Das neue Praxishandbuch «Biodiversität in der Landwirtschaft», herausgegeben von FiBL und Schweizerischer Vogelwarte und erschienen im Haupt Verlag, nimmt den ganzen Hof in den Blick: Wiese, Acker, Hofplatz. Es liefert konkrete Ansatzpunkte für Naturförderung dort, wo gewirtschaftet wird. Anfang September wurde es auf dem Sonnenberg-Buurehof vorgestellt. Der Betrieb am Zürcher Stadtrand hält Bio-Reben, Angus-Mutterkühe und eine Pferdepension und betreibt Ackerbau – eine Biodiversitätsoase, in der sich beobachten lässt, wie eng Produktion und Artenschutz ineinandergreifen können.
Keine Konkurrenz, sondern Ergänzung
Die Kernbotschaft des Anlasses liess sich in den Grussworten mehrfach hören: Landwirtschaftliche Produktion und Biodiversität stehen sich nicht im Weg, sie bedingen einander. Bio-Suisse-Präsident Urs Brändli erinnerte daran, dass ältere Generationen noch vielfältigere Landschaften kannten, mit Pflanzen und Tieren, die heute seltener oder ganz verschwunden sind. Die grösste Gefahr sei deshalb nicht allein der Verlust an Artenvielfalt selbst, sondern dass man sich an diesen Verlust gewöhne. Landwirtschaft und Biodiversität dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden: Wer Versorgungssicherheit wolle, müsse Biodiversität schützen und fördern. Als Beispiele für konkrete Naturleistungen nannte Brändli Bodenbildung, Durchlüftung, Nährstoffkreisläufe, Bestäubung und natürliche Widerstandskraft – Eigenschaften, die sich gerade in einem trockenen Sommer wie diesem als besonders wertvoll erweisen.
Auch Jürn Sanders (FiBL) verwies auf den ökonomischen Nutzen: Biodiversität erhalte die Produktionsmöglichkeiten eines Betriebs und vermindere dessen Abhängigkeit von externen Faktoren wie Dünger oder Pflanzenschutzmitteln.
Damit das gelinge, brauche es gute Beratung – und dafür sei das neue Handbuch gedacht. Sanders machte aber auch klar, dass die Landwirtschaft nicht allein in der Verantwortung stehe: Verarbeitung und Handel müssten mitziehen, sonst bleibe jede Anstrengung auf dem Feld nur halbe Sache.
Vom Spott zum Stolz
Wie sehr sich die Haltung in der Branche gewandelt hat, brachte IP-Suisse-Vertreter Christian Schürch anschaulich auf den Punkt. Vor Jahren hätten viele Bauern noch gespottet und gesagt, man solle endlich aufhören mit diesem «Vögeli-Schissdräck». Heute begegne er Berufskollegen, die voller Stolz erzählten, ein Hermelin in einem selbst angelegten Ast- oder Steinhaufen entdeckt zu haben.
Das neue Buch hole die Menschen genau dort ab: Es biete Hilfestellung, zeige auf und erkläre, wie man Biodiversitätsförderung sinnvoll angeht – mit wertvollen Tipps von Praktikerinnen und Praktikern ebenso wie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
Hubert Schürmann von der Schweizerischen Vogelwarte ergänzte die Perspektive der Wildtiere: Das Handbuch zeige konkret auf, was Vögel und andere Tiere zum Überleben brauchen – etwa schonende Ernteverfahren, Untersaaten oder einzelne Sträucher und Gebüschgruppen im Obstgarten. Solche kleinen Strukturelemente, oft am Rand der eigentlichen Produktionsfläche, machten in der Summe einen grossen Unterschied für die Artenvielfalt auf dem Betrieb.
Ein Werkzeug für die Beratung
Co-Autorin Véronique Chevillat vom FiBL betont den gesamtbetrieblichen Ansatz: Das Buch eigne sich für jeden Betriebstyp und richte sich in erster Linie an Beratungspersonen – «ein Muss für jede Beratungsperson», so Chevillat. Berater müssten Lebensräume, Arten und deren Bedürfnisse kennen und zugleich sicherstellen können, dass sich die Landwirtin oder der Landwirt an die geltenden Regeln hält.
«Nur was man kennt, kann man auch schützen», brachte sie den didaktischen Anspruch des Buches auf den Punkt. Praktisch gedacht ist auch ein Detail für den Alltag: QR-Codes führen direkt zu den jeweils aktuellen Seiten mit den Auflagen des Bundes – so bleibt das Handbuch auch dann verlässlich, wenn sich einzelne Vorschriften ändern.
Inhaltlich deckt das reich bebilderte Werk auf gut 350 Seiten sämtliche Betriebsbereiche ab, von Grün- und Ackerland über Spezialkulturen bis zum Hofgelände. Viele Massnahmen lassen sich mit geringem Aufwand umsetzen: Schon ein Schnitt mit ausreichend Abstand zum Boden bei der Heuernte verbessert die Überlebenschancen von Insekten und Kleintieren deutlich – und begünstigt nebenbei auch das Pflanzenwachstum im Nachgang. Wer einfach vorhandene Strukturen wie Altgras, Efeu, Steinhaufen oder Totholz stehen lässt, tut oft schon genug.
Für 34 Franken ab sofort erhältlich
Getragen wird das Projekt von einem breiten Bündnis aus Bund, Branchenorganisationen und Stiftungen – ein Zeichen dafür, wie breit das Anliegen inzwischen abgestützt ist. Das Handbuch kostet 34 Franken und ist ab sofort erhältlich; eine französische Ausgabe folgt im November, eine E-Book-Variante ist ebenfalls in Vorbereitung.

