Plus

6 Fakten über Regenwürmer, die sich zu wissen lohnen

In der Schweiz gibt es mehrere Dutzend Regenwurmarten und nicht alle bauen Tunnel vertikal nach unten. Gänge sind aber auch nicht ihre einzige Leistung, von der die Landwirtschaft profitieren kann.

Regenwürmer sind die wohl offensichtlichsten Vertreter des Bodenlebens und ihre Aktivität ist dank ihrer Gänge und den gekringelten Kothaufen auf der Erdoberfläche gut sichtbar. Trotzdem ist landläufig viel Wichtiges, Interessantes und Kurioses rund um Regenwürmer nicht bekannt – hier eine Auswahl.

1. Regenwurm ist nicht gleich Regenwurm

Man unterscheidet im Wesentlichen drei ökologische Gruppen.

Streubewohner leben – wie der Name es sagt – in der Streu- und Mulchschicht an der Bodenoberfläche, wo sie mehr oder weniger frisches Material fressen. Sie haben einen kurzen, roten bis braunroten Körper und leben auch nur kurz (1–2 Jahre). In dieser Zeit vermehren sich streubewohnende Würmer aber schnell. Zu dieser Gruppe gehören Kompostwürmer, die man für Wurmkomposter auch kaufen kann.

Mineralbodenbewohner haben einen unpigmentierten, roten Körper, sind mittelgross und werden mittelalt (3–4 Jahre). Auch ihre Vermehrungsfreude ist mittelmässig. Ihre Gänge graben und fressen Mineralbodenbewohner horizontal durch den Wurzelbereich bis in etwa 40 cm Tiefe.

Tiefgräber dringen bis in Tiefen von 3–4 m vor und bauen dafür stabile, senkrechte Wohnhöhlen. Auch nach dem Ableben des bewohnenden Wurms nach bis zu 8 Jahren bleibt der Tunnel längere Zeit erhalten. Wasser kann auf diesem Weg rasant versickern. Daher, und weil die tiefen Höhlen die Durchwurzelung unterstützen, gelten Tiefgräber als besonders wichtig für den Ackerbau. Leider vermehren sie sich von den drei Gruppen am langsamsten. Zu erkennen sind tiefgrabende Arten an ihrem langen, schwarzen bis rotbraunen Körper und dem abgeflachten Hinterteil. Man kann Tauwürmer, die zu den Tiefgräbern gehören, in Anglershops als Köder kaufen.

Gemäss Pro Natura gibt es in der Schweiz rund 40 verschiedene Regenwurmarten.

2. Manche Regenwürmer können gar nicht so gut graben

Gerade jene, die meterweit in den Untergrund vorstossen, seien eigentlich schlechte Gräber. Das schilderte Laura Sturm von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien anlässlich der Soil Evolution 2026 in Bern. «Sie drücken die Erde weg», erklärte sie an ihrem Workshop. Das gelingt besser, wenn die Würmer noch klein sind, weshalb vor allem juvenile sich ihren Wohntunnel fürs Leben graben. Mit der oberen, pigmentierten Körperhälfte sammeln sich Tiefgräber Fressbares an der Oberfläche zusammen, um es nach unten zu ziehen. Mineralbodenbewohner – sozusagen die «mittleren Würmer» – fressen sich hingegen durch den Boden. «Dabei filtern sie ihre Nahrung heraus», so Sturm.

3. Bioturbation: Wie ein unterirdischer Mini-Pflug ohne Nebenwirkungen

Unter Bioturbation versteht man das Durchmischen des Bodens durch Lebewesen. Dabei spielen Regenwürmer verschiedener Arten eine wichtige Rolle. Durch ihre Grabaktivität gelangen Minerale aus dem Unterboden nach oben und organisch angereicherte Erde in tiefere Schichten. Indem Würmer Pflanzenmaterial von der Oberfläche nach unten schaffen, bringen sie Nährstoffe in den Boden. Gleichzeitig helfen sie durch den beschleunigten Abbau bei der Hygienisierung des Bodens – fusarienbelastete Ernterückstände z. B. verschwinden rasch im Untergrund.

4. Taxis für allerlei Nützliches

Wie bei anderen Tieren ist auch der Verdauungstrakt von Regenwürmern mit Mikroorganismen ausgestattet. Pilze und Bakterien gelangen zusammen mit für Pflanzen leicht verfügbaren Nährstoffen als Wurmlosung wieder in die Erde. Wurmkot ist ein Gemisch aus Mikroorganismen, abgestorbenem organischem Material und mineralischer Feinerde. Zusammen mit abgesondertem Schleim ergibt das stabile Bodenkrümel, die die Bodenstruktur verbessern. Auch insektenabtötende Nematoden und Pilze werden durch Regenwürmer verbreitet, die zur natürlichen Regulation von Schädlingen im Boden beitragen.

5. Mit drei Massnahmen die Regenwurmaktivität verbessern

Alyssa Deluz von der Genfer Hochschule Hepia empfiehlt in einer Publikation von Swiss No-Till insbesondere drei Massnahmen: Reduktion der Bodenbearbeitung, Kunstwiesen in der Fruchtfolge und Zufuhr von organischem Material via Gründüngungen, Ernterückständen und organischen Düngern. Das erhalte den Lebensraum für Bodenorganismen, ermögliche ihnen Zeit zur Regeneration und schaffe eine Nahrungsgrundlage. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) nennt weiter das Minimieren von Bodendruck und Bodenverdichtung sowie an Bodenbeschaffenheit sowie Pflanzenbestand angepasste Düngung. Insbesondere Insektizide und Fungizide beeinträchtigen laut FiBL Überleben und Fortpflanzung von Regenwürmern.

6. Ein paar Zahlen zum Schluss

Pro Quadratmeter weisen No-Till-Böden gemäss der Österreicherin Laura Sturm etwa 30 tiefgrabende Regenwürmer auf. «In eine ihrer Röhren passt etwa ein Liter pro Minute», beschrieb sie die Wirkung bei Niederschlag. Das macht pro Quadratmeter 30 Liter pro Minute, die ungepflügte Böden dank Regenwurmgängen aufnehmen können. «In Pflugböden leben pro Quadratmeter 2–3 Tiefgräber», so Sturm.

Die nährstoffreichen Wurmlosungen enthalten 5-mal mehr Stickstoff, 7-mal mehr Phosphor, 11-mal mehr Kalium und 2- bis 3-mal so viel Magnesium wie der umgebende Boden, ist bei Swiss No-Till zu lesen. Pro Hektare und Jahr werden demnach bis zu 100 t Regenwurmkot im und über dem Boden abgelegt. Das FiBL nennt dieselben Zahlen. Mehr als 80 Kothäufchen pro Quadratmeter deuteten auf eine hohe Regenwurmaktivität hin, sagt Alyssa Deluz. Weniger als 20 wären ein Zeichen für besonders geringe Aktivität.

Weiterlesen

  • Chris Oeuvray: «Narzissten hören erst auf, das Gegenüber zu manipulieren, wenn sie merken, dass sie nicht landen können»

    Chris Oeuvray: «Narzissten hören erst auf, das Gegenüber zu manipulieren, wenn sie merken, dass sie nicht landen können»

    Wie erkennt man toxische Beziehungen? Chris Oeuvray hat sich als Coach auf das Thema spezialisiert. Sie begleitet Menschen, die in narzisstischen Dynamiken feststecken. Im Interview spricht sie darüber, warum Menschen oft jahrelang in toxischen Beziehungen bleiben und wie man Betroffene unterstützen kann.
    Show more
    Plus
  • Weiterarbeiten nach der Pension: «Ich wäre unausstehlich, wenn ich nur herumsitzen müsste»

    Plus
  • Gruyère will den amerikanischen Markt zurückerobern