1904 gegründet als Zufluchtsort für sogenannte «Gartenhag- und Landstreicher», hat sich der Dietisberg über die «Arbeiterkolonie»-Jahre bis 2008 zu einer modernen Struktur gewandelt: Der Verein Dietisberg funktioniert heute als Holding mit den Gesellschaften Werken AG, Wohnen AG, Verwaltungs-AG und – seit 2019, nach dem Zukauf des Nachbarhofs Witwald – der Landwirtschaft GmbH.
Seither hat sich die Betriebsfläche verdoppelt: 100 Hektaren Land, 43 Hektaren Wald, verteilt auf drei Gemeinden. Mit 110 Bewohnerinnen und Bewohnern ist der Dietisberg fast so gross wie die kleinste Gemeinde im Kanton Baselland.
«Ich bin im Heim aufgewachsen»
Adrian Thomets Grossvater übernahm den Betrieb 1956 als Verwalter und wurde 1985 Heimleiter. «Ich bin im Heim aufgewachsen. Der Familientisch umfasste 60 Heimbewohner. Ich lebe also schon mein ganzes Leben lang mit Leuten zusammen, die aus dem sozialen Gefüge gefallen sind. Ich kenne ihre Thematiken gut», sagt Adrian Thomet. Diese Nähe prägt bis heute, wie er über seine Arbeit spricht: nüchtern, ohne Berührungsängste, aber mit spürbarem Respekt.

Freiwilligkeit als Grundprinzip
Auf den Dietisberg kommen Menschen, welche nicht selbstständig wohnen und/oder auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht bestehen können. Heute wird oft eine psychische Beeinträchtigung oder Suchtproblematik diagnostiziert.
Der Aufenthalt auf dem Dietisberg setzt voraus, dass beide Parteien dies auch so möchten. «Das ist für uns die Grundlage für das Zusammenleben. Es ist wie in einer Beziehung: Beide Partner müssen wollen – und auch sagen, was sie wollen», so Adrian Thomet.
Auf dem Dietisberg gilt ein striktes Alkohol- und Drogenverbot. Bei Verdacht auf einen Verstoss gegen diese Regel kann auch mal getestet werden: «Dies als Schutzmassnahme, wir möchten den Leuten helfen.» Früher spielte der Alkohol noch eine grössere Rolle. Weil die Bewohner samstags auch mal betrunken am Abendessen teilnahmen und es zu Raufereien kam, wurde das gemeinsame Samstagabendessen gestrichen – eine Regel, die bis heute gilt, auch wenn es «viel ruhiger geworden» sei.
Zwei Berufswelten unter einem Dach
Der Betrieb beschäftigt sowohl Fachleute aus sozialen Berufen als auch aus der Landwirtschaft – bei landwirtschaftlichen Arbeiten braucht es für alle Anleitenden mindestens einen Abschluss als Landwirtin oder Landwirt, und für mindestens die Hälfte der Mitarbeitenden zusätzlich einen Abschluss in einem sozialen Fachgebiet.
«Das Zusammenspiel der Anforderungen aus dem Fachgebiet und der sozialen Welt ist eine grosse Challenge. Nicht jede Person hat die Stärken in denselben Bereichen», erklärt Adrian Thomet. Organisiert wird der Betrieb über ein Vorarbeiter-System: Eine Person ist für den Stall verantwortlich, eine andere führt eine Gruppe aufs Feld.
Vom Stall bis zur Metzgerei: der Betrieb im Detail
Landwirtschaftlich ist der Dietisberg breit aufgestellt. 45 Stück Milchvieh liefern Milch für die eigene Käserei (180 Tonnen jährlich), die überschüssige Milch tränkt die Aufzuchtkälber. Die betriebseigene Metzgerei verarbeitet jährlich 12 Kühe, 20 Rinder und 10 Kälber, dazu kommen rund 300 Schweine aus eigener Mast und Aufzucht – für den Eigenbedarf, den Verkauf im Bergladen und die kulinarische Verköstigung der Gastronomie-Gäste.

Im Ackerbau stehen 15 Hektaren Getreide (Gerste, Triticale, Weizen) sowie 2,5 Hektaren Sonnenblumen, dazu Gemüse für den Eigenbedarf und 180 Obstbäume. Aus dem eigenen Wald werden jährlich 300 Festmeter geschlagen – der Grossteil heizt die betriebseigene Hackschnitzelheizung, das gute Holz geht in die eigene Schreinerei.
Zertifiziert ist der ÖLN-Betrieb nicht als Bio, arbeitet nach eigenen Worten aber «stark in Richtung Bio» – mit einem eigenen Label: «Q – Qualität vom Dietisberg, sozial produziert.»
Direktvermarktung als Erfolgsmodell
Der Verkaufsladen in Sissach und die konsequente Qualitätsorientierung haben dem Betrieb – wie vielen Direktvermarktern – während der Corona-Pandemie ein deutliches Wachstum gebracht, das bis heute anhält.
85 Bauernbetriebe aus der Region liefern Rohstoffe für das Label, ausschliesslich regional und saisonal. Über 10 000 Geschenkkistli wurden letztes Jahr verkauft. «Wenn jemand von einem Produkt enttäuscht ist, bleibt das», sagt Adrian Thomet zur Bedeutung der Produktqualität – und zum langfristigen Werbeeffekt, wenn ein Produkt einmal in einem Haushalt steht.

Wasser als Zukunftsfrage
Die Trockenheit ist für den Betrieb in diesem Jahr eine grosse Herausforderung – zumal der Dietisberg ohnehin nicht mit viel Wasser gesegnet ist.
Als Forschungsbetrieb der Universität Basel ist er Teil des Projekts «Slow Water» des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain: Ein grosser Retentionsteich, horizontale Sickergräben, Hecken- und Baumpflanzungen in Richtung Agroforst sowie Versuche mit verschiedenen Grasmischungen und Buntbrachen sollen das Wasser dort halten, wo es anfällt – auch um Überschwemmungen im Tal zu verringern.
Zusätzlich ist der Betrieb Teil einer Wassergenossenschaft mit zehn Höfen der Region. Geplant ist, die Flächen rund um das neue Retentionsbecken künftig für den Gemüseanbau zu nutzen. Denn davon würde der Betrieb für den Eigenbedarf gerne mehr selbst produzieren.
Arbeit mit Perspektive
Auf dem Landwirtschaftsbetrieb arbeiten vier Vorarbeitende, zwei Lernende sowie je nach Saison 8 bis 15 Leistungsnutzende. Ihre Hintergründe und Ziele unterscheiden sich stark: Manche sind nur für ein Time-out da, mit dem Ziel einer möglichst raschen Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt.
Andere – oft ältere Personen – brauchen vor allem Stabilisierung. Auch der Führungsstil unterscheidet sich: «Die älteren sagen eher: Du bist der Chef, Du musst mir genau sagen, wie es geht – da braucht es manchmal auch einen eher rauen Ton. Bei den Jungen dagegen kommt man damit nirgendwohin. Sie gehen die Dinge eher als Gruppenarbeit an», so Thomet.

Vom schlechten Ruf zum Dorffest
Lange hatte der Dietisberg in der Region einen schlechten Ruf – «wenn Du nicht Recht tust, kommst Du auf den Dietisberg», hiess es früher. Heute zeigt sich der Betrieb selbstbewusst nach aussen: mit dem Verkaufsladen, mit der Küche, die letztes Jahr 15 000 Gäste verpflegte, und mit dem jährlichen Fest, das früher «Bauern-Olympiade» hiess und heute mit Tag der offenen Tür, Handsägemeisterschaft, Gottesdienst und Brunch bis zu 3000 Besucherinnen und Besucher anzieht. Für die Bewohner ist der Anlass trotz des grossen Aufwands ein Höhepunkt im Jahr: Sie können ihre eigene Arbeit zeigen – und alle ziehen mit.

Betriebsspiegel
Name: Adrian Thomet, Leiter Bereiche Landwirtschaft und Werken
Ort: Dietisberg, Diegten BL (Land verteilt auf Diegten, Läufelfingen, Eptingen)
Trägerschaft: Verein Dietisberg (gegründet 1904), Holding mit Dietisberg Werken AG, Wohnen AG, Verwaltung AG, Landwirtschaft GmbH (seit 2019)
LN: 100 ha Land, 43 ha Wald
Tierbestand: 45 Milchkühe, Schweinemast/-aufzucht (~300 Schlachtungen/Jahr), Aufzuchtkälber
Ackerbau: 15 ha Getreide (Gerste, Triticale, Weizen), 2,5 ha Sonnenblumen, Gemüse für Eigenbedarf
Weitere Zweige: eigene Käserei (180 t Milch/Jahr), Metzgerei, Schreinerei, Hackschnitzelheizung
Label: Q – Qualität vom Dietisberg, sozial produziert (Eigenmarke)
Bewohner: 85 Männer, dazu 110 Personen in Tagesstrukturen, Aussenwohngruppe in Sissach
Mitarbeitende Landwirtschaft: 4 Vorarbeitende, 2 Lernende, 8–15 Leistungsnutzende (saisonal)

