Mitte Mai ging im Berner Seeland in Epsach lokal ein Hagelschauer nieder. Für Landwirt und Obstproduzent Simon Marolf kam der Hagel trotz Wolkendecke aus heiterem Himmel. «Es hat für mich vollkommen unerwartet und stark begonnen zu hageln», erklärt er. Auf die Regengüsse war er vorbereitet und daher an besagtem Tag mit Helfern beschäftigt gewesen, die Regenschutzfolie auf seiner Kirschenanlage zu montieren.
Auch wenn er keine Hagelschutznetze besitzt, ist er überzeugt, dass der Regenschutz einen Teil der nun entstandenen Schäden an den Kirschen hätte abwenden können. Doch als der Hagel einsetzte, waren noch nicht alle Regennetze montiert. Diese hat er zum Zeitwert versichert. Die Kirschen selbst jedoch sind weder gegen Hagel noch gegen Frost versichert. «Diese Versicherungsprämien beim Obst sind schlicht zu teuer und decken nie den ganzen Schaden», erklärt er.
Der Schaden ist bisher nicht abschätzbar
Noch sei es zu früh, um abzuschätzen, wie hoch der Schaden schliesslich ausfallen werde. «Ich versuche, positiv zu bleiben, und hoffe, dass es nicht so schlimm kommt, wie befürchtet.» Seine Anlage ist nicht mehr die Neueste und verfügt daher nicht über einen Hagelschutz. Das Nachrüsten wäre zwar möglich, aber sehr aufwendig. Sollte er jedoch einmal eine neue Anlage erstellen, würde Simon Marolf Hagelschutznetze montieren.

Keine grossen Körner, sondern feiner Hagel
Speziell am Ereignis ist für den Landwirt die Tatsache, dass die empfindlichen Kirschen sichtbare Schäden aufweisen. Das Laub und andere Ackerkulturen wie Mais und Zuckerrüben hätten jedoch praktisch keine Schäden erlitten. Denn der Hagel sei nicht in grossen Körnern dahergekommen, sondern nur sehr fein.
Dazu erklärt Ralph Rickli von Meteotest: «Dass ein Hagelschauer nur kleine, feine Hagelkörner mit sich bringt, ist für diese Jahreszeit normal.» Gegenüber der BauernZeitung erläutert er die Entstehung von Hagel ausführlich. Vereinfacht kann gesagt werden, dass die bekannteren und gefürchteten grossen Hagelkörner, die schon so manchem Produzenten die Ernte zerstört haben, immer zuerst aus kleinen Graupeln, ähnlich Styroporkügelchen, entstehen, die bei passenden Wetterverhältnissen entsprechend weitergewachsen sind.

So entsteht Hagel
Hagel entsteht bei genügend hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit in Zusammenhang mit Gewittern. Wenn starke Aufwinde durch eine Wolke ziehen, werden Wassertropfen nach oben gewirbelt. Da es dort kälter ist als unten, gefrieren die Tropfen zunächst zu kleinen Eiskügelchen, dem Graupel. Im Sommer steigt die Gefahr grosser Hagelkörner an. Denn bei hoher Hitze und erhöhter Luftfeuchtigkeit können sich die Quellwolken immer mehr auftürmen und bei kräftigem Höhenwind zu Superzellen werden, erklärt Ralph Rickli.
Superzellen zeichnen sich dadurch aus, dass die Aufwinde in der Wolke vom Abwind durch Niederschlag getrennt sind. Die Windgeschwindigkeit nimmt mit der Höhe zu. Gleichzeitig erfolgt eine Änderung der Windrichtung, was eine Superzelle in Drehbewegung versetzt. Superzellen sind langlebig, was sich günstig auf das Wachstum von Hagelkörnern auswirkt. Sobald diese zu schwer für den Aufwind werden, fallen sie zu Boden.
Hagelkörner haben eine Art Jahresringe
«Schneidet man grosse Hagelkörner auf, kann man die Wachstumsringe des Hagelkorns, ähnlich den Jahresringen von Bäumen, erkennen», erläutert Ralph Rickli weiter. Weht jedoch ein schwacher Höhenwind, entstehen keine Superzellen und die Hagelkörner sind in der Regel klein.
Beim Ereignis im Berner Seeland waren die Bedingungen für grosse Hagelkörner offensichtlich nicht gegeben. Die Graupel konnten daher nicht ausreichend weiterwachsen. Im Frühling ist der Wassergehalt in der Atmosphäre in der Regel kleiner als im Hochsommer und Frühherbst. In der Folge ist auch die Wahrscheinlichkeit für grosse Hagelkörner kleiner, erklärt Ralph Rickli abschliessend.

