Einen Sack oder Big Bag mit Saatgut öffnen, die Sämaschine befüllen, die Maschine nach der Aussaat reinigen: gewohnte Tätigkeiten, die jedes Jahr bei der Aussaat wiederholt werden und harmlos erscheinen. Handelt es sich jedoch um Saatgut, das mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurde, lösen sich durch die Reibung zwischen den Körnern während dieser Arbeiten feine, mit Wirkstoffen belastete Stäube. Dadurch wird der Anwender exponiert.
Das Risiko ist weniger offensichtlich
Bei Getreide können diese Stäube jene Fungizide enthalten, die zum Schutz des Saatguts und der jungen Keimlinge vor Krankheitserregern auf der Saatgutoberfläche oder im Boden eingesetzt werden. Für den Anwender kann das Expositionsrisiko weniger offensichtlich sein, als beispielsweise bei der Zubereitung oder Ausbringung einer Pflanzenschutzbrühe. Genau dieses Risikobewusstsein wollten Unisanté, Agroscope, Proconseil und die Generaldirektion für Landwirtschaft, Weinbau und Veterinärwesen des Kantons Waadt besser verstehen. Deshalb wurde im Herbst 2024 eine Umfrage unter Schweizer Landwirtschaftsfachleuten durchgeführt, die mit Saatgut arbeiten. Insgesamt konnte man 190 vollständig ausgefüllte Fragebogen auswerten.
Hinweise gelesen, aber nicht unbedingt umgesetzt
Die Umfrage zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Bewusstsein für das Risiko und der Umsetzung von Schutzmassnahmen. Die Mehrheit der Befragten (92 Prozent) erkennt zwar die künstliche Färbung des Saatguts als Hinweis auf eine Pflanzenschutzmittelbehandlung. Und 66 Prozent lesen die Etiketten auf den Säcken. Die Information wird als klar wahrgenommen. Zu lesen ist etwa der Hinweis: «Beim Öffnen der Saatgutsäcke und beim Befüllen der Sämaschine Schutzhandschuhe tragen. Staubbildung und Einatmen von Staub vermeiden». Trotzdem stellt nur eine Minderheit (14 Prozent) einen Zusammenhang zwischen den Warnhinweisen und tatsächlichen Schutzmassnahmen wie dem Tragen einer Maske oder dem Abstandhalten von der Sämaschine während des Befüllens her.
Die Reinigung der Sämaschine wird häufiger als staubige Tätigkeit erkannt: 46 Prozent der Befragten geben an, dabei mindestens eine persönliche Schutzausrüstung zu verwenden. Doch auch hier besteht weiterhin erhebliches Verbesserungspotenzial. So, um für das Tragen einer Maske zum Schutz vor dem Einatmen von Staub zu sensibilisieren. Ergänzend schützen Handschuhe die Haut.

A: Reinigung der sauberen Sämaschine mit einer Druckluftpistole (300 L Luft);
B: Reinigung der Sämaschine nach der Aussaat von mit Coral Extra behandeltem Weizensaatgut mit einer Druckluftpistole (300 L Luft);
C: Befüllen der Sämaschine mit 300 kg mit Coral Extra behandeltem Weizensaatgut;
D: Befüllen der Sämaschine mit 750 kg mit Coral Extra behandeltem Weizensaatgut. (Bild: Unisanté)

Es braucht ergänzende Kommunikation
Die Studie zeigt die Grenzen der alleinigen regulatorischen Information auf. Sie hilft beschränkt dabei, eine angemessene Wahrnehmung der Risiken sicherzustellen und die Anwendung von Schutzmassnahmen zu fördern. Das zeigt die Notwendigkeit, die Kennzeichnung durch eine angepasste Kommunikation zu ergänzen. Es gilt, klarzustellen, welche Tätigkeiten den Anwender am stärksten exponieren und welche Schutzausrüstungen geeignet sind. Wobei verschiedene Kommunikationsmittel und Sensibilisierungsmöglichkeiten genutzt werden sollten.
Ziel ist es, das Risiko sichtbarer und konkreter zu machen. Damit die Information nicht nur bekannt ist, sondern tatsächlich in Schutzmassnahmen umgesetzt wird.
Lohnunternehmer und Junge im Fokus
Besondere Aufmerksamkeit ist den Lohnunternehmern zu widmen, die mit grossen Mengen an Saatgut hantieren und eine grosse Anzahl an Einsätzen durchführen. Die Studie zeigt, dass sie zwar tendenziell besser geschützt sind als Betriebsleiter. Ein grosser Teil von ihnen ist bei diesen Tätigkeiten jedoch weiterhin unzureichend geschützt. Die Studie zeigt ebenfalls die Notwendigkeit, junge Anwender besser zu informieren.
Um diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, wurde 2026 ein entsprechendes Agridea-Merkblatt erstellt. Es basiert auf einfachen visuellen Symbolen und stellt die Arbeitsschritte, bei denen Staub entsteht, sowie die guten Schutzpraktiken dar. Im Kanton Waadt wurde ein vom Projekt Rés0sem und der ASS finanzierter Aufkleber an alle Waadtländer Betriebsleiter verschickt, mit der Aufforderung, ihn während der Aussaatzeit an einer für sie gut sichtbaren Stelle anzubringen. Der vorliegende Artikel, der zu Beginn der Aussaatperiode veröffentlicht wird, bietet die Gelegenheit, an die guten Praktiken zur Begrenzung des Expositionsrisikos bei den kommenden Arbeiten zu erinnern.
Einige einfache Massnahmen zur Begrenzung der Exposition
Die Schutzmassnahmen zur Begrenzung der Exposition bleiben einfach: Es geht vor allem darum, gute Gewohnheiten zu entwickeln und sich bei den entscheidenden Arbeitsschritten, bei denen eine Exposition unvermeidbar ist, mit geeigneter Schutzausrüstung zu schützen (Schutzhandschuhe, mindestens FFP2-Maske):
Beim Öffnen des Sacks: Direkten Kontakt mit Saatgut und Staub vermeiden. Geeignete Handschuhe und eine Maske tragen.
Beim Entleeren des Sacks oder Big Bags: Abstand halten, um sich weder in der Staubwolke noch direkt über dem Saatgutbehälter aufzuhalten. Eine Maske tragen.
Beim Einstellen und Reinigen der Sämaschine: Handschuhe und Maske tragen, insbesondere beim Ausblasen, um die Atemwege zu schützen.
Nach der Handhabung: Die Hände so bald wie möglich und in jedem Fall vor dem Essen, Trinken oder Rauchen waschen. Kleidung, die Staub ausgesetzt war, ausziehen.

