Kunstwiesen können viel. Anlässlich von Soil Evolution – dem «Festival für den Boden» – in Bern präsentierten HAFL-Dozent Beat Reidy und Agroscope-Forscher Olivier Hugenin Ergebnisse dazu, was solche Futterbauflächen in Ackerbau-Fruchtfolgen leisten.
So steigt mit dem Anteil Kunstwiesen in der Fruchtfolge der Humusgehalt der Böden. Mit längerer Standdauer verbessern sie die Aggregatsstabilität. Generell werden Regenwürmer und die biologische Aktivität im Untergrund gefördert.
Hinzu kommen Vorfruchteffekte wie je nach Fall reduzierter Krankheitsdruck und Reduktion von Unkräutern sowie die Bereitstellung von Stickstoff aus der Luft dank Leguminosen.
Verschiedene Komponenten mit unterschiedlichen Rollen
In der Schweiz sind Kunstwiesen praktisch gleichbedeutend mit Klee-Gras-Mischungen. «95 Prozent der Kunstwiesen hierzulande sind Mischungen, Reinsaaten bilden eine absolute Ausnahme», erläuterte Beat Reidy.
Gräser sorgen für Ertrag und hohe Futterwerte, Klee verbessert die Schmackhaftigkeit des Futters, bringt Protein und macht den Mix nutzungselastischer. Das heisst, die Kunstwiese behält auch nach mehreren Nutzungen ihren hohen Futterwert.
Dazu trägt weiter das Ablöseprinzip bei, das für die Zusammenstellung der Standardmischungen zur Anwendung kommt: Über die Zeit folgen auf schnell wachsende Klee- und Grasarten solche mit langsamerer Entwicklung, die nach der ersten Überwinterung erstarken und dominant werden.
Mit Standardmischung auf der sicheren Seite
Beat Reidy betonte die Vorteile der Standardmischungen (SM): Sie sind auf unterschiedliche Standorte und Ansprüche ausgelegt, enthalten nur geprüfte, empfohlene Sorten und die Rezeptur ist bewährt.
Das Gütezeichen der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus (AGFF) zeichnet Mischungen mit SM-Rezepturen aus und steht für hohe Saatgutqualität. Alle vier Jahre fliessen neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Versuchen in die Revision der SM ein, zuletzt 2025. Für jede SM gibt es detaillierte Angaben zur Standorteignung, zur passenden Bestandsführung und Nutzung.
«SM 440 ist in der Schweiz die am meisten verkaufte SM», sagte der HAFL-Dozent. Damit könne man praktisch alles machen – «vom Hornusserfeld im Sommer über Weiden bis Silieren». Verglichen mit anderen Mischungen braucht SM 440 aber relativ viel Wasser.
Entkoppelung schreitet voran und bringt Probleme
Trotz der erwähnten Vorteile von Kunstwiesen im Sinne einer Kombination von Futter- und Ackerbau beobachte man eine zunehmende Entkopplung von tierischer und pflanzlicher Produktion. Die Betriebe spezialisieren sich, die Anzahl gemischter Betriebe sinkt.
So beschrieb Beat Reidy die Entwicklung, die sich in der Schweiz und auch im Rest Europas zeige. Das führe zu Problemen im Nährstoffhaushalt und «vielen anderen Grössen». Gleichzeitig würden – ohnehin knapper werdende – Äcker immer mehr zu Futterzwecken genutzt. «Wir müssen Sorge tragen zu den Ackerflächen. Es stellt sich die Frage, in welchem Rahmen man es sich künftig erlauben kann, darauf Futter zu produzieren», findet Reidy.
Die Krux mit dem Durchwuchs von Italienischem Raigras
Nun sind Kunstwiesen aber nicht einfach nur praktisch. Beat Reidy und Olivier Hugenin nannten als bekannte Herausforderungen etwa Durchwuchs beim Verzicht auf Herbizide, Rückstände von Wurzeln und Stoppeln im Saatbett sowie erhöhten Druck durch Schnecken und Drahtwürmer.
Durchwuchs – insbesondere von Italienischem Raigras – beschäftigte auch die Zuhörer(innen) bei Soil Evolution. Zumal an dieser Veranstaltung pfluglose Systeme im Fokus standen.
«Das ist die Gretchenfrage, die wir erwartet haben», meinte Beat Reidy auf den Einwand aus dem Publikum, wie man dieses futterbaulich leistungsstarke Gras bei schonender Bodenbearbeitung in den Griff bekommen könnte. Italienisches Raigras könne auch mit Pflug ein Problem sein, bemerkte Reidy.
«Ohne Herbizid wird es schwierig», stellte er klar. Andere Verfahren, etwa oberflächliches Schälen mit dem Geohobel, könnten funktionieren – ihr Erfolg sei aber sehr wetterabhängig.
Einen hinsichtlich Ertragsleistung gleichwertigen Ersatz für Italienisches Raigras, bei dem das Durchwuchsproblem nicht auftrete, gebe es kaum. Westerwoldisches Raigras ist zwar eine wenig winterharte Form des Italienischen Raigrases, wintert unter den heutigen Klimabedingungen in der Schweiz aber kaum mehr vollständig aus.
Vorsicht mit Chicorée in der Kunstwiese
Die Forschung befasst sich in Zukunft unter anderem mit den Wirkungen verschiedener Anteile von Gräsern, Leguminosen und Kräutern in Futterbaumischungen. Beispiele sind etwa Spitzwegerich oder Chicorée. «Diese Arten haben das Potenzial für weitere Effekte bei gleichem Ertrag wie bei reinen Klee-Gras-Mischungen», erklärte Olivier Hugenin.
Sowohl Spitzwegerich als auch Chicorée gelten als trockenheitsrobust und können das Futter schmackhafter machen. «Besonders bei Chicorée ist es aber schwierig, den richtigen Zeitpunkt für die Ernte zu erwischen», bemerkte Hugenin.
Laut Beat Reidy setzen ihn Vollweidebetriebe als Trockenheitsversicherung ein. «Im Ackerbau ist aber das Durchwuchspotenzial nicht zu unterschätzen», warnte er. «Chicorée fühlt sich in Blattkulturen wie Kartoffeln sehr wohl.»
Herbizide so einsetzen, dass sie wirksam bleiben
Laut dem Monitoring von Agroscope (Stand 2022) gibt es in der Schweiz einzelne herbizidresistente Populationen von Italienischem Raigras, vor allem im Kanton Waadt. «Wegen der eher kleinen Landwirtschaftsbetriebe und abwechslungsreichen Fruchtfolgen ist die Verbreitung von Resistenzen in der Schweiz gegenwärtig gering», hielt Agroscope damals fest. Neuere nationale Zahlen gibt es nicht. Neben präventiven Massnahmen – vielfältige Fruchtfolge, angepasste Saattermine – sowie mechanischen Verfahren betonten Beratungsfachpersonen von Grangeneuve FR die Wichtigkeit, Herbizide, wenn, dann richtig einzusetzen. «Das Auftreten von Resistenzen kann durch mangelnde Wirksamkeit verschlimmert werden», so die Warnung. Daher seien die Produktempfehlungen wie Anwendungsstadien und Dosierungen immer zu beachten, Mischbarkeiten zu prüfen und passende Wetterbedingungen zu nutzen. Weiter gehört der Wechsel der Resistenzgruppen zum Resistenzmanagement. «Idealerweise wird pro Parzelle über die eingesetzten Produkte und deren Resistenzgruppen Buch geführt.»

