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Drei Sekunden, um zu fesseln: Agro-Influencer Patrick Danuser

Knapp 100 000 Menschen folgen Patrick Danuser aus Bad Ragaz auf Social Media. Ein Porträt über Hasskommentare, Freundschaften unter Creators, Ribelmais-Poulet und den ersten Lehrling.

Das Ansteckmikrofon trägt einen Pelz. «Bei uns geht ja oft der Föhn», sagt Patrick Danuser. Ohne Windschutz wäre auf seinen Videos vor allem Rauschen zu hören. Mehr Technik braucht der Landwirt aus Bad Ragaz nicht: ein Handy, die Schnitt-App CapCut und meistens eine einzige Aufnahme. «Das muss gut genug sein. Die Leute mögen es authentisch, lieber ein Versprecher drin als zu gespielt.»

Danuser ist umtriebig, gesprächig, unkompliziert. Er erzählt gern und ohne Umschweife. Und doch wirkt er, als wäre er in Gedanken immer schon einen Schritt weiter: beim nächsten Video, beim Umbau des Wohnhauses, beim Lehrling, der im Februar kommt. Ganz da und doch nicht ganz.

Vom Zuschauer zum Creator

Angefangen hat es mit den Vorurteilen. In seinem Umfeld habe er gemerkt, wie viele davon es in der Bevölkerung gegenüber Bauern gebe, erzählt Danuser. «Da wollte ich etwas machen.» Inspiration fand er in Deutschland, wo Agro-Influencer schon länger eine grosse Sache sind. Und weil er ohnehin viel am Handy war, dachte er sich: Statt nur zu konsumieren, könnte er selbst aktiv werden. Das war 2024.

Wie es geht, war ihm schnell klar. Geholfen habe ausgerechnet seine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Dazugelernt hat er bei der Zusammenarbeit mit Firmen und Organisationen, etwa mit IP-Suisse, nach deren Richtlinien auch der eigene Hof produziert. «Die haben ein echtes Profi-Team. Man wächst da rein.» Die Anerkennung kam schnell: Ende 2025 kürte ihn das österreichische Fachmedium Landwirt Media zum beliebtesten Landwirt des Jahres, weil er online über die Herausforderungen und Erfolge spricht, die Bauern täglich erleben. Beim Agri-Influencer-Award an der Agritechnica in Hannover belegte er zudem den zweiten Platz.

Bei Danusers dürfen alle Tiere raus: An diesem Grundsatz hält der Betrieb fest. (Bild: Patrick Danuser)

Das traurige Erfolgsrezept

Ein gutes Video folgt bei Danuser einem simplen Bauplan. Das Wichtigste ist der Einstieg: «Du musst die Leute in den ersten drei Sekunden catchen.» Er macht das gern überspitzt und mit viel Positivität. Danach kommt der Inhalt, bei dem man sich gut überlegen müsse, was man rüberbringen wolle. Am Schluss steht der Aufruf, zu kommentieren und auf «Gefällt mir» zu drücken.

Warum das jedes Mal sein müsse, werde er oft gefragt. Die Antwort liefern die Zahlen: Lässt er den Aufruf weg, bringt ein Video noch 7 neue Follower statt der üblichen 50.

Einfach etwas erzählen reicht nicht. «Du musst polarisieren, das ist eigentlich das Traurige daran.» Mit überspitzten Beiträgen zu negativen Themen erreiche man mehr als mit positiven. Wer nicht polarisieren will, muss unterhalten, etwa indem er auch mal eine Panne zeigt. Das herzige Kälbli-Video, das nur 17 Leute toll finden und niemand kommentiert, sei vielleicht nicht das beste gewesen.

Am Ende seien ihm die Zahlen aber gar nicht so wichtig, ob 50 000 oder 80 000 Follower. Mehr beschäftigt ihn, dass nur 40 bis 50 Prozent seiner Follower die Videos tatsächlich anschauen. Wie er diese Leute besser abholen kann, darüber denkt er nach.

«Tierausbeuter» und Schlimmeres

Die Kehrseite der Reichweite steht in den Kommentarspalten. Rund 95 Prozent der Rückmeldungen seien positiv, sagt Patrick Danuser. Doch: «Zwei negative Kommentare beschäftigen dich mehr als hundert gute.» Als Tierausbeuter werde er immer wieder bezeichnet. Einmal ging es bis zu einer Drohung gegen sein kleines Kind, weil in der Nutztierhaltung nun mal Tiere geschlachtet werden. «Das geht einem schon nahe.»

Seit diesem Jahr setzt er bewusst Grenzen. Er liest nicht mehr alle Kommentare und diskutiert auf Instagram kaum noch mit. «Sonst hänge ich nur die ganze Zeit am Handy rum. Ausserdem versteht man sich sowieso immer falsch.» Für konstruktive Kritik sei er offen, lieber aber im direkten Gespräch, wie kürzlich am Stammtisch an der Schaffhauser Herbstmesse.

Eingemischt hat er sich vor der Abstimmung über die Ernährungsinitiative trotzdem. Als jemand behauptete, für ein Kilogramm Rindfleisch brauche es 15 000 Liter Wasser, schrieb er drei Kommentare dazu, wie es in der Schweiz aussieht. Denn für die regionale, extensive Weidewirtschaft im Grasland Schweiz trifft die Zahl nicht zu, hier sind es eher 150 Liter. Den negativen Stimmen kann er sogar etwas abgewinnen: Je besser ein Video laufe, desto mehr Kritik gebe es. «Es ist also eigentlich ein Gradmesser für den Erfolg.»

Freunde statt Follower

Das Schönste an der Sache sei aber etwas anderes: die Leute, die er kennengelernt hat. Patrick Danuser und andere Agro-Creators haben ein eigenes Grüppli, sind fast täglich im Austausch und besuchen sich gegenseitig.

Man trifft sich an Hochzeiten, Geburtstagen oder Betriebsjubiläen wie kürzlich auf dem Leimenhof in Wenslingen BL. Wer eine Frage stellt, bekommt schnell eine Antwort. «Es tut auch gut, einmal Frust loswerden zu können, und einer sagt: Das kenn ich.»

Die Frage der Frau

Der Hof in Bad Ragaz ist seit 1974 in Familienhand. 2012 stellte die Familie von Milchwirtschaft auf Mutterkuhhaltung mit Angus sowie Acker- und Gemüsebau um. Heute bietet der Laufstall Platz für 100 Rinder, den Sommer verbringt die ganze Herde auf der Alp Paradiel. In den letzten Jahren sind die Pouletmast und die Direktvermarktung dazugekommen. Hühner fand Patrick Danuser schon immer cool. Als ein Flyer kam, auf dem Mäster gesucht wurden, passte das: «Das Land wird eher nicht mehr.» Den entscheidenden Anstoss gab seine Frau, die nicht aus der Landwirtschaft stammt. Sie wollte wissen, warum Masthühner nicht wie alle anderen Tiere auf dem Hof an die frische Luft dürfen.

Ribelmais-Poulet vom mobilen Hühnerstall. (Bild: )

So kam die Familie auf den mobilen Hühnerstall. In Gams besichtigte sie eine solche Anlage: Peter und Anita Hardegger, die dort seit 2017 Ribelmais-Poulet produzieren, zeigten alles und gaben viele Tipps. «Ich bin so dankbar», sagt Danuser. Man telefoniere bis heute ab und zu. Im April 2023 zogen die ersten Hühner in den neuen Mobilstall. Nach jedem Umtrieb wird er verschoben, damit die Tiere frische Weide haben.

Nischen-Poulet ab Hof

Heute verkauft er einmal im Monat Ribelmais-Poulet ab Hof. Die Hühner gehören einer langsam wachsenden Rasse an, ihre Aufzucht dauert fast doppelt so lange wie bei herkömmlichen Poulets. Gefüttert werden sie hauptsächlich mit Rheintaler Ribelmais AOP. Ein teures Produkt und eine Nische, das ist ihm klar: «Man könnte niemals alles Poulet in der Schweiz so produzieren.»

Die Kundschaft kommt vorwiegend aus dem Sarganserland und aus Maienfeld, manche fahren eine Dreiviertelstunde. Ein Südtiroler Kollege riet ihm, das Fleisch per Post zu verschicken, von der Schweiz in die Schweiz sei heute auch regional. Danuser zögert. Es gebe auch in anderen Regionen gutes Poulet, findet er. Und er schätzt den direkten Kontakt.

Nicht für alle Zeit

Mit der Bekanntheit wächst die Nachfrage nach Danuser selbst. Manche Follower machen auf dem Weg in die Ferien einen Abstecher nach Bad Ragaz und wollen ein Foto. Pro Woche erreichen ihn derzeit rund drei Anfragen für Abschlussarbeiten, dazu kommen Medienanfragen. «Es tut mir leid, dass ich nicht jeden begrüssen kann.» Private Hofführungen für alle liegen nicht drin, der Terminkalender ist voll genug. Dafür ist er auf Messen wie der Olma oder der Schaffhauser Herbstmesse anzutreffen.

Dass Journalistinnen und Journalisten gern bei ihm anklopfen, hat einen einfachen Grund: Er ist keiner, dem man jedes Wort aus der Nase ziehen muss.

Kein günstiger Knecht

Im Februar beginnt auf dem Hof der erste Lehrling. Der Wunsch danach ist älter als die Videos. Patrick Danuser hat selbst eine Metallbaulehre gemacht und dort Lernende betreut. Als Fussballtrainer arbeitete er mit jungen Spielern. 2019 stieg er nach einer Verletzung Vollzeit auf dem elterlichen Betrieb ein, 2022 schloss er die Landwirtschaftslehre ab, und diesen Sommer erhielt er das Diplom als Meisterlandwirt.

Heute führt er den Hof gemeinsam mit seinen Eltern, die Übergabe ist in den nächsten Jahren geplant. Während der Meisterausbildung merkte er, dass ihn auch anderes interessiert, und erwarb das Diplom für Schule auf dem Bauernhof. Das lässt er aus Zeitgründen aber vorerst ruhen.

Mit dem Lehrling hat er bewusst gewartet, auch weil auf dem Hof gerade das Wohnhaus umgebaut wird. «Ich will nicht einfach einen günstigen Knecht», sagt er. Der Lernende solle alles machen können, was ein Landwirt lernt, und nicht bloss die Drecksarbeit. Gefunden hat er einen Quereinsteiger, der die Lehre als Zweitausbildung macht und vorher im Strassenbau gearbeitet hat. «Mit den Maschinen kann er auf jeden Fall schon mal umgehen.» Schwierig seien die Arbeitsspitzen: An manchen Tagen könnte man zwei Lehrlinge brauchen, an anderen keinen.

Und Social Media in der Ausbildung? Das sei heikel, sagt Danuser. Wenn der Lehrling Lust auf Videos habe, warum nicht. Er selbst teilt sich die Zeit bewusst ein und sagt den anderen Bescheid, wenn er am Schneiden ist. Denn man lasse sich schnell verleiten, nur noch am Handy zu sein. «Arbeiten sollten wir ja schon auch noch.»

«Die Leute mögen es authentisch»: Patrick Danuser (Bild: Patrick Danuser)

So entsteht ein Danuser-Video

  1. Der Einstieg: In den ersten drei Sekunden muss das Video packen, gern überspitzt und mit viel Positivität.
  2. Der Inhalt: Vorher überlegen, was genau rüberkommen soll. Wer nicht polarisieren will, setzt auf Humor, zum Beispiel mit einer Panne.
  3. Der Aufruf: Am Schluss zum Kommentieren und Liken auffordern. Ohne diesen Schritt bringt ein Video bei ihm 7 statt 50 neue Follower.

Ausrüstung: Handy, die Schnitt-App CapCut und ein Ansteckmikrofon mit Pelz gegen den Föhnwind.

Arbeitsweise: Meist nur eine Aufnahme, Versprecher bleiben drin. Fürs Schneiden nimmt er sich bewusst Zeit und sagt dem Team Bescheid.

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