Die zierliche Pflanze sieht aus wie eine kleinblütige, hochwüchsige Margerite: das einjährige Berufkraut, Erigeron annuus. Der aus Nordamerika stammende Korbblütler gehört zu den sich am stärksten ausbreitenden invasiven Neophyten in der Schweiz.
Vor allem an Wegrändern, Böschungen und in spät geschnittenen Wiesen kann das Einjährige Berufkraut bei ausbleibender Bekämpfung innerhalb weniger Jahre dominant werden und einheimische Pflanzenarten verdrängen.
Ein Pilotprojekt im Tessin für landesweites Problem
Die Direktzahlungsverordnung (Art. 58 Abs. 3) verlangt die Bekämpfung invasiver Neophyten auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Beim Berufkraut war bisher nicht klar, welche Bekämpfungsstrategie zum Erfolg führt.
Deshalb haben Daniel Slodowicz und Andreas Bosshard von der Firma Holosem und Erika Franc, Biologin aus dem Tessin, mit Unterstützung des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) und in Zusammenarbeit mit Agroscope, Agridea, kantonalen Dienststellen und landwirtschaftlichen Beratern ein Pilotprojekt im Tessin durchgeführt.
Ziel des Projektes war es, für die Landwirtschaft praxistaugliche Bekämpfungsmassnahmen zu entwickeln und zu testen.
10 Hektaren Wiesen mit zwei Vorgehensweisen
Zwischen 2023 und 2025 wurden im Tessin, wo sich das Berufkraut besonders stark ausbreitet, 22 extensiv genutzte Wiesen im Umfang von insgesamt 10 Hektaren mit unterschiedlichem Befall ausgewählt.
Auf 18 dieser Wiesen wurde das Berufkraut während zweier Jahre ein- oder zweimal vor der Samenbildung samt Wurzeln mithilfe von Zivildienstleistenden ausgerissen. Vier Wiesen blieben als Vergleich unbehandelt. Insgesamt wurden mehr als 100 000 Pflanzen entfernt.
Erhoben wurden die Befallsdichte vor und nach den Behandlungen sowie der investierte Zeitaufwand.
Starker Rückgang mit vertretbarem Aufwand
Das Resultat war erfreulich deutlich: Nach zwei Jahren war die Befallsdichte auf den behandelten Flächen im Vergleich zum Ausgangsbefall um durchschnittlich 90 Prozent reduziert. Für eine stark befallene Wiese von 0,6 Hektaren wurden während der zwei Jahre rund 24 Arbeitsstunden für das Jäten der Pflanzen benötigt, wobei der Arbeits- und Kostenaufwand je nach lokalen Gegebenheiten wesentlich von diesem Durchschnitt abweichen kann.
Ein Team aus fünf Zivildienstleistenden und einem Gruppenleiter konnte pro Arbeitstag durchschnittlich vier Wiesen mit mittlerem bis starkem Berufkraut-Befall behandeln – zusammen bis zu 2,4 ha. Ein solcher Einsatztag kostete im Schnitt rund 1300 Franken, inklusive Koordination, Fahrtkosten und Entsorgung des Pflanzenmaterials.
Bei zehn Einsatztagen pro Jahr liessen sich so rund 24 ha Wiese behandeln, zu Gesamtkosten von 13 000–17 000 Franken, je nach Befallsgrad. Damit lässt sich der Befall so weit reduzieren, dass eine weitere Ausbreitung künftig mit deutlich geringerem jährlichen Aufwand verhindert werden kann.


Empfehlungen für Landwirte und Behörden
Die Resultate machen deutlich, dass ein frühzeitiges Eingreifen ökonomisch die weitaus beste Option ist. Werden erste auftauchende Pflanzen vor der Mahd systematisch entfernt, liegt der geschätzte Aufwand auch in Befallsgebieten unter einer Stunde pro Jahr und Hektare.
Sobald der Befall auf einer Fläche zunimmt, steigt der Aufwand, die Art in Grenzen zu halten, entsprechend an. Das Bewusstsein, wie wichtig eine frühzeitige Bekämpfung ist, ist noch nicht überall vorhanden. Wir empfehlen deshalb, dass Erhebungen zum Vorkommen von Neophyten in die routinemässigen BFF-Kontrollen integriert und die Bewirtschaftenden systematisch informiert und beraten werden.
Ab 25 Pflanzen wird es schwierig
Werden durchschnittlich innerhalb eines Kreises mit einem Radius von 3 Metern mehr als 25 Pflanzen des Einjährigen Berufkrauts gezählt, übersteigt der nötige Aufwand rasch die Möglichkeiten von Bewirtschaftenden.
Eine Lösung können Zivildiensteinsätze sein, mit denen die Flächen saniert werden können, um sie anschliessend in die Verantwortung der Bewirtschaftenden zurückzugeben. Wichtig ist, dass die Bewirtschaftenden anschliessend systematisch und jährlich jäten und die Flächen sauber halten, was einen geringen, laufend abnehmenden Aufwand verursacht.
Das Ziel sollte sein, den Befall bei weniger als einer Pflanze pro 100 Quadratmeter zu halten, was bei frühzeitigem Eingreifen und regelmässiger Kontrolle vom Aufwand her sehr effizient ist.
Häufigeres Mähen ist nicht das Richtige
Das im Tessin durchgeführte Projekt liefert dank der grossen Anzahl an untersuchten Flächen und einer dreijährigen Beobachtungsperiode erstmals statistisch robuste Erkenntnisse zur Bekämpfung des Einjährigen Berufkrautes. Die wichtigste Erkenntnis: Mit konsequentem Jäten vor dem ersten Schnitt kann die Befallsdichte des Einjährigen Berufkrauts innerhalb von zwei Jahren um 90 Prozent reduziert werden.
Die Pflanzen müssen damit vollständig, mit Wurzeln, aus dem Boden herausgezogen werden. Bei feuchtem Boden geht dies deutlich besser als unter trockenen Bedingungen. Je kleiner die Dichte des Berufkrauts und damit, je früher und konsequenter vorgegangen wird, desto geringer ist der Aufwand. Das Jäten muss über mehrere Jahre konsequent fortgeführt werden, was somit nicht nur vorteilhaft für die Biodiversität, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Andere Studien zeigen demgegenüber, dass häufigeres Mähen oder andere Massnahmen nicht zu einer wirksamen Bekämpfung des Berufkrauts taugen.

Angebot für Regionen mit starkem Befall
Das Berufkraut hat sich in verschiedenen Regionen der Schweiz bereits so stark etabliert, dass Bewirtschafter oft überfordert sind mit der Bekämpfung des Berufkrauts. Die Ö+L GmbH organisiert u.a. zusammen mit Zivildienstleistenden Einsätze zur Bekämpfung. Interessierte Behörden oder Landwirte können sich melden unter info@agraroekologie.ch, wenn sie in ihrer Region ein Einsatzprojekt starten möchten

