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«Es gibt Momente, in denen ich Gänsehaut bekomme»

Bei Familie Stihl in Altdorf im Kanton Schaffhausen können Schulkinder die Landwirtschaft mit allen Sinnen erleben. Für Brigitte und Richi Stihl hat sich das Angebot zu einer Herzensangelegenheit entwickelt.

Ein Hof wie im Bilderbuch – inmitten von blühenden Hochstammobstbäumen, mit Hofhund Luna und Katze, Hühnern, Kälbern, Fischen sowie Hirschen auf der Weide. Genau das Richtige für einen Schulausflug. Hier bieten Richi und Brigitte Stihl für Lehrpersonen und Schüler den ausserschulischen Lernort «Schule auf dem Bauernhof» (SchuB) an.

Betriebsspiegel Lindenhof

Name: Richi und Brigitte Stihl Ort: Altdorf SH, 580 m ü. M. LN: 37 ha, davon 20 ha offenes Ackerland, übrige Flächen Naturwiesen und Weiden Betriebszweige: Kälbermastremonten, Damhirsche, Fische, Schule auf dem Bauernhof Viehbestand: 75 Remonten, 55 Dammhirsche, Fische, Hühner für den Eigenbedarf.

Als Stihls von der Schaffhauser Stelle für SchuB angefragt wurden, ob das etwas wäre für sie, war Brigitte Stihl begeistert: «Das passt voll zu uns.» Hier konnte sie ihre Fähigkeiten als Lehrerin optimal in den Betrieb einbringen. Auch ihr Mann freute sich. Er hatte schon früher im kleineren Rahmen Schulführungen gemacht. Jetzt wurde es offiziell.

Umdenken während des Betriebsbesucht

Was zuerst als ein Betriebszweig gedacht war, wurde zu einer Herzensangelegenheit. Die beiden strahlen beim Erzählen ihrer Erlebnisse mit den Kindern. «Wir merken immer wieder, wie ein Umdenken stattfindet in den Köpfen der Kinder», sagt Richi Stihl. Zum SchuB-Programm gehört jeweils ein Gang zum Garten.

Dort gräbt er mit den Kindern im Boden, sucht nach Regenwürmern. «Ich erkläre den Kindern seine Aufgabe für den Boden und wie wichtig der Regenwurm für die Landwirtschaft ist.» Einmal erzählte ihm ein Junge, er hätte Regenwürmer immer als «gruusig» empfunden und sie zerstampft. Jetzt wisse er, wie wichtig sie sind. Die seien ja echt cool, meinte der Junge dann. «Solche Erlebnisse sind für Kinder wichtige Lernmomente», freut sich der Landwirt.

«Es gibt Momente, in denen ich Gänsehaut bekomme»
So wie Anouk sind auch die Schulkinder immer ganz begeistert von den Küken im Hühnerstall. Die Hühner legen verschiedenfarbige Eier.

«Manchmal habe ich Gänsehaut-Momente»

Brigitte Stihl wusste schon von ihrer Zeit als Lehrerin, wie prägend ein Schulausflug sein kann. Sie staunt immer wieder neu, wie ein Kind auf dem Hof aufblühen kann. Fast in jeder Klasse hat es Kinder mit Lernschwierigkeiten und/oder besonderen Bedürfnissen. Einmal war ein autistisches Kind dabei. «Die Lehrerin sagte, dieser Junge habe schon drei Wochen nicht mehr gelacht und hier war er so fröhlich. Die Lehrerin erkannte ihn gar nicht wieder», erzählt Brigitte Stihl. «Da bekomme ich Gänsehaut, wenn ich so etwas Schönes erleben darf.» Solche Begebenheiten spenden dem Paar Energie.

Anforderungen an die ­Anbieterfamilien:

< - SchuB-Anbieter kommunizieren gerne. - Sie sind bereit, den Betrieb den Schulklassen und ihren Lehrkräften zu zeigen und Fragen zu beantworten. - Sie spüren im vorbereitenden Gespräch die Bedürfnisse der Lehrkraft und Klasse heraus und können auf diese eingehen. - Sie haben genügend Zeit, um SchuB anzubieten. - Sie sind gegenüber Neuem offen und flexibel im Umgang mit unvorhergesehenen Situationen. - Sie sind bereit, an Weiterbildungen zu SchuB teilzunehmen. - Sie arbeiten mit der zuständigen kantonalen Projektleitung zusammen. - Sie haben die Unterstützung aller Mitarbeitenden auf dem Hof.

Die Vorbereitung nimmt viel Zeit in Anspruch

SchuB ist schweizweit ein offizielles Konzept, welches Bauernhof-Erlebnisse bietet, passend zum Fachbereich «Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG)» nach dem Lehrplan 21. Brigitte Stihl stellte mehrere mögliche Programme zu diesen Themen zusammen. Diese werden mit der Lehrperson besprochen und an die Klasse angepasst. Schulklassen können sich für eine Stunde, einen halben oder einen ganzen Tag anmelden. Im Kanton Schaffhausen beteiligt sich der Schaffhauser Bauernverband zu rund zwei Dritteln an den Kosten, den Rest übernimmt die Schule.

«Es ist schon zeitintensiv», gibt Brigitte Stihl zu. «Ich arbeite oft dann, wenn die anderen schlafen.» Anmeldungen wollen beantwortet werden, Lernziele müssen mit Lehrpersonen erarbeitet und ein Programm aufgestellt werden. Meistens kommen die Klassen für einen halben Tag, schon des weiten Weges wegen. Der Lindenhof liegt abseits in einem Seitental von Altdorf. Die Kinder kommen zum Dorf mit dem ÖV, wo sie von Stihls abgeholt werden.

Führung im Hühnerhof und auf der Hirsch-Weide

Auf dem Hof angekommen, werden sie auf Gefahren aufmerksam gemacht und in zwei Gruppen eingeteilt. Gruppe A geht mit Brigitte Stihl zu den Hühnern. Dort erklärt sie anhand von Bildern den Weg vom Ei zum Huhn. Was frisst ein Huhn? Unter anderem Weizenkörner. Diese dürfen die Kinder selbst probieren und zu Bauernhof-Kaugummi machen. Für das Eiersammeln schaut sie, dass für jedes Kind ein Ei in einem Nest liegt. Klar, müssen die Hühner gefüttert werden, genau wie die Fische im Teich – ein Betriebszweig, der im Aufbau ist.

Derweilen führt Richi Stihl die Gruppe B durch den Stall zu den Kälberremonten. Wie funktionieren die vier Mägen eines Wiederkäuers? Was fressen sie? Er ermutigt die Kinder, das Milchpulver zu kosten, die Silage zu riechen.

«Die Kinder sollen mit all ihren Sinnen erleben und erfahren dürfen.»

Richi Stihl, Betriebsleiter Lindenhof

Er macht den Kindern klar, von hier kommt das Fleisch auf ihre Teller, es soll mit Wertschätzung dem Tier gegenüber genossen werden. Da erwiderte einmal ein Kind klar: «Ich esse nie mehr Fleisch!» Cool finden die Kinder, auf den Traktor zu sitzen. Sie können hupen so laut sie wollen, hier stören sie niemanden.

«Es gibt Momente, in denen ich Gänsehaut bekomme»
Der Stier Torin ist so zahm, dass sogar klein Janosch ihn von Hand füttern kann. Sein imposantes Geweih hat er vor kurzem abgestossen.

Hirsche sind keine Rehe

Gleich neben dem Hof, auf dem sanften Hügel, grasen 28 Hirschmuttertiere mit ihren Jungen und dem Stier Torin mit seinem zuweilen mächtigen Geweih. Die Tiere sind gutmütig, die Kinder dürfen in die Weide und sie streicheln. Richi Stihl hat immer einen Eimer Trockenbrot dabei, dieses dürfen die Kinder den Hirschen füttern. Die Kinder lernen, dass alle diese Tiere Hirsche sind – die Mutterkuh, der Stier und das Kalb. Rehe sind eine andere Gattung.

Der Tag ist im Flug vergangen. «Wenn auf dem Heimweg gesungen wird, zeigt mir das, wie glücklich und erfüllt die Kinder nach Hause gehen», sagt Brigitte Stihl zufrieden.

Ein bis zwei Besuche im Monat

Das SchuB-Programm auf dem Hof ist gut aufgelaufen. In der ersten Saison hatten sie gut zehn Schulbesuche, das waren ein bis zwei im Monat. Die zweite Saison sieht auch schon gut aus. Brigitte Stihl würde gerne mehr Schultage anbieten, aber für ihren Mann reicht es gerade so.

Die Schulbesuche fallen meist in die arbeitsintensivste Zeit auf dem Betrieb. SchuB-Tage werden weit im Voraus geplant. Da kann es sein, dass gerade Heuen oder Ernten angesagt wäre. «Da bin ich froh um die Unterstützung durch meinen Vater», sagt Richi Stihl und merkt an: «Auf vielen Bauernhöfen hat es schon genug Arbeit, da liegt ein SchuB-Programm gar nicht drin.»

«Wer gewillt ist, mit dem Hof bei SchuB mitzumachen, dem liegen nicht viele Steine im Weg.»

Brigitte Stihl, Bäuerin

Im Kasten sind die wichtigsten Anforderungen an den Hof und die Anbieter aufgelistet. Brigitte und Richi Stihl helfen bei Fragen gerne weiter. Sie sagen: «Wer offen und gerne kommuniziert, hat sicherlich Vorteile.»

Anforderungen an die Betriebe:

- Der Hof ist ein aktiver Landwirtschaftsbetrieb (Haupt- oder Nebenerwerbsbetrieb). - Der Hof hat eine geeignete Infrastruktur, die auch ein Schlechtwetterprogramm zulässt. - Der Hof verfügt über die nötige Zusatzinfrastruktur (z. B. nutzbare Sanitäranlagen). - Der Hof ist für eine Schulklasse erreichbar. - Der Hof ist sauber und aufgeräumt. - Der Hof entspricht den gängigen Sicherheitsnormen der BUL- Der Hof erfüllt alle Auflagen an die Tierhaltung. - Der Hof hält Hygiene und Sauberkeit im Umgang mit Lebensmitteln ein.

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