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Vom Steilhang ins Glas: Ein perfekter Sommer für den «Rigi Wii»

Seit über 20 Jahren produziert Remo Müller oberhalb von Weggis Bioweine. So wenig Arbeit für den Pflanzenschutz habe er dank des sonnigen Wetters noch nie gehabt.

Lediglich zweimal habe er dieses Jahr seine Reben spritzen müssen, so wenig wie noch nie, sagt Remo Müller. Und die Lage werde wohl die Qualität der Trauben und Weine positiv beeinflussen. Auch Wassermangel sei hier, an den Hängen über Weggis LU, nie ein Problem gewesen.

Dank Höhenlage genügend Säure

In anderen Regionen hatte der heisse und trockene Sommer im Rebbau hingegen teils negative Konsequenzen: Die Reife war sehr früh erreicht, die Beerenhäute wurden dicker, die Trauben sind schlechter pressbar, die Saftausbeute ist geringer. «Bei grosser Hitze verdunstet in der Traube die Apfelsäure», erklärt Remo Müller. Hier am Berg mit tieferen Temperaturen und kühleren Nächten sei das weniger der Fall.

Sehr hoch sind dieses Jahr die Zuckergehalte. Umso wichtiger sei ein ausgewogenes Säureverhältnis. Mit den Laubarbeiten könnten Reife und Gehalte stark beeinflusst werden, erklärt der erfahrene Weinbauer von der Rigi. «Solche Sommer sind für den Rebberg hier positiv, ich hatte noch nie so wenig Aufwand.» Entscheidend sei die Sortenwahl, die müsse zur Lage passen.

Erste Reben vor 20 Jahren gepflanzt

An steiler Lage auf 700 m über Meer stehen inzwischen auf 8000 m² Reben mit den Sorten Souvignier gris, Solaris, Sauvignac und Divico.

Schon 2007 hat Remo Müller die ersten 400 m² Reben gepflanzt: Marechal Foch, Regent und Solaris. Viele bewährte, widerstandsfähige Sorten gab es damals noch nicht, so war er frei in der Wahl und auch ein Pionier bei der Vinifizierung.

In den folgenden Jahren baute Müller die Flächen weiter aus, es kamen Sorten wie Sauvignac und Souvignier gris  dazu, während auf Marechal Foch und Regent verzichtet wurde. Die Rebbaufunktionäre der Region wurden aufgrund von Müllers Erfolgen mit den noch wenig bekannten Sorten aufmerksam auf ihn. Heute würden genau diese Sorten offiziell von der Beratung empfohlen. «Was früher belächelt wurde, gilt heute als zukunftsweisend.»

Überholte Vorschriften

Doch der Weg war nicht immer einfach. Als Remo Müller seine Rebflächen offiziell bewilligen lassen wollte, galten Höhenlagen über 600 Meter vielerorts noch als ungeeignet für den Weinbau. Sein erstes Gesuch wurde abgelehnt.

Doch anstatt aufzugeben, blieb er seiner Überzeugung treu. Jahre später erhielt er die Ausnahmebewilligung. Heute zeigt sein Erfolg, dass sich der Weinbau in höheren Lagen angesichts des Klimawandels als zukunftsweisend erweisen kann.

Quereinsteiger in Kleinbetrieb

Remo Müller ist Quereinsteiger, stammt ursprünglich aus Cham ZG. Vor über zwanzig Jahren begann er ein Projekt, das viele für zu ambitioniert hielten. Der gelernte Sanitärplaner und Informatiker sah in den steilen Hängen hoch über dem Vierwaldstättersee Möglichkeiten, wo andere vor allem Schwierigkeiten erkannten.

Schritt für Schritt terrassierte er die Hänge, pflanzte Bäume, schuf Kleinstrukturen, förderte die Biodiversität und baute die notwendige Infrastruktur auf. Aus einem anspruchsvollen Hanggelände entstand über Jahre hinweg ein einzigartiger Bioweinbaubetrieb.

Prächtige Souvignier gris Trauben kurz vor der Ernte Ende August. Die Piwi-Sorte bewähre sich sehr und biete gegenüber Solaris einige Vorteile. (Bild: Josef Scherer)

Der Betrieb ist lediglich 2,5 ha gross, das Land sehr steil, in der Bergzone I. Dazu kommt eine ha Wald. Eine eigene Wasserquelle deckt den Bedarf – auch in diesem trockenen Sommer habe er immer genügend Wasser gehabt, gibt Remo Müller Auskunft. An diesen steilen Lagen sei wohl Rebbau die wirtschaftlichste Möglichkeit, das Land zu nutzen, findet er.

Heute stehen auf 8000 m² Reben, 93 Prozent der LN sind Biodiversitätsförderflächen. 1,1 SAK ist der berechnete Arbeitsbedarf des Betriebes, der somit als landwirtschaftliches Gewerbe gilt.  

Bio war immer das Ziel

Das Wissen rund um den Rebbau eignete sich Müller mit Ausbildungen in Wädenswil ZH an, viel auch im Selbststudium. Das Ziel sei von Anbeginn die biologische Bewirtschaftung gewesen, mit möglichst wenig Spritzen. Eine spezielle landwirtschaftliche Ausbildung (Nela) brauchte er nicht. «Damals war man froh, dass überhaupt jemand solch kleine Flächen an steilen Lagen bewirtschaftet.»

Die Arbeit auf dem Betrieb bewältigt Remo Müller alleine, zu Spitzenzeiten für Laubarbeiten oder die Traubenlese mit zusätzlichen Helfern. Er arbeitet aber noch zusätzlich 80 Prozent auswärts im IT‑Bereich. «Es sind aber schon lange Arbeitstage während der Vegetation», räumt er ein.

Ein Pionier mit Piwi-Sorten

Alle Sorten sind pilzwiderstandsfähig (Piwi), die Flächen sind dauerbegrünt. Anfänglich hätten ihm die Mäuse schon etwas Sorgen bereitet, seit fünf Jahren  verzichte er aber auf die Bekämpfung, erzählt Remo Müller.  Lediglich fünf bis sechs Reben von den mehreren Tausend Stöcken seien wegen Mäusen eingegangen. «Mäuse im Rebberg sehe ich wegen der Belüftung des Bodens sogar eher als vorteilhaft.»

Pflanzenschutz sei wenig nötig, sagt Müller. Seine Piwi-Sorten seien extrem resistent gegen falschen Mehltau, er habe noch niemals Kupfer spritzen müssen. Eingesetzt werden hingegen Schachtelhalmextrakte, saure Tonerde und Schwefel.

Luftige Lage am Berghang

Im aktuellen Ausnahmejahr habe er lediglich zweimal spritzen müssen, vor und nach der Blüte. In Normaljahren brauche es maximal vier bis fünf Behandlungen, vor allem gegen den echten Mehltau. Sehr pflegeaufwändig sei die blätterreiche Sorte Solaris. Mit einem guten Management bei der Gestaltung der Laubwand lasse sich sehr viel regulieren, bis zur Qualität und Inhaltsstoffe der Trauben. Die luftige Lage und gute Wasserversorgung der tiefgründigen Böden unterhalb einer Felswand würden zum gesunden Gedeihen beitragen, ebenso die Nord-Süd-Ausrichtung der terrassierten Rebflächen.

Kelterung der Trauben auswärts

Die Kelterung der Trauben erfolgt auswärts bei Weinbaubetrieben in Kastanienbaum LU und – im Fall der Souvignier-Gris-Trauben – in Tegerfelden AG. Mit den Weinen hatte Remo Müller schon nach wenigen Jahren grosse Erfolge, holte international Medaillen. Jährlich produziert er rund 4000 Flaschen, sechs verschiedene Weine.

Auch ein Nachbar von Remo Müller hat kürzlich einen neuen Rebberg am Rigihang angepflanzt. Das Interesse am Weinbau in der Region sei gross. (Bild: Josef Scherer)

Die Kombination aus Rebsorte, Terroir, Steillage und mediterranem Klima, der Artenvielfalt und dem natürlichen Anbau mache den «Rigi Wii» so charaktervoll, heisst es auf den Etiketten. Vermarktet wird ein Grossteil der Weine direkt, auch an einige Hotels.

Den Kunden will Müller Erlebnisse bieten und die Weine vor Ort präsentieren, derzeit wird dafür ein Degustationsraum ausgebaut. Zusätzlich bietet Müller im Wohnhaus auch ein Airbnb an, mit traumhafter Aussicht.

Die Regionalität betonen

Zum Konsumrückgang bei den Weinen und sinkendem Alkoholkonsum meint Remo Müller, es sei nicht seine Aufgabe, Kunden zu beeinflussen. Den Trend zu alkoholfreien Alternativen verfolgt er aufmerksam, doch er bleibt kritisch: «Für mich lebt Wein vom natürlichen Zusammenspiel seiner Inhaltsstoffe. Bei der Entalkoholisierung gehen viele Aromen und geschmackliche Eigenschaften verloren, die einen Wein ausmachen. Teilweise müssen diese anschliessend technisch oder technologisch kompensiert werden. Deshalb tue ich mich schwer, solche Produkte als Wein im eigentlichen Sinn zu bezeichnen.» Die Verfahren würden sich aber weiterentwickeln, und es sei durchaus möglich, dass künftig deutlich bessere Resultate erzielt würden.

«Regionale Weine in hoher Qualität haben eine Zukunft! Für inländische oder ausländische Massenweine wird es aber schwieriger», ist Müller überzeugt. Gerade die Zentralschweiz als junge Weinbauregion, mit vielen Innovationen und führend beim Anteil Piwi-Sorten, habe gute Karten. Grosses Potenzial sieht Müller in der weissen Piwi-Sorte Souvignier gris. Die sei viel weniger aufwändig und weniger heikel als Solaris.

Die Kunden müssten aber noch mehr über Regionalität und Anbauverfahren sensibilisiert werden. «Viele wissen gar nicht, was Bio beinhaltet.» Dann sei auch das Verständnis für die aufwandbedingt höheren Preise von Weinen aus der Region eher gegeben. Schliesslich gehe es um die Grundsatzfrage, was noch in der Schweiz produziert werden solle.

Die Vermarktung sichern

In der Region stellt Remo Mülle ein grosses Interesse für den Einstieg in den Weinbau fest. Auch in der unmittelbaren Nachbarschaft wurden in den letzten Jahren neue Rebberge gepflanzt; Müller hat dabei unterstützt. «Ich gebe mein Wissen gerne weiter», sagt er. Er warnt aber vor zu viel Euphorie: Vor allem sei es mit der Pflanzung alleine nicht getan. Sehr entscheidend seien das Durchhalten über Jahre und eine gesicherte Vermarktung, die längst kein Selbstläufer mehr sei.

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