler hoffen auf ergiebige Niederschläge.
In jeder der vier Kommissionen, die zwei Tage lang unterwegs sind, ist auch ein Förster dabei. Dieser beobachtet die Entwicklung des Waldes auf der und um die Alp jeweils aufmerksam. Der Trockenstress macht sich zunehmend bemerkbar, erste Bäume zeigen heuer Welkeerscheinungen. Die Waldentwicklung fliesst dann ebenso in die Beurteilung ein wie die Qualität der Weiden.
Alte Unterlagen erzählen neue Geschichten
Vor jedem Chalet schlägt Jean-François Borcard die Unterlagen von 2008 auf. Akribisch geht er Punkt für Punkt durch und stellt Fragen. «Der Eigentümer ist noch derselbe?», «Wie viele Tiere sömmerst Du heute?» und «Das Dach wurde inzwischen erneuert?»

Oft genügt ein kurzer Blick, um die Veränderungen zu erkennen. Neue Laufställe, modernisierte Käsekeller, sanierte Dächer oder Photovoltaikanlagen zeugen davon, dass in den vergangenen 18 Jahren kontinuierlich investiert wurde.
Vieles geschieht schrittweise, manches fällt erst beim direkten Vergleich mit den alten Fotos auf. Gerade diese langfristige Betrachtung macht den besonderen Wert der Alpinspektionen aus. Sie zeigen nicht nur den heutigen Zustand einer Alp, sondern erzählen ihre Entwicklung über Generationen hinweg.
Geschulte Augen sehen mehr als schönes Gras
Während die Formulare ausgefüllt werden, geht ein Kommissionsmitglied immer hinaus auf die Weiden. Dort interessieren Weidesystem, Vegetation, Ordnung und Sauberkeit. Welche Gräser dominieren? Gibt es Problempflanzen? Wie viele Koppeln stehen zur Verfügung? Reicht die Wasserversorgung? Wurden Drainagen erstellt oder Hangsicherungen gebaut? Wie entwickelt sich der angrenzende Wald? Die Diskussionen verlaufen fachlich, aber ausgesprochen kollegial.
Käse, Kühe und Zahlen
Anschliessend folgt jeweils der administrative Teil. Tierzahlen, Alpdauer, Arbeitskräfte, Stallungen, Wohnräume, Güllegruben, Käseproduktion oder Energieversorgung werden aktualisiert. Immer wieder entstehen dabei Gespräche über den Alltag auf der Alp.
Bei Nicolas Remy interessiert sich die Kommission auch für die Käseherstellung. Wie lange bleiben die Laibe unter der Presse? Wann kommen sie ins Salzbad? Welche Auswirkungen hat die Temperatur auf die Produktion? Geduldig erklärt der Älpler die einzelnen Arbeitsschritte. Man spürt rasch: Hier sprechen Berufsleute miteinander. Niemand muss sich rechtfertigen. Vielmehr werden Erfahrungen ausgetauscht, Probleme diskutiert und Lösungen verglichen.
Ein erfreuliches Gesamtbild
Je weiter die Kommission im Verlauf des Tages von Alp zu Alp zieht, desto klarer zeichnet sich ein gemeinsames Bild ab. Praktisch alle besuchten Betriebe präsentieren sich in einem ausgezeichneten Zustand. Die Weiden sind sorgfältig gepflegt, die Stallungen gut unterhalten und die Alphütten machen einen sehr gepflegten Eindruck. Wo investiert wurde, geschah dies mit Augenmass und unter Berücksichtigung der traditionellen Bauweise.

Trotz der aussergewöhnlichen Trockenheit hinterlassen die Alpen der Region Charmey–Motélon einen bemerkenswert positiven Eindruck. Die Kommissionsmitglieder anerkennen den grossen Einsatz der Älplerfamilien ausdrücklich.
Eine Momentaufnahme für die nächste Generation
Bis am Abend besucht die «Kommission-2» acht Alpen. Hunderte Angaben werden überprüft, zahlreiche Fotos aufgenommen und unzählige Beobachtungen notiert. In einigen Wochen erhalten die Bewirtschafter den fertigen Bericht. Er dokumentiert den Zustand ihrer Alp im Sommer 2026 – so wie dies bereits die Berichte von 2008 und frühere Inspektionen getan haben.
Vielleicht wird in achtzehn Jahren erneut eine Kommission am selben Küchentisch sitzen, dieselben Fragen stellen und wieder das gelbe Büchlein aufschlagen. Dann werden die heutigen Notizen selbst ein Stück Geschichte sein. Und vielleicht wird auch dann zuerst der Käse fertig gemacht, bevor die Inspektion beginnen kann.

