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Thurgauer veredeln deklassierten Wein zu Glühwein

Schweizer Glühwein war bis anhin eher selten. Im Thurgau will man das ändern. «Das Produkt birgt Potenzial», sagt Simone May, Geschäftsführerin von Agro Marketing Thurgau AG, im Interview.

Bereits zum zweiten Mal lancierte die Agro Marketing Thurgau AG (AMT) Glühwein aus deklassiertem Wein. Dieses Jahr kam als alkoholfreie Variante sogar noch ein Glühmost hinzu. Die BauernZeitung hat sich mit Simone May, der Geschäftsführerin von AMT, über das Projekt unterhalten. Ihre Organisation ist Anlaufstelle für Marketingaktivitäten der Thurgauer Land- und Ernährungswirtschaft.

BauernZeitung: Simone May, können Sie uns kurz denHintergrund des Projekts schildern?

Simone May: 2020 gab es ein Deklassierungsprojekt für Wein vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Infolge Corona wurde nämlich viel weniger Wein via Gastrokanal verkauft, und durch die guten Ernten der Vorjahre waren die Tanks der Winzer noch gut gefüllt. Das BLW bezahlte zwei Franken pro Liter deklassierten Wein, Voraussetzung war ein innovativer Vermarktungsansatz.

Wir wussten, auch Winzer aus dem Thurgau wollten Wein deklassieren. Deshalb machten wir eine nüchterne Marktanalyse, was man aus Wein noch so alles machen könnte.

Wieso gerade Glühwein?

Die Verarbeitung zu Essig wäre eine Möglichkeit gewesen oder die Verwendung als Zutat bei der Herstellung von Bratensauce. Wir stellten jedoch fest, dass der Schweizer Glühweinmarkt grösstenteils durch ausländische Produkte in Discounterqualität besetzt war. Unsere Recherche ergab gleichzeitig, dass es in Deutschland und Österreich Winzer gibt, die Glühwein als hochstehendes Produkt vermarkten. Da sahen wir ein innovatives Absatzpotenzial.

Den Weisswein konnten wir übrigens in die Fondueproduktion vermitteln. Häufig ist dort kein Schweizer Wein drin. Das ist auch der Grund, weshalbwir keinen weissen Glühwein anbieten.

Was unterscheidet einen Billigglühwein von einem Winzerglühwein?

Wir verwenden einen hochwertigen Wein als Grundprodukt, genau genommen einen Pinot Noir, der AOC-Qualität hatte. Wir fügen lediglich etwas Zucker bei, so dass der Charakter des Weins erhalten bleibt. Wer es süsser mag, kann nachsüssen. Ein Unterschied liegt auch bei den Gewürzen. Wir setzen eine natürliche Gewürzessenz ein.

Im Gegensatz zu den deutschen Winzern pasteurisieren wir den Glühwein, um eine Nachgärung zu vermeiden. Wir schwefeln kein zweites Mal. Das macht sicher auch einen Qualitätsunterschied.

Wie findet man das richtige Rezept?

Ich bestellte zehn verschiedene Produkte und testete sie mit dem Team durch. Wir bekamen aber auch Hilfe von einem deutschen Winzer, der uns wichtige Tipps unter anderem für die besten Gewürze gab. Der Rest ist ausprobieren.

Wer steckt hinter demProjekt?

Der Wein stammt vom Weingut Saxer in Nussbaumen, der Süssmost von Familie Bär in Opfershofen. Beim Pasteurisieren steht uns die Mosterei Bussinger aus Hüttwilen mit Rat und Tat zur Seite. Es war gar nicht so einfach, die richtigen Abläufe zu finden.

Wie schon gesagt, machte AMT die Abklärungen und ist für das Projekt zuständig. Wir tragen auch das Risiko, indem wir alles vorfinanzieren.

Wie läuft der Verkauf?

Sehr gut, wir bekommen ständig Telefone von Leuten, die Bestellungen aufgeben. Beim Glühmost sind wir bald ausverkauft und beim Glühwein haben wir bereits zwei Drittel der Menge weg. Es kommt uns sicher zugute, dass man sich wegen Corona im Freien zu einem Umtrunk trifft. Da verbreitet Glühwein eine wohlige Wärme.

Hatten andere Weinregionen auch schon die Idee mit dem Glühwein?

Ich habe von Projekten im Welschland gehört. Da wir wissen, dass es nicht jedes Jahr genügend Wein für Glühwein geben wird, sind wir interessiert, mit Winzern und Mostproduzenten aus anderen Kantonen in Kontakt zu kommen und dort auch Produktionsmöglichkeiten aufzubauen. Denn, wenn man wirklich regional sein will, macht es keinen Sinn, Thurgauer Glühwein nach Arosa oder ins Wallis zu bringen.

Ist die ganze Aktion nicht einfach ein Tropfen auf den heissen Stein?

Das Ganze startete als eine Aktion gegen Food-Waste. Wir wollten verhindern, dass Ressourcen verschwendet werden. Nach eineinhalb Jahren Erfahrung wissen wir aber auch, dass für die Winzer der Glühwein ein Türöffner sein kann für den Verkauf von anderen Weinprodukten.

Was ist der Nutzen für die Produzenten?

Spannend daran ist, dass sie ihre Ressourcen optimal nutzen können und eine weitere Art der Wertschöpfung bekommen. Mit solchen Ansätzen erweitern sie ihre Produktepalette und sprechen so vielleicht auch neue Kunden an.

Wir wissen aber auch, dass ein Winzer oder ein Süssmostproduzent über seinen Schatten springen muss, um sein Produkt mit Zucker einzukochen. Ebenfalls wird uns nicht jedes Jahr die gleiche Menge an Rohstoffen zur Verfügung stehen. Als wir im Juli unsere Glühweinproduktion planten – ja Glühwein ist ein Sommerprodukt (lacht) – konnte noch niemand wissen, dass wir heuer keine grossen Wein- und Obsternten einbringenwerden.

Mehr Informationen zum Projekt und Angaben, wo man den Glühwein kaufen kann: www.glüh.ch

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