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«Wir brauchen das Mittel gegen den Rübenrüssler, sonst ist der Zuckerrübenanbau gestorben»

Der Sommer 2026 hat den Schweizer Zuckerrübenanbau stark gefordert. Besonders der Rübenrüssler setzte den Kulturen zu. Drei Zuckerrübenproduzenten berichten, wie sie den Schädling dank der Insektizidbehandlung in Schach hielten und weshalb sie auf eine erneute Zulassung des Wirkstoffs hoffen.

Zerlöcherte Zuckerrüben und braune statt grüne Felder: Das war im Sommer 2026 vielerorts ein gängiges Bild. Die Zuckerrüben wurden auf die Probe gestellt. Sie litten aber nicht nur unter der Trockenheit, sondern auch unter Schädlingsbefall, vor allem durch den Rübenrüssler. Im Extremfall wurden die Zuckerrüben vom Schädling vollständig durchlöchert. Zusammen mit der Trockenheit führte das zum Absterben der Blätter, die sich teilweise nicht mal mehr mit dem Regen im Herbst erholten. Die Folge sind mickrige Zuckerrüben, tiefe Zuckergehalte und eine schlechte Ausbeute.

Der Schaden führte zum Teil so weit, dass bereits 400 Hektaren nicht geerntet werden konnten, weil der tiefe Ertrag nicht einmal die Erntekosten gedeckt hätte. Die Schweizer Zucker AG rechnet jedoch bis Ende Jahr mit der doppelten Fläche, die nicht geerntet werden kann.

Es gibt aber einen Hoffnungsschimmer. Im Frühling 2026 bekam der Wirkstoff Acetamiprid eine Notfallzulassung für den einmaligen Einsatz gegen den Rübenrüssler. Die Resultate sind vielversprechend. «die grüne» hat drei Zuckerrübenproduzenten besucht, die den Rübenrüssler erstmals damit behandelt haben.

Die Zuckerrüben von Michael Probst blieben immer grün, auch ohne Bewässerung. Den richtigen Zeitpunkt für die Behandlung des Rübenrüsslers zu finden, war schwierig. (Bild: «die grüne» / Geraldine Zutter)

Spritzen, sobald erste Käfer sichtbar sind

Bei Hanspeter Christen aus Utzenstorf BE, Michael Probst aus Koppigen BE und Beat Wyss aus Oberramsern SO sind die Zuckerrübenfelder beim Besuch im Oktober immer noch schön grün und die Blätter kräftig. Darunter versteckten sich grosse Rüben mit Ertragsaussichten gegen 100 Tonnen pro Hektare, ohne zu bewässern. Alle drei Produzenten haben den Rübenrüssler behandelt – mit Erfolg. Bei den Feldern waren nur wenige Einstichlöcher in den Stängeln zu beobachten und nur vereinzelt Frassgänge in den Rübenköpfen.

«Aber den richtigen Behandlungszeitpunkt zu erwischen, ist brutal schwierig», sagt Michael Probst. Da Acetamiprid nur einmal eingesetzt werden darf, ist der richtige Zeitpunkt entscheidend für die ausreichende Wirkung. «Sobald erste Käfer oder erste Einstichstellen zu finden sind, muss behandelt werden, sonst ist es zu spät», weiss Basile Cornamusaz von der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau. Versuche haben gezeigt, dass eine Behandlung, die nur 10 Tage später erfolgte, kaum mehr wirkte. Acetamiprid wirkt halb systemisch, halb über Kontakt. Somit hat es auch eine etwas längere Wirkung. Befinden sich die Eier aber bereits im Stängel, können sie schlecht erfasst werden.

Deshalb ist regelmässige Beobachtung das A und O. «Ich besuche meine Felder fast jeden Tag, so verpasse ich nichts und kann bei Bedarf schnell reagieren», erzählt Hanspeter Christen. Er hat seine Felder am 8. Juni mit Acetamiprid behandelt – Beat Wyss und Michael Probst etwas früher, bereits am 30. Mai. «Wehret den Anfängen», ist ihre Devise.

Hanspeter Christen besucht in der Saison täglich seine Felder, damit er nichts verpasst. Er hat den Rübenrüssler im richtigen Moment bekämpft. (Bild: «die grüne» / Geraldine Zutter)

Wasser wirkt fast wie ein Insektizid

Die Beispiele zeigen, dass eine Insektizidbehandlung im richtigen Zeitpunkt den Schädlingsbefall massiv reduzieren kann. Die Behandlung hilft, einen Stressfaktor der Pflanzen zu eliminieren. Der grösste Stressfaktor für die Pflanzen im vergangenen Sommer blieben aber die Trockenheit und die Hitze. Wie gut die Pflanzen diese extreme Saison überstanden haben, entschied der Boden. Alle drei Produzenten haben ihre Rüben auf schweren, tiefgründigen Böden angebaut, weshalb trotz Trockenheit schöne Erträge zu erwarten sind.

Ein etwas anderes Bild war bei einem weiteren Feld von Beat Wyss zu sehen. Er bewirtschaftet noch Parzellen in Zuchwil bei Solothurn. Dort sahen die Rüben weniger gut aus und waren deutlich kleiner. Die Blätter wurden vom Erdfloh zerfressen. «Hier ist der Boden leicht und kiesig. Die Blätter waren ab Juni bis im Herbst braun», erklärt Wyss. Auch bei diesem Feld hat er den Rübenrüssler behandelt. Bei diesen Rüben waren im Gegensatz zu den anderen einzelne Frassgänge zu finden. Aber nicht in dem Ausmass wie in gewissen Regionen ohne Behandlung. Die Beispiele zeigen, welchen Effekt der Boden in einem Extremsommer wie 2026 hat.

«Wasser in Form von Regen oder Bewässerung wirkt fast wie ein Insektizid», erklärt Basile Cornamusaz. Ist die Pflanze ausreichend mit Wasser versorgt, kann sich die Rübenrüsslerlarve für die Entwicklung vom Stängel ernähren und schlüpft aus, bevor sie in den Kopf gelangt. «Wir haben aber beobachtet, dass der Rübenrüssler in diesem trockenen Jahr die Eier näher am Rübenkopf abgelegt hat», erzählt Adrian Bucher, Aussendienstmitarbeiter der Zucker AG.

Bei Michael Probst und Hanspeter Christen waren dank der rechtzeitigen Rübenrüsslerbehandlung und den tiefgründigen Böden keine Frassgänge am Rübenkörper zu sehen. (Bild: «die grüne» / Geraldine Zutter)
Bei Beat Wyss gingen die Rüssler trotz Behandlung in den Rübenkopf, aber nicht so tief wie bei nicht behandelten Parzellen. Grund dafür war der enorme Trockenheitsstress auf diesem Feld, sodass die Larven die Feuchtigkeit im Rübenkopf suchten. (Bild: «die grüne» / Geraldine Zutter)

Wegen der Rübenmotte gehen Blätter kaputt

Nebst dem Rübenrüssler war auch die Rübenmotte in vielen Feldern zu finden. Deren Larven befallen das Rübenherz, was auch zu erheblichen Ertragsverlusten führen kann. «Wenn die Zuckerrüben trotz Regen keine neuen Blätter gebildet haben, ist nicht der Rübenrüssler, sondern die Rübenmotte die Ursache», erklärt Adrian Bucher. «Die Rübenmotte kann aber nicht mit Acetamiprid bekämpft werden wie der Rübenrüssler», erklärt Basile Cornamusaz. Dafür brauche es eine zweite Behandlung mit einem Pyrethroid. Deshalb war die Rübenmotte auch auf den Feldern der drei Zuckerrübenproduzenten zu finden.

Die Schädlinge eröffnen zudem die Eintrittspforte für Zweitinfektionen durch Pilze wie den Rhizopus. Rhizopus ist nicht zu verwechseln mit Rhizoctonia. Letztere führt zu Trockenfäule, während Rhizopus nasse Fäule verursacht und nach Essig riecht. Die Schädlinge und der Pilz profitierten von der diesjährigen Hitze.

«Wir brauchen das Mittel, sonst stirbt der Anbau»

Die Zuckerrübe wurde 2026 stark auf die Probe gestellt und muss sich immer mehr gegen Schädlinge beweisen. Die Felder der drei Zuckerrübenproduzenten zeigten, dass die Insektizidbehandlung geholfen hat, den Rübenrüssler in Schach zu halten. Das Problem ist aber, dass Acetamiprid nur eine Notfallzulassung für den Einsatz in Zuckerrüben für 2026 bekommen hat. Ob das Mittel 2027 erneut zugelassen wird, ist noch unklar.

Adrian Bucher und Basile Cornamusaz sind aber zuversichtlich, dass die Bewilligung bis Ende Jahr erteilt werden sollte, zumal die Behandlung so gute Wirkung zeigte.

Die drei Produzenten sind sich einig: «Wir brauchen das Mittel gegen den Rübenrüssler, sonst ist der Zuckerrübenanbau in der Schweiz gestorben.»

Der Rübenrüsslerkäfer (Lixus juncii) ist gut getarnt am Boden. Bei Gefahr lässt er sich von den Blättern runterfallen. (Bild: Zucker AG / Adrian Bucher)

Rübenrüssler

Der Rübenrüssler (Lixus juncii) stammt aus dem Mittelmeerraum und wurde im Jahr 2019 erstmals im Kanton Waadt beobachtet. Seither hat er sich in der ganzen Schweiz verbreitet. Im Westen ist der Befall aber deutlich stärker.

Die Käfer fliegen im Frühling in die Zuckerrübenfelder ein. Die Weibchen machen mit dem Rüssel ein Loch in die Rübenstängel und legen je ein Ei ab. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die sich dem Blattstiel entlang nach unten in den Rübenkopf fressen, sich verpuppen und ausschlüpfen. Der Schädling befällt nebst Zuckerrüben auch Randen und Krautstiel.

Der Rübenrüssler ist schwierig zu finden und zu fangen. Sobald man sich ihm nähert, lässt er sich zu Boden fallen oder stellt sich tot. Dank seiner braunen Farbe ist er gut getarnt auf dem Boden. Deshalb ist der Schädling schwierig zu monitoren, wodurch die Wissenschaft noch nicht genug über seinen Lebenszyklus weiss.

Sich informieren

Mit der Mobile-App «Beta Swiss» bleiben Sie informiert über aktuellen Schädlings- und Krankheitsbefall Ihrer Zuckerrüben und Sie erhalten Empfehlungen mit möglichen Massnahmen per SMS. Auch kantonale Pflanzenschutzmittel-Fachstellen informieren mittels Newsletter zu Aktualitäten im Feld. Eine Anmeldung kann sich lohnen, um nichts zu verpassen.

Link zur App: www.betaswiss.ch

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