Frische Zuckerrüben können Futtermangel lindern, doch sie bergen Risiken im Pansen

Rüben, die nicht mehr zur Zuckergewinnung taugen, lassen sich frisch verfüttern. Es gilt aber, sie mit Bedacht einzusetzen.

Frische Zuckerrüben können Futtermangel lindern, doch sie bergen Risiken im Pansen

Noch 25 t/ha Ertrag und ein Zuckergehalt von elf bis zwölf Prozent: So lautete die Diagnose für die Rüben eines Landwirts, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Die Resultate habe eine Probe der Zuckerrübenfachstelle geliefert, schildert er am Telefon. «Die Rüben haben sich auch nach dem Regen im August nicht erholt», sagt er.

Die Rüben trotzdem ernten

Der tiefe Zuckergehalt hätte Abzüge bedeutet, ebenso die tiefe Ausbeute von 70 Prozent, was für den Bauern gegen die Lieferung an die Zuckerfabrik sprach. Ausserdem waren die ungespritzten IP-Suisse-Rüben zwar nicht faul, wiesen aber Frassgänge des Rübenrüsslers auf. Sie einfach zu fräsen und einzuarbeiten, fand der Bauer aber auch schade. Zumal hartnäckiger Durchwuchs drohte, weil es sich um Smart-Rüben handelt. «Ich habe die Fachstelle gefragt und viel telefoniert», fährt er fort. Schlussendlich hat er sich dazu entschlossen, die Rüben trotzdem zu ernten – und sie seinen Kühen zu verfüttern.

Pansenazidose als mögliche Folge

Normalerweise stammen die Zuckerrübenschnitzel, die auf Schweizer Betrieben auf dem Futtertisch landen, von den Zuckerfabriken. Dort fallen sie als Nebenprodukt bei der Zuckergewinnung an. Entsprechend wiesen diese bekannten Schnitzel einen deutlich tieferen Zuckergehalt auf als wenn frische Rüben verfüttert werden, erklärt Flurina Monn. Sie ist Beraterin im Bereich Tierhaltung am LZ Liebegg. Aufgrund des hohen Zuckergehalts müsse die Menge frischer Zuckerrüben in der Ration begrenzt werden. «Man sagt, maximal 1400–1600 g Zucker pro Tag und Tier in der Ration», so Monn.

Wenn die Rüben himmeltraurig aussehen, gilt es, die weiteren Schritte sorgfältig abzuwägen. (Bild: Jil Schuller)

Bei zu grossen Mengen bestehe wegen der schnellen Abbaubarkeit des Zuckers im Pansen das Risiko einer Pansenazidose. Bei grösseren Mengen in der Ration sei ausserdem der Einsatz eines Pansenpuffers sinnvoll. Den tiefen Strukturgehalt der Zuckerrüben gelte es mit strukturreichen Futtermitteln wie Heu oder hochwertiger Grassilage auszugleichen. Gleichzeitig kann der hohe Energiegehalt der Zuckerrüben mit Herbstgrassilage ausbalanciert werden.

Keine faulen Rüben füttern

So oder so empfiehlt es sich, wie bei jeder Futterumstellung langsam vorzugehen. So können sich die Pansenmikroben auf das neue Material einstellen und Verdauungsstörungen werden vermieden. Auch warnt die Fachfrau vor dem Verfüttern fauler Rüben und deren negativen Auswirkungen auf die Eutergesundheit und die Verdauung: «Neben Durchfallsymptomen ist auch ein Anstieg der Zellzahlen zu erwarten.» Für Galtkühe seien frische Rübenschnitzel aufgrund des hohen Energiegehaltes und somit des Risikos einer Verfettung weniger geeignet.

Erst etwas Futter in den Pansen

Frische Zuckerrüben gelten als «Saftfuttermittel» und sollten laut der Beraterin wie Kraftfutter erst dann gereicht werden, wenn die Tiere bereits etwas Futter im Pansen haben. Dies, um die angesprochene Pansenazidose zu vermeiden. «Ausserdem sollte man die Rüben gut zerkleinern, damit sie nicht selektiert werden können», fährt Flurina Monn fort. Laut Literatur sollten die Partikel dafür nur 1–2 cm gross sein. Durch das Zerkleinern lässt sich auch eine Schlundverstopfung verhindern. Die Rüben sollten sauber sein, um den Eintrag von Gärschädlingen und Krankheitserregern, zum Beispiel Clostridien, zu vermeiden.

Diese Rüben taugen nicht zur Zuckergewinnung. Durch den Einsatz als Futter haben sie immerhin noch einen Verwendungszweck. (Bild: Privat)

Mit einem normalen Mischwagen bringe man die Rübenschnitzel wohl nicht klein genug, schätzt die Fachfrau. Besser geeignet seien Rübenbröckler oder Häckselschaufeln. «Vor dem Zerkleinern allfällige Steine entfernen, sie sind ein Verletzungsrisiko», gibt sie einen weiteren Hinweis. Der eingangs erwähnte Landwirt hat einen Rübenbröckler von einem Berufskollegen ausleihen können. Die Schnitzel mischt er in die normale Ration. «Die Kühe mussten sich erst daran gewöhnen, aber jetzt fressen sie es gut», erzählt er.

Grosser Aufwand, aber besser als nichts

Zerkleinerte frische Rüben liessen sich auch silieren – aber besser nicht allein. «Möglich wäre eine Misch­silage mit Mais im Fahrsilo oder Herbstgras in Ballen», erläutert Flurina Monn. Der TS-Gehalt der Mischung sollte auf jeden Fall über 30  Prozent liegen, damit keine Verluste durch Gärsaft entstehen.

«Es ist schon ein ziemlicher Aufwand, Zuckerrüben nach der Ernte direkt zu verfüttern», fasst die Beraterin zusammen. Besonders aber für Betriebe, deren heuriger Silomais nicht den Erwartungen entspricht, können Zuckerrüben eine willkommene Ergänzung zur Deckung des Energiebedarfs sein.

Auch der besagte Landwirt sieht den grossen Aufwand. «Verdienen tue ich damit jetzt wohl nichts», ist er sich bewusst. Aber er geht davon aus, dass er mit dem Rübengeld der Zuckerfabrik bei dieser Qualität kaum den Roder und den Transport ins Werk hätte bezahlen können. Auch so musste er den Lohnunternehmer fürs Ernten kommen lassen. «Aber wenn alle nach Futter suchen, wäre es doch schade, die Rüben auf dem Feld zu lassen», findet er.

Neuland in der Deutschschweiz

Seine Rüben teilt er mit sechs anderen Betrieben, die sie ebenfalls verfüttern. So können sie schnell aufgebraucht werden. Für die Produktionssystembeiträge (Verzicht auf Pflanzenschutzmittel) hat er sich abgesichert: Sie werden aufgrund der Ausnahmelage in diesem Jahr trotzdem ausbezahlt. Das gilt auch für den Einzelkulturbeitrag. «Sonst hätte ich mir das Roden vielleicht nochmal überlegt», sagt der Bauer. Die IP-Suisse-Prämie (pro Tonne Zucker) ist allerdings verloren.

«So etwas ist für uns hier Neuland», meint der Landwirt. «Zumindest in der Deutschschweiz». In westlichen Landesteilen habe man seiner Recherche nach mehr Erfahrung mit so tiefen Zuckergehalten, dass eher für Futter statt für Zucker gerodet wird. Was er mit seinen restlichen Rübenflächen macht, weiss der Bauer noch nicht. Daraus könnte noch Zucker werden.⇒jsc

Abbruch des Anbaus melden

Die Schweizer Zucker AG (SZU) ­plädiert dafür, wann immer möglich Rüben zur Zuckergewinnung abzu­liefern und anschliessend die an­fallenden Schnitzel zu verfüttern, statt die Rüben nur zu Futterzwecken zu roden. Das sei für alle Beteiligten ökonomisch interessanter. Lieferverträge seien grundsätzlich einzuhalten und ein frühzeitiger Anbauabbruch zwingend der SZU zu melden. jsc

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