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Die «Wasserkrise im Mittelland» – und eine mögliche Antwort aus der Westschweiz

Hydrologe Rolf Weingartner zeichnet ein düsteres Bild für die Wasserversorgung – wenn nicht sofort gehandelt wird. Einen passenden Ansatz erproben und verbessern Waadtländer Landwirte in Eigenregie bereits seit Jahren.

Rolf Weingartner bezeichnet das Schweizer Mittelland aufgrund seiner Entstehungsgeschichte als «Kind der Alpen». Und es sei ein Kind, um das sich die Alpen nach wie vor gut kümmerten. «Es gelangt im Sommer, wenn es wenig regnet, viel Wasser aus Schnee- und Gletscherschmelzen ins Mittelland», erklärte der Berner Hydrologe und Geograf. Dieses Wasser speise die grossen Grundwasserreservoirs – die genau dort zu finden seien, wo die Bevölkerung dicht sei – und halte die Pegelstände der Mittellandflüsse einigermassen stabil.

Weingartners Fazit: «Im Mittelland herrschen optimale klimatische Bedingungen, es gibt fruchtbare Böden, hohe Vielfalt und ebene Flächen.» All dem zum Trotz malte der emeritierte Professor der Uni Bern ein düsteres Bild. Er referierte anlässlich der Soil Evolution – dem «Festival für den Boden» in Bern auf dem Gurten – über die «Wasserkrise im Schweizer Mittelland».

Die «Wasserkrise im Mittelland» – und eine mögliche Antwort aus der Westschweiz
Rolf Weingartner ist emeritierter Professor für Hydrologie an der Universität Bern.

Menschliche Beeinträchtigungen des Wasserhaushalts und der Klimawandel

Diese Krise ist laut Rolf Weingartner Realität und besteht aus verschiedenen Teilen. Einerseits nannte er die Folgen des menschlichen Einflusses: Das Mittelland wurde artenärmer und eintöniger, das Wasser mit Schadstoffen belastet. Gleichzeitig schreitet der Klimawandel voran. «Es wird immer trockener. Das heisst, die Sommertrockenheit wird herausfordernder.» Für den Hydrologen ist klar: Wasser werde nur dann ein Problem, wenn nun nichts unternommen werde. «Tun wir endlich etwas», so sein Appell.

Revitalisieren, Stoffeinträge reduzieren, Böden aufbauen

Seinen Lösungsansatz beschrieb Rolf Weingartner als ein resilientes Wassersystem, das sowohl menschliche Einflüsse als auch die Folgen des Klimawandels abfedern kann. Dazu sei – neben der Förderung von Biodiversität durch Revitalisierungen – der Stoffeintrag in Gewässer und Grundwasser dringend zu reduzieren. «Wir haben ein gewaltiges Problem», meinte er in Bezug auf Pflanzenschutzmittel, Metaboliten und hohe Nitratwerte, obwohl er ebenso eine Verbesserung der Abwasserreinigungsanlagen (ARAs) fordert.

Weingartner befürwortet Verbote als Ursachenbekämpfung und erinnerte an jenes von Phosphat in Waschmitteln, das einen durchschlagenden Erfolg punkto Wasserqualität gebracht habe. Für einen intakten Wasserhaushalt seien weiter gesunde Böden entscheidend – inklusive guter Infiltration von Niederschlag. Was die Nutzung des zunehmend knappen Wassers angeht, fordert er zur Priorisierung auf.

«Letztlich fehlt die Wertschätzung für die Ressource Wasser», findet Rolf Weingartner. Es gelte, den Umgang damit neu zu denken und alle Akteure zum Dialog an einen Tisch zu bringen. Die grundsätzliche Frage – «Was wollen wir?» – müsse allerdings auf höherer Ebene in der Politik geklärt werden.

Wermutstropfen Glyphosat bei No-Till

Das Referat des Hydrologen blieb nicht ohne Reaktion des Publikums, in dem zahlreiche Landwirt(innen) aus der Schweiz und den Nachbarländern sassen. So wurde er nach seiner Meinung zu No-Till und dem damit verbundenen Einsatz von Glyphosat gefragt – zumal die konservierende Landwirtschaft im Zentrum von Soil Evolution stand. «No-Till überzeugt mich, weil dadurch die Bodenstruktur erhalten bleibt», antwortete Rolf Weingartner. «Und das ist der Schlüssel zu einem intakten Wasserhaushalt. Die konservierende Landwirtschaft sei ein so guter Ansatz, der aber durch die Anwendung von Glyphosat relativiert werde. ‹Das hilft in der ganzen Pflanzenschutz-Problematik nicht, No-Till zum Fliegen zu bringen.› Die negativen Auswirkungen von Glyphosat und seinen Metaboliten stehen für Weingartner fest.

Verbot von Glyphosat «wäre ein viel grösserer Schuss ins Knie»

Damit hatte der Referent einen empfindlichen Nerv getroffen. Es schaltete sich Theodor Friedrich ein, der die Rolle des Moderators hatte und Weingartners Aussagen offenbar nicht so stehen lassen wollte. Friedrich gilt als Experte für die konservierende Landwirtschaft, stammt aus Deutschland und war Botschafter für zukunftsfähige Ernährungssysteme bei der FAO. «Es ist möglich, aber schwierig ohne Glyphosat», sagte er. Herausfordernd sei der konservierende Anbau ohne das Totalherbizid vor allem in den Anfängen nach der Umstellung. Allerdings bleibe – im Gegensatz zu Systemen mit intensiver Bodenbearbeitung – das Glyphosat im Boden. Dort sei es kein Problem. «Es ist ein viel grösserer Schuss ins Knie, wenn für besseren Gewässerschutz Glyphosat verboten wird und anschliessend alle verwendeten Pflanzenschutzmittel in Gewässern landen», so Friedrichs Argumentation.

Die Wunschkombination des Hydrologen

Auch die klassische Landwirtschaft mit Pflug verteidige Pflanzenschutzmittel, wenn auch anders, bemerkte Rolf Weingartner. «Mittelfristig müssen Pflanzenschutzmittel weg.» No-Till ohne Glyphosat wäre für ihn demnach eine Patentlösung, um Landwirtschaft und Gewässerschutz zu vereinen.

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Christian Streit (links) und Gérald Huber arbeiten mit Berufskollegen in der Gireb an der Umsetzung der konservierenden Landwirtschaft im Biolandbau.

An der Umsetzung der Konservierenden Landwirtschaft ohne Glyphosat arbeitet Christian Streit seit über zehn Jahren. Der Bio-Landwirt aus Aubonne VD ist Präsident von Gireb, der «Groupe Indépendant Recherche et Expertise Bio», in der sich sieben Waadtländer Landwirte zum gemeinsamen Weiterkommen zusammengeschlossen haben. Diese Organisation habe geholfen, wissenschaftliche und finanzielle Unterstützung für die Anbauversuche zu bekommen, erklärte Streit. Zusammen mit seinem Berufskollegen, Präsident von Bio Vaud und Gireb-Mitglied Gérald Huber war er ebenfalls Referent an der Soil Evolution.

Kombination von Mais und Soja für autarkere Parzellen

Ein wichtiges Anliegen sei für ihn gewesen, weniger abhängig zu sein von externen Betriebsmitteln, so Huber. Um die Stickstoffversorgung von Körnermais auf der Parzelle zu verbessern, startete die Gireb Versuche mit der Kombination von Mais und Soja. Diese Leguminose bewährte sich am meisten, wobei eine möglichst dichte Saat und eine äusserst spätreifende Sorte vorteilhaft waren.

Die Gireb verwendete eine französische Sojasorte. Mais und Soja wurden nach maximal 10 cm tiefer Bodenbearbeitung mit einer Einzelkornsämaschine gesät. Nach dem Winter wurde zweimal gehackt. Die beiden Kulturen wechselten sich in Reihen mit 50 cm Abstand ab. Zwischen den Maisreihen lag so jeweils ein ganzer Meter, was dem Mais viel Licht und der Soja viel Platz zum Wachsen liess. «Wenn der Mais höher wird, reckt sich auch die Soja nach dem Licht, wird länger und fällt schliesslich zu Boden», schilderte Gérald Huber. Somit war der Untergrund bedeckt, Unkraut wurde zuverlässig unterdrückt.

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Soja zwischen Maisreihen: Die Leguminose bedeckt den Boden und liefert Stickstoff. Wichtig ist, eine sehr spätreife Sorte zu verwenden.

75 Einheiten N, autonom produziert und ohne Auswaschung

Pro Hektare gab es in der Mischkultur in den Versuchen der Gireb 3 t TS aus der Leguminose. Da die Soja nicht geerntet wurde und insbesondere die stickstoffreichen Kerne auf der Parzelle blieben, komme man so auf bis zu 75 Einheiten N, die quasi autonom auf der Fläche hergestellt worden sind und nicht gefährdet sind von Auswaschung.

«Der Maisertrag war etwas tiefer als in Reinsaat», räumte Gérald Huber ein. «Aber wir hatten in der Mischkultur auch ein tieferes Düngelevel.» Als «Mega-Plus-Punkt» sieht er allerdings den Fakt, dass ihm das System eine anschliessende Direktsaat nach der Körnermaisernte ermöglichte. Der Waadtländer säte eine Mischung aus Roggen und Erbsen mit einer Drillmaschine. Unkrautbekämpfung und Düngung entfielen. Bis zu 40 Prozent seines 47-ha-Bio-Betriebs könne er heute direkt säen, schätzt Gérald Huber.

«Direktsaat im Bio geht»

Die Gireb forscht weiter und setzt sich dafür ein, dass ihre Erfahrungen verbreitet werden. Dafür sorgt insbesondere die Zusammenarbeit mit Proconseil. «Wir haben gezeigt, dass Direktsaat im Bio geht», fasste Christian Streit zusammen. Je nach Jahr und Parzelle bzw. Unkrautdruck besser oder schlechter. In Zukunft wolle man mehr darüber herausfinden, welche Kulturen und Sorten sich für das Anbausystem eignen, und hartnäckiges Unkraut wie Raigras und Disteln in den Griff bekommen, ohne den Boden regelmässig intensiv bearbeiten zu müssen.