Franz Röösli aus Hellbühl LU ist IP-Suisse-Bauer, digitaler Pionier, und schreibt seinen Feldkalender trotzdem wieder von Hand. Eine Geschichte, die viele kennen. Und eine, die unbequeme Fragen aufwirft: Wer baut eigentlich diese digitalen Werkzeuge und für wen?
Egon Brüstle ist Geschäftsführer von Modan, einer Tochterfirma von IP-Suisse, die seit Jahren Software für Landwirte entwickelt, unter anderem den Feldkalender «Smartfarm». Er weiss also genau, warum es mit der Digitalisierung in der Schweizer Landwirtschaft nicht so recht vorwärtsgeht. Und er spart nicht mit Selbstkritik.
Franz Röösli hat einen digitalen Feldkalender ausprobiert und wieder aufgehört. Heute schreibt er von Hand. Was ist Ihre Erklärung dafür – und wessen Fehler ist das?
Egon Brüstle: Da Herr Röösli nicht unseren Feldkalender eingesetzt hat, kann ich die Ursache nur vermuten. Aber die Berichte von Wechselkunden zeigen vor allem zwei Punkte als häufige Ursachen. Einerseits sind etliche Agrarprogramme am Markt, die nicht auf die Bedürfnisse eines Durchschnittsbetriebs zugeschnitten sind, sondern eher auf Grossbetriebe.
Das macht deren Bedienung sehr komplex. Dem kann vorgebeugt werden, indem man während der Entwicklung eng mit den späteren Anwendern des Produktes zusammenarbeitet.
Nicht zuletzt aus diesem Grund beschäftigen wir im Entwicklungsteam einen aktiven Landwirt, der viel Praxiswissen einbringt. Andererseits sehe ich ein zu geringes Zusammenspiel der verschiedenen Applikationen, was häufigen Doppelaufwand verursacht.
Röösli hat 16 Logins. Finden Sie das vertretbar – und wer müsste was tun, damit es in fünf Jahren nicht mehr so ist?
Für den Anwender ist es ärgerlich, wenn er für jede Anwendung ein eigenes Login braucht. Aus diesem Grund haben wir bereits vor einiger Zeit damit begonnen, alle unsere Applikationen in eine eigene Cloud mit gemeinschaftlichen Diensten zu integrieren.
Dies ermöglicht den aktuell circa 43 000 Landwirtschaftsbetrieben auf unserer Plattform, die vielen Applikationen mit nur einem einzigen Login zu nutzen. Gerne würden wir dies auch plattformübergreifend ermöglichen, stossen momentan aber bei anderen Anbietern noch nicht auf allzu grosses Gegeninteresse.[IMG 2]
Sie sagen, der Abstand zwischen Informatik und Landwirtschaft werde immer grösser, wegen der unterschiedlichen Geschwindigkeit. Warum werden denn dann Systeme gebaut, die diesen Abstand nicht überbrücken?
Ein Grund liegt in der Art und Weise, wie viele Agrar-Softwareprojekte entwickelt werden. Manchmal habe ich das Gefühl, als ob nach der Auftragsvergabe nur noch Informatikspezialisten an der Umsetzung beteiligt wären.
Die ganze Kommunikation im Projekt findet im Fachjargon der Informatik statt. Die beteiligten Fachspezialisten aus der Landwirtschaft können sich oft nicht im erforderlichen Umfang einbringen. Und wenn man nicht die «Sprache des Kunden» spricht, ist das Risiko gross, dass man an seinen Bedürfnissen vorbei programmiert.
Ein Bauer, 63 Jahre alt, Nokia in der Hosentasche, keine Lust auf einen Computerkurs. Wie wollen Sie den von der Digitalisierung überzeugen und wessen Aufgabe wäre es, das zu tun?
Erstens: Wir werden nie alle überzeugen können. Zweitens: Die Digitalisierung darf nie Selbstzweck sein. Doch wenn ihr Nutzen für den Anwender klar erkennbar ist, und wenn die Software so einfach und intuitiv zu benutzen ist, dass es keinen Computerkurs braucht, dann muss man auch niemanden überzeugen.
Aus meiner Sicht ist es die Aufgabe der Softwarehersteller, Produkte bereitzustellen, die die Nutzer einsetzen wollen – und nicht müssen.
Röösli will eine zentrale Plattform, ein Login, granulare Zugriffsrechte. Sie selbst sagen, das sei technisch lösbar. Was fehlt dann – Wille, Geld oder Koordination?
Hier vermischen sich einige Themen. Die Anzahl der notwendigen Logins sollte aus Effizienz- und Komfortgründen auf ein Minimum reduziert werden. Das wäre technisch auch einfach möglich.
Bei der zentralen Plattform sehe ich das allerdings differenzierter. Ich bin überzeugt, dass Konkurrenz die Qualität der Lösungen verbessert. Eine einzige Plattform würde langfristig zu komplexen, schwerfälligen Applikationen führen und verhindern, dass spezialisierte, auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnittene Produkte angeboten würden. Was wiederum zur Problematik aus der ersten Frage führen würde.
Dazu kommt, dass der Anbieter der zentralen Plattform ein vollständiges Bild über jeden einzelnen User besässe. Das wäre mir persönlich viel zu riskant. Da bin ich eher ein Fan von verteilten Systemen, bei welchen jedes Teilsystem nur die von ihm wirklich benötigten Daten besitzt und diese auch nicht weitergibt, ohne explizite Zustimmung des Nutzers.
Die Bedienung kann bei verteilten Systemen genauso komfortabel gestaltet werden. Das ist mit den heutigen Technologien problemlos möglich.
Alle reden über Datenaustausch. Sie sagen: Das Problem liegt davor. Wo genau? Und was meinen Sie damit?
Das muss ich technisch ein wenig ausholen. Es gibt in der Informatik unterschiedliche Konzepte, wie Plattformen die Daten ihrer Nutzer verwalten. So kann eine Plattform zum Beispiel alle Daten zentral verwalten, oder aber jede Applikation verwaltet ihre spezifischen Daten selbst.
Eine weitere Möglichkeit ist es, Plattformen oder Applikationen so zu bauen, dass der Plattformbetreiber selbst gar keinen Zugriff auf die Nutzerdaten hat, sondern nur der Anwender, während er aktiv im System angemeldet ist.
Je nachdem, welches dieser Konzepte zum Einsatz kommt, unterscheiden sich der Bedarf an Datenaustausch und die erforderliche Komplexität bei der Verwaltung der Zugriffsrechte sehr stark.
Wer besitzt die Hofdaten von Franz Röösli – er selbst, Modan, der Kanton, der Bund? Und wer sollte sie besitzen?
Hier ist der Begriff «besitzen» vielleicht nicht optimal gewählt, ich würde eher fragen, wer kann darauf «zugreifen». Lassen sie mich den «kleinen Unterschied» an einem Beispiel erklären. Wir haben für die IP Suisse deren neuen Feldkalender «smartfarm» entwickelt. Darin befinden sich naturgemäss sehr viele Nutzerdaten. Nun stellt sich die Frage: Wer muss darauf Zugriff haben?
Der Anbieter benötigt lediglich Zugriff auf wenige Stammdaten des Nutzers, beispielsweise für die Rechnungsstellung. Auf alle anderen Daten aber nicht. Nur der Nutzer selbst muss darauf zugreifen können, bzw. Personen, die er explizit dazu berechtigt, zum Beispiel im Supportfall.
Die korrekte Funktion unserer Zugriffsschutzmassnahmen lassen wir regelmässig durch unabhängige externe Audits überprüfen. Wir sind überzeugt: die Nutzenden müssen darauf vertrauen können, dass ihre Daten bei uns sicher sind und ohne ihre Zustimmung von niemandem eingesehen werden können. Ansonsten würde die Akzeptanz für die Nutzung der Programme schnell schwinden.
Sie sagen, Modan will, dass Mitglieder ihre Daten unabhängig verwalten und mit Lizenzgebühren zahlen – nicht mit Daten. Warum ist das in der Schweizer Agrardigitalisierung die Ausnahme statt die Regel? Oder sehe ich das falsch?
Viele Menschen nutzen Gratis-Internetdienste wie Google, ohne zu wissen, dass sie in Wirklichkeit mit ihren Daten bezahlen. Diese nutzt Google beispielsweise, um ihnen später auf sie zugeschnittene Produktwerbung anzuzeigen, womit Google Geld verdient.
Daten von Landwirtschaftsbetrieben könnte man ganz ähnlich auch sehr einfach «zu Geld machen». Bei uns im Unternehmen hat das Thema Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung aber einen sehr hohen Stellenwert. Das liegt unter anderem auch daran, dass unsere Eigentümer bzw. deren Vertreter von jeher selbst Nutzer unserer Applikationen waren und deshalb besonderen Wert darauf legten, dass die Nutzerdaten vertraulich behandelt werden.
Die Applikation kostet – aber dafür werden die Daten für nichts anderes genutzt.
Sind Sie Teil der Lösung oder Teil des Problems – und was würden Sie anders machen, wenn Sie ein Jahr lang mit 16 Logins und zwei Stunden Administration pro Woche Bauer wären?
Wir wollen Teil der Lösung sein und ich hoffe, das gelingt uns auch meistens. Die Digitalisierung kann den Bauern definitiv viel Aufwand einsparen. Aber nur, wenn die Anbieter und Entwickler ihren Job richtig machen.
Wenn sie einerseits auf die wirklichen Bedürfnisse der Bauern eingehen und andererseits dazu bereit sind, die verschiedenen Applikationen und Plattformen miteinander zu verknüpfen. Da ist sicher noch ein Weg zu gehen, aber ich bin zuversichtlich.

