Der Markt hat die Abstimmung gewonnen. Am 27. Mai scheiterte in Olten SO das Stilllegungskonzept der Suisseporcs um vier Stimmen. Seither zeigt der Markt, was er kann: Ab dem 5. Juni gilt für QM-Schlachtschweine ein Preis von Fr. 2.50 pro Kilogramm Schlachtgewicht – ein Minus von 70 Rappen gegenüber der Vorwoche. IP-Suisse-Schweine bringen noch Fr. 2.75. Abgehende Muttersauen holen zwischen 50 und 70 Rappen pro Kilo, halb so viel wie in der Vorwoche. Ferkel können nicht eingestallt werden, weil die zurückgestellten Schlachtschweine noch in den Ställen stehen.
Die BauernZeitung hat die Bell Food Group (bekannt als Bell, eine Tochtergesellschaft der Coop-Gruppe) und Hansruedi Buff, Schweinehalter aus Eschenz TG, mit denselben Fragen konfrontiert.
Bell betont, der Markt bestimme die Preise
Bell geht von einem aktuellen Überhang von mindestens 18 000 Schweinen aus. In den nächsten Wochen werden laut dem Unternehmen 50 000 bis 53 000 Tiere pro Woche auf den Markt kommen, bei einem Bedarf von 44 000 bis 45 000 Stück. Das sind jede Woche rund 8000 Tiere zu viel.
Bell betont, man setze die Preise nicht einseitig, sondern der Markt bestimme sie. Die aktuellen Preise seien Ausdruck einer ausserordentlichen Marktsituation. Wie lange die Situation andauert, will Bell nicht einschätzen. Man arbeite mit Hochdruck daran, Schweinehälften zu exportieren und zusätzliche Absatzkanäle zu erschliessen.
Den Vorwurf, das Abnehmeroligopol nutze die Lage über fehlende Schlachttage, Einlagerung und gezielte Marktmacht aktiv aus, weist Bell zurück. Man schlachte derzeit sieben bis acht Prozent mehr als im Vorjahr, bei gleich gebliebener Nachfrage. Das Lager sei hochgradig gefüllt, Ware müsse abgewertet und zu tieferen Preisen abgesetzt werden. Preisreduktionen würden sofort an die Kunden weitergegeben, zusätzliche Exportaktivitäten würden unterstützt.
Zum Importanstieg – Proviande weist für 2025 ein Plus von 15,8 Prozent auf 16 237 Tonnen Schweinefleisch aus, bei gleichzeitiger Inlandüberproduktion – argumentiert Bell: In der ersten Jahreshälfte 2025 sei die Produktion marktgerecht gewesen, die Überproduktion habe sich erst in der zweiten Hälfte gezeigt. Importe beträfen zudem vor allem Teilstücke, die im Inland nicht verfügbar seien. Die Möglichkeit, nur bestimmte Teilstücke einzuführen, würde allen Marktteilnehmern helfen.
Und schliesslich: Bell verlangt mehr Transparenz, und zwar schon seit der Krise 2022/2023. Es fehle an Systemen, um korrekte Produktionsdaten zu erheben und die Menge marktgerecht zu steuern.
Schweinehalter Buff findet: «Ego und Marktmacht»
Hansruedi Buff, Schweinehalter aus Eschenz TG, sieht die Lage anders. Was Bell ausübe, habe nichts mehr mit Partnerschaft und Fairness zu tun. Noch nie seien die Preise in so grossen Schritten gesenkt worden, und noch nie so tief, dass der Erlös eines Schlachtschweins nicht einmal mehr Futter, Strom und Heizung decke.
Das war früher anders. Die Tiefstpreise wurden so gesetzt, dass zumindest die Betriebskosten noch gedeckt werden konnten. Kein Lohn für die Arbeit, aber kein akuter Notstand, und genug Preissignal, um die Menge zu reduzieren. Diese Grenze ist jetzt gefallen.
Buff stellt deshalb eine grundsätzliche Frage: Wie viel Inlandanteil wollen die Abnehmer noch? Oder wollen sie junge Betriebsleiter gezielt von der Schweinehaltung abbringen, um mehr importieren zu können? Mit derart tiefen Preisen nähmen die Abnehmer in Kauf, dass gerade junge Schweinehalter in ausweglose Situationen gerieten und die Betreuungsqualität der Tiere leide. «Das hat nichts mehr mit Markt und Partnerschaft zu tun, sondern mit Ego und Marktmacht», sagt Buff.
Eine Chronologie des Versagens
Hansruedi Buff hat die Preisentwicklung der letzten Monate genau verfolgt. Schon seit dem letzten Frühsommer informierte Suisseporcs regelmässig über Jagerangebote über der Zielmenge. Nach den Sommerferien stockte der Absatz. Trotzdem wurden die Schlachtschweinepreise nicht gesenkt, das Signal an die Produzenten lautete: «Wir können die Schweine gut gebrauchen.»
Anfang Jahr kam dann ein Preisabschlag von 70 Rappen. Wenige Wochen später, ohne Anzeichen einer Mengenreduktion, ein Aufschlag von 40 Rappen, wieder ein positives Signal. Kurz darauf folgte erneut der Einbruch. «Wer soll unter solchen Vorgaben noch wissen, was zu tun ist, und den Bestand reduzieren?», fragt Buff. Dazu komme, dass die monatelangen Diskussionen über das Stilllegungskonzept dafür gesorgt hätten, dass niemand die Schweinehaltung aufgebe, ohne allenfalls noch von einer Stilllegungsprämie zu profitieren. Die Abnehmer trügen mit ihrer Preispolitik die Hauptverantwortung für die wahrscheinlich grösste Krise, die die Branche je erlebt habe.
Was jetzt gebraucht würde
Hansruedi Buff hat konkrete Gegenvorschläge eingebracht – bisher ungehört, wie er sagt. Erstens: das Jagerpreismodell an die Zielmenge anpassen. Wenn die Einstallungen über die Zielmenge steigen, sinkt der Preis, die Mäster werden vorsichtiger, die Nachfrage nach Jagern lässt nach. Das sei kein politischer Eingriff, wie die BauernZeitung kontert: Wenn die Abnehmer an einer fixen Anzahl Schlachtschweine festhalten, habe eine Preissenkung beim Jager nichts mit politischen Preisen zu tun.
Zweitens: die Erfassung des Säugerfutters als Frühindikator. Hansruedi Buff ist überzeugt, dass sich damit zuverlässige Produktionszahlen errechnen lassen. Die Jagerzahlen vom Jahresbeginn hätten jedenfalls nicht mit den 14 Wochen später tatsächlich geschlachteten Tieren übereingestimmt – ein Problem, das Bell selbst benennt. Bevor andere Lösungen geprüft werden, müssten zuerst verlässliche Produktionsindikatoren her.
Die Dauerschleife
Suisseporcs-Geschäftsführer Stefan Müller nennt es ein Déjà-vu. Schon vor drei Jahren, in der Krise 2022/2023, lief es gleich ab: Überhang, Preissturz, Wut, Ohnmacht, finanzielle Härtefälle, Betriebsaufgaben. Dann Erholung, steigende Preise, neue Remonten – und vier Jahre später dieselbe Wand.
Hansruedi Buff sieht das genauso. Der Markt werde die Krise bereinigen, aber er werde Opfer fordern. Nicht alle Betriebe, die heute noch Schweine halten, werden diesen Sommer überstehen. Ein Erlös von Fr. 200.– pro Mastschwein und Fr. 60.– pro Mutterschwein, dazu übermässige Übergewichtsabzüge, treiben Betriebe in eine Lage, aus der es keinen betriebswirtschaftlichen Ausweg gibt. Besonders für jene, die erst kürzlich investiert haben oder deren Betrieb auf der Schweinehaltung aufbaut.
Am 17. Juni trifft sich der Zentralvorstand der Suisseporcs zur Standortbestimmung, zum Markt und zur Frage, wie es nach dem gescheiterten Stilllegungsbeitrag weitergeht. Lösungen liegen laut Präsident Andreas Bernhard keine vor. Die Zeit läuft.

