Das Navi im Auto gibt irgendwann auf. Kaum hat es die schmale Strasse durch den Jurawald erfasst, verliert es sie wieder. Es findet sie, verliert sie, findet sie erneut. Auf dem Bildschirm fährt das Auto längst durch weisses Niemandsland. Wo ist man hier nur? Dann lichtet sich der Wald, der Blick öffnet sich weit über die Jurahöhen, und vor einem liegt das Château de Raymontpierre mit seinem Bauernhof.
Im Stall geht der Blick zuerst nach oben: Mächtige Holzbinder tragen das Dach in weitem Bogen. Licht flutet über Mutterkühe, Kälber und einen Stier, der die Gäste mit stoischer Ruhe empfängt.
Hof als Teil des Hotelkonzepts
Dass sich der Stall schier ins Gelände duckt, hat Gründe. Das Château ist ein Fünfsternehotel der Zürcher Gruppe «The Living Circle» und empfängt regelmässig hohen Besuch. Der Blick aus dem Schlosspark soll über das Stalldach in die Weite schweifen.
Silage kommt nicht infrage, ihr säuerlicher Geruch würde bis auf die Terrasse ziehen. Das Heu trocknet unter dem Dach, die Kühe liegen auf Stroh oder auf Einstreu aus getrockneter, separierter Gülle. Rein betriebswirtschaftlich würde man so nicht bauen. Aufgehen kann die Rechnung, weil der Hof Teil des Hotelkonzepts ist: «Luxury fed by nature», Luxus, den die Natur nährt. Und dieser Luxus ist nicht das Filet, sondern das ganze Tier, das hier auf den Juraweiden gross geworden ist.

Hier, bei Familie Habegger-Wenger, feierte Simmental Suisse diese Woche ihr 25-Jahr-Jubiläum. Ein Fest, gewiss. Doch wer Präsident Florian Wenger zuhörte, hörte vor allem die Geschichte eines steinigen Wegs.
Vom Melkeimer zur Mutterkuh
Auf dem Hof selbst lässt sich dieser Weg ablesen. Der Grossvater molk seine Simmentaler noch. 1994 übernahm Florian Wenger den Betrieb und stellte mit seiner Frau Heidi auf Mutterkühe um. Sieben Jahre später gründete er mit anderen Züchtern Simmental Suisse. Anfang 2025 übergab er den Hof an Tochter Fanny und Schwiegersohn Joël Habegger. Sie halten heute auf 850 bis 1120 Metern über Meer nach den Richtlinien von Mutterkuh Schweiz und Bio Suisse 35 Mutterkühe und 15 Aufzuchtrinder, dazu Burenziegen und Schafe. Ihr Zuchtziel: ruhige, mittelgrosse Tiere mit gutem Fundament, viel Milch für die Kälber und hohen Tageszunahmen.
Eine Weltmacht, die zu Hause klein blieb
Draussen in der Welt ist die Simmentalerin eine Grösse. 40 bis 60 Millionen Tiere zählt die Rasse, verteilt auf über 30 Länder und alle fünf Kontinente, fast überall als Fleischrind gehalten. Der Überlieferung nach begann alles 1224, als ein Verwalter des Klosters Einsiedeln mit einer kleinen Herde ins Simmental zog. Dass sich die Kuh von dort über Europa ausbreitete, hat auch mit der Geschichte zu tun. In den Ebenen dezimierten Kriege und Seuchen die Herden immer wieder, die Bergbauern im Schutz der Alpen züchteten einfach weiter und hatten stets Tiere zu verkaufen.
Zu Hause aber blieb die Simmentaler Mutterkuh eine kleine Gemeinschaft: 12 000 Tiere, nur davon 1270 im Herdebuch eingetragen.
Gegen alle Vorurteile
Ende der Neunzigerjahre interessierte sich kaum jemand für die Mutterkuh. Einen Markt für Natura-Beef gab es nicht, Handel, Konsumenten und Berufskollegen mussten erst überzeugt werden. Die Pioniere hätten einen breiten Rücken und einen langen Atem gebraucht, weiss Florian Wenger.
Auch die Tiere machten es den Züchtern nicht leicht. Sie stammten von Zweinutzungskühen ab, gaben viel Milch, hatten aber zu wenig Fleisch und den hartnäckigen Ruf, schwer abzukalben. Passende Fleischgenetik gab es im Inland nicht. Also suchten die Züchter im Ausland. Die ersten Besamungsstiere kamen aus Amerika: gross, hochbeinig und von einem Temperament, das Wenger diplomatisch als «sportlich» umschreibt.
Der Umweg über die halbe Welt
Rasch schwenkten die Züchter nach Bayern, wo man schon in den Siebzigerjahren auf natürliche Hornlosigkeit setzte. Nach dem Mauerfall kam ein Schub aus Ostdeutschland. Auf den ehemaligen Kollektivbetrieben entstanden riesige Mutterkuhherden, und wer Tausende Tiere hält, kann weder jedes Kalb enthornen noch bei jeder Geburt helfen. Genau darauf wurde gezüchtet, und davon profitierten auch die Schweizer.

Später kamen Stiere aus Dänemark, England und Irland, aus Südafrika mit guten Klauen und vitalen Kälbern. Heute aus Kanada, wo die Simmentalerin vom Riesen zur mittelgrossen, gut wachsenden Kuh umgezüchtet wurde. Nicht alles, was im Ausland Rang und Namen habe, passe zur Schweiz, betont Wenger. Man musste auswählen, verwerfen, neu versuchen.
Aus dem Suchenden wird ein Lieferant
Doch die Mühe hat sich gelohnt. Die fünf meistgenutzten Simmentaler Fleischstiere des Landes stammen aus Schweizer Zucht. Am Stierenmarkt in Brunegg AG erreichte die Rasse einmal den höchsten Durchschnittspreis aller Rassen, für Florian Wenger eine Glanzleistung. Heute sind ihre Stiere auch in anderen Herden gefragt, und diesen Sommer gingen wieder einmal zwei Stiere ins Ausland. Die Rasse, die ihre Genetik in der Welt zusammensuchen musste, liefert nun selbst.
Geholfen habe ein Zuchtziel, das in 25 Jahren nur einmal leicht angepasst wurde. Niemand musste seine Strategie über den Haufen werfen, alle konnten Stufe um Stufe weiterarbeiten.
Die nächste Hürde
Fertig ist die Zucht nie. Leichte Geburten, gute Beine und Fruchtbarkeit bleiben entscheidend. Vor allem aber rückt die Gesundheit ins Zentrum, in Zeiten von Blauzungen- und Hautknotenkrankheit mehr denn je. Florian Wenger zitierte eine französische Tierärztin: Mit dem Klima seien neue Krankheiten nach Norden gewandert, und die Forschung komme mit Impfstoffen nicht immer rechtzeitig nach. Der beste Schutz bleibe eine vitale Herde mit starkem Immunsystem.
Sein Fazit fiel so knapp aus wie selbstbewusst: Die Voraussetzungen seien gut, der Markt sei günstig, und man sei eine aussergewöhnliche Mannschaft.
Den Weg vor Augen
Am Nachmittag standen sie dann zusammen in der grossen Halle und draussen auf der Weide: Züchterinnen und Züchter, Gäste und Freunde der Rasse. Sie fachsimpelten über Abstammungen und Stierenmärkte und klopften einem Stier anerkennend auf den Rücken. Und wer später wieder ins Auto stieg, dem kam die Anfahrt vielleicht in einem anderen Licht vor.
Auch die Vereinigung Simmental Suisse hat ihren Weg nie auf einer fertigen Karte gefunden. Sie hat ihn nie verloren, wiedergefunden, Umwege genommen, über Amerika, Bayern und Kanada. Ans Ziel gebracht hat sie kein Navi, sondern Menschen, die an eine Sache glaubten und nicht umkehrten, als die Strasse schmal wurde. Oben angekommen, ist die Aussicht jedenfalls grossartig.

