pv_die-grune-onlineABO

Über das «Nein»-Sagen

In seiner Kolumne «Hagenbuchs Randnotizen» erzählt Sebastian Hagenbuch monatlich von Alltäglichem und Aussergewöhnlichem aus seinem Leben als Landwirt. Dieses Mal überlegt er, wann sich das Nein-Sagen wirklich lohnt.

Was würden Sie in Ihrem Leben alles nicht tun, wenn Sie besser «Nein» sagen könnten? Vielleicht wären Sie nicht als Helfer oder Helferin in der letzten Schicht an der lokalen Hundsverlochete eingeteilt. Vielleicht wären Sie nicht im Gemeinderat. Sie hätten Ihre Maschine nicht an den einen Nachbarn mit Hang zur Schadensverursachung (und im schlimmsten Fall auch -vertuschung) ausgeliehen. Sie hätten nicht diese neue Wischmaschine gekauft.

Und hätten Sie vermehrt Nein gesagt, was wäre dann? Hätten Sie sich weniger geärgert, mehr Platz, mehr Geld? Vielleicht hätten Sie mehr Schlaf, eine nicht ganz so volle Agenda. Sie hätten vermutlich mehr Zeit. Aber mehr Zeit wofür? Denn hier liegt ja wohl die Herausforderung und der Reiz im «Nein»-Sagen: Ein Nein zu einer Sache ist ja potenziell immer auch ein Ja für etwas anderes.

Ein Ja zum Beispiel für ein Hobby. Oder für mehr Zeit mit Freunden und der Familie. Oder, auch eine interessante Option: Mehr Zeit für sich selbst. Interessant deshalb, weil das hin und wieder helfen kann, den inneren Kompass neu zu justieren und sich zu fragen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Das kann natürlich auch gefährlich sein: Gesetzt den Fall, Sie haben den Eindruck, Sie befinden sich auf dem Holzweg oder sind nicht mit den richtigen Leuten unterwegs, was dann? So ein Schiff, wie ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb eines ist, ändert nicht so ohne Weiteres seinen Kurs.

Das möchte ich zum Glück auch nicht – zumindest nicht, als ich das letzte Mal etwas Zeit mit dem inneren Kompass verbracht hatte.

Ganz allgemein fällt mir das Nein-Sagen eher schwer, manchmal sogar bei Kleinigkeiten. Zum Beispiel wenn ich einem Gewerbebetrieb eine Absage erteilen muss, nachdem ich eine Offerte angefordert habe.

Die Schwierigkeit liegt in der Vermischung von Sachlichem und Persönlichem. Letztendlich muss man ja auch immer einer Person Nein kommunizieren. Ein Nein an den Verkäufer. Ein Nein an eine Rösselerin, die nicht zum Stall passt. Ein Nein an einen Arbeiter nach dem Schnuppern. Ein Nein an Kollegen, die haufenweise Gerümpel auf dem Hof zwischenlagern möchten.

Nun denn: Ich möchte zu den falschen Sachen (und Menschen) besser Nein sagen und zu den für mich richtigen vermehrt Ja sagen können. Gut ist, dass es an Gelegenheit zum Üben nicht mangelt: Zwei Pensionsställe sind frei (und bleiben es, bis jemand Gutes gefunden ist). Und wir möchten das Wohnhaus in Werd umbauen, mit den passenden Leuten.

Sebastian Hagenbuch schreibt in der Kolumne «Randnotizen» über den Alltag auf dem Betrieb.(Bild: ©metelevan – stock.adobe.com / «die grüne» / Bruno Muff)

Hagenbuchs Randnotizen

Sebastian Hagenbuch ist Landwirt und Agronom. Er führt einen Betrieb mit zwei Standorten in Rottenschwil und Unterlunkhofen im Kanton Aargau.

Hagenbuch erzählt in seiner Kolumne von Alltäglichem und Aussergewöhnlichem, wechselt ab zwischen Innen- und Aussensicht, immer mit kritischem Blick und einem Augenzwinkern.

Weiterlesen

  • Ein Mann und sein Wald: Max Hombergers umstrittenes Projekt in Wetzikon

    Der ehemalige Zürcher grüne Kantonsrat Max Homberger hält an seinem «Klimawald» auf Landwirtschaftsland fest. Die Birken sind schon fünf Meter hoch.
    Show more
    ABO
  • Der Bauerngarten verdorrt – müssen wir umdenken?

    ABO
  • Agroscope streicht Forschung zu Gewürz- und Medizinalpflanzen – Zukunft unklar