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Obstbau: Stefan Müller vertraut auf Nützlinge – und erlebt keinen Super-GAU

Der Thurgauer lässt Gras und Blumen wachsen, stärkt seine Apfelbäume und greift gezielt ein, um Schädlingspopulationen klein zu halten. Mitunter tut er das von Hand und macht gute Erfahrungen damit.

In der Hälfte der Parzelle ging Stefan Müller das Öl aus, mit dem er seine Apfelbäume gegen Blattläuse behandelte. Das war vor 14 Jahren. Der Bio-Obstbauer aus Steinebrunn TG liess die zweite Hälfte unbehandelt – und stellte dort weniger Probleme mit Läusen fest. «Seither habe ich nie mehr Öl eingesetzt.» 

Erfahrungen bestärken im Weg mit möglichst wenig Insektiziden

In Stefan Müllers Apfelanlage fühlt man sich wie irgendwo zwischen Waldlichtung und Wiese. Das Gras wächst knöchel- bis kniehoch in den Fahrgassen und auch unter den Bäumen. Es ist mit Blüten durchsetzt, auf denen diverse Insekten sitzen.

«Ich sehe viele Florfliegen, Schwebfliegen, Marienkäfer, Raubwanzen, Zehrwespen und Schlupfwespen», schildert der Thurgauer. Er verlässt sich auf solche gefrässigen Nützlinge, verzichtet weitgehend auf Insektizide und hat einige Erfahrungen gemacht, die ihn in seinem Weg bestärken. «Ich habe in einer Parzelle Probleme mit der Komma-Schildlaus», erzählt Müller. Jetzt sei ein winziger Hartkäfer dort unterwegs, der die Läuse jage und sie bereits stark dezimiert habe. Ein andermal hat sich ein Wanzenproblem von einem Jahr aufs andere quasi von selbst erledigt. «Wahrscheinlich war das ein Parasitoid.» 

Die Bäume sind als schlanke Doppelspindeln erzogen. Kein Ast soll länger als Müllers Arm oder mehr als fingerdick sein. Das lässt Platz, um mit dem Traktor mit Doppelrädern durch die Reihen zu kommen.(Bild: Jil Schuller)
Vielfalt an Gräsern und Blumen zwischen und unter den Apfelbäumen bringt Futter für Nützlinge. Der Unterwuchs ist morgens immer feucht und scheint den Wasserhaushalt positiv zu beeinflussen.(Bild: Jil Schuller)

Apfelblütenstecher und Sägewespe sind die Ausnahmen

Es gibt zwei Schädlinge, bei denen Stefan Müller bisweilen reagieren muss – alle paar Jahre, wie er sagt: Der Apfelblütenstecher und die Sägewespe. «Im Frühling mache ich Klopfproben, um festzustellen, wo Apfelblütenstecher problematisch werden könnten», erläutert Müller sein Vorgehen. Falls nötig, greift er zu Pyrethrum. Der Wirkstoff ist zwar breit wirksam, schädige aber nur jene Insekten, die direkt davon getroffen werden. «Im ersten Moment ist alles tot. Aber später kommen neue Insekten aus ihren Verstecken.» Die Kollateralschäden minimiert Müller, indem er im Frühling bei tiefen Temperaturen und geringer Insektenaktivität gegen den Apfelblütenstecher vorgeht.

Anbindegummis als neuer Ansatz gegen Apfelblütenstecher

Zur Überwachung der Sägewespe setzt der Thurgauer Leimfallen ein. «Wenn viele darauf kleben, schätze ich ab, ob die Bedingungen in diesem Jahr den Schädling begünstigen.» Befallenes Obst entfernt er. In einer Problemparzelle kommt auch mal Quassan – ein Extrakt aus Bitterholz – zur Anwendung.

Heuer hat Müller allerdings einen anderen Ansatz. «In Holland hat man herausgefunden, dass Apfelblütenstecher in schwarzen Anbindegummis überwintern.» Daher hängt der Obstbauer kleine Bündel davon in seine Anlage, um sie im Frühling – samt den Schädlingen – wieder zu entfernen. «So möchte ich den Druck reduzieren. Und natürlich binde ich neue Jungbäume nur noch mit grünem Gummi fest», bemerkt er grinsend.

Apfelblütenstecher sollen in schwarzen Anbindegummis überwintern. Das will sich Müller zunutze machen, um sie aus den Anlagen entfernen zu können.(Bild: Jil Schuller)

Blühstreifen zwar nicht sehr prächtig, aber funktionell

Mit dem Anlegen von Blühstreifen in den Fahrgassen war Stefan Müller vor rund 10 Jahren ein Pionier. Er ist es geblieben, denn wenige Obstbauern taten es ihm nach. Aufgrund der sehr fruchtbaren Thurgauer Böden und viel Regen sind die Streifen zwar schnell weniger prächtig geworden, weisen aber nach wie vor ein gutes Blütenangebot auf. Je nach Reihe sieht man Fünffingerkraut, Storchenschnabel, Klee oder auch Platterbsen.

Hie und da wirft Müller eine Samenbombe oder verteilt Saatgut von Blumen, die er in der Umgebung gesammelt hat. Die Pflege der Blühstreifen und des Unterwuchses unter seinen Obstbäumen gestaltet der Thurgauer sehr extensiv. «Ganz gemäht wird erst, wenn es um die Ernte geht.» So will Müller es auch in den Parzellen halten, die er per 2026 neu übernehmen konnte. Allerdings soll der Unterwuchs dort mit günstigerem Saatgut und nicht als Blühstreifen nach DZV umgesetzt werden, um ein einfacheres System auszutesten. Er führt auch zusammen mit dem FiBL einen 4-jährigen Feldversuch mit einem von der Forschungsanstalt neu entwickelten Randblühstreifen durch.

Fingerkraut blüht im Sommer, wenn viele andere Pflanzen bereits verblüht sind.(Bild: Jil Schuller)
Diverse Nützlinge – wie diese Schwebfliege, deren Larve Blattläuse vertilgt – sind zwischen den Obstbäumen unterwegs.(Bild: Jil Schuller)

Betriebsspiegel

LN: 12 ha Obstanlagen (Äpfel und 1,5 ha Birnen)

Tiere: 27 Schafe, 8–10 Hühner

Arbeitskräfte: Betriebsleiter, zwei Mitarbeitende 60 Prozent ganzjährig, saisonal etwa sieben zusätzliche Angestellte

Vermarktung: Grösstenteils via Tobi Seeobst, etwas direkt via Gebana

Gereifter Kompost und biodynamische Präparate für starke Pflanzen

Neben der Förderung natürlicher Feinde gehört die Pflanzenstärkung zu Stefan Müllers Konzept. Sein Betrieb ist Demeter-zertifiziert und Präparate nutzt er sowohl als Spritzungen als auch als Beigabe in den Mistkompost seiner Schafe. Zum Schafmist kommen zudem Wolle, eigene Pflanzenkohle, Schnittgut, EM und Trester aus der Saftpresse von der kleinen Süssmostproduktion für den Eigenbedarf. Das Ganze reift abgedeckt während 8–10 Monaten unter zweimaligem Wenden. Für eine gute Bodenstruktur kommen zu den rund 10 m³ Mistkompost pro Jahr 100–150 kg/ha Kalk hinzu.

Stefan Müller ist gerne mit biodynamischen Präparaten unterwegs. Für ihn fördert es die Auseinandersetzung mit dem Betrieb und hilft, auch in nassen Jahren nicht den Mut zu verlieren. «Es ist vielleicht nicht 1:1 ökonomisch, aber wichtig für Freude und Sinn», beschreibt Müller das Gefühl. Auch vom selbstgebrauten Komposttee ist der Thurgauer überzeugt. Einmal pro Jahr bringt er Hornmist und Hornkiesel mit der Rückenspritze von Hand aus. «Das ist wie eine Pause. Ich sehe Details, die Bäume, Käfer – das gefällt mir.» 

Ein wichtiges Instrument ist der Bottich für die biodynamischen Präparate. Darin ist ein Rührwerk und es lässt sich auch Komposttee damit herstellen.(Bild: Jil Schuller)

Manchmal besser nicht in die Anlage gehen, bis die Nützlinge aufräumen

Nicht nur für dieses Erlebnis setzt Müller auf Handarbeit. Seiner Meinung nach wird unterschätzt, welche Wirkung einfache Massnahmen auch punkto Schädlinge haben können. Blattlauskolonien in zusammengeknüllten Blättern sammelt er z. B. ein. «Einmal habe ich zehn Stunden damit verbracht, Wanzenlarven zu zerdrücken. Seitdem ist die Population jeweils klein genug, dass die natürlichen Feinde sie kontrollieren können.» 

Zum Zeitaufwand gibt er zu bedenken, er sei ja Obstbauer. «Ich bin da für meine Bäume – wenn mir dafür die Zeit fehlt, mache ich etwas falsch.» Einen Super-GAU, dass also ein Schädling überhandnahm und massive Ausfälle verursachte, hat er trotz seiner alternativen Ansätze noch nie erlebt. «Schädlinge vermehren sich schnell. Ihre Feinde tun das auch.» Manchmal sei es besser, ein, zwei Tage nicht in die Anlage zu gehen, um die Nerven zu schonen. Danach stellten die Nützlinge das Gleichgewicht wieder her. Häufig liessen sich rechnerisch beträchtliche Schäden verkraften, wenn dafür teure Durchfahrten und Spritzmittel wegfallen, ergänzt Müller.

In kleinen Mengen Kupfer gegen Pilze

Beim Thema Pilzkrankheiten hingegen sei er Realist und spritze nach Bedarf Schwefel, Kupfer und vor allem Backpulver. «Die Genetik allein kann das nicht lösen», so seine Beobachtung. Schorfwiderstandsfähige Sorten würden lediglich ermöglichen, die Bäume mit gleich grossem Mitteleinsatz wie früher zu schützen. Nicht jedoch mit weniger.

Beim Kupfer ist sich Müller sicher, dass es nur bei grossen Mengen in kurzer Zeit zu einer Anreicherung und möglicher Schädigung des Bodenlebens kommt. «Ich verwende selten 1,5 kg Kupfer pro Hektare.» Aber einmal zu wenig bringe einen derart grossen Verlust, dass er das Risiko nicht eingehen will. Hier sieht Müller die Forschung in der Pflicht, um Alternativen zu finden. In seinem moderaten Kupfereinsatz sah er sich allerdings bestätigt, als ihm eine Bodenprobe eine Kupferdüngung für seine Apfelbäume empfahl.

Öl-Behandlungen würde Stefan Müller überall streichen

Basierend auf seinen Erfahrungen empfiehlt Stefan Müller, in Obstanlagen zum Einstieg erstmal jede zweite Fahrgasse mit blühenden Wildpflanzen einzusäen und extensiver zu bewirtschaften. Weniger häufig und weniger tief – nicht unter 10 cm – mulchen oder mähen. «Auf kleinen Flächen ausprobieren und sehen, was sich aufbaut.» Öl-Behandlungen würde der Thurgauer von jedem Betrieb streichen. Damit vernichte man sich im Frühling die Nützlinge, die dann das ganze restliche Jahr im Hintertreffen blieben. Zur Not greift er händisch ein. «Ich bin Obstbauer», findet er, «kein Maschinist.»

Schutz von Biodiversität und Schutz der Kulturen lässt sich verbinden.(Bild: BauZ)

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