Auf ausgetrockneten Flächen Gemüse anzubauen – das schafft nicht mal der beste Landwirt. Aufgrund der oft auftretenden Föhn- und Bisenlagen in der Region Maienfeld GR kam es in der Vergangenheit oft zu trockenen Böden. Der Föhn erhöht die Menge an Wasser, die auf bewachsenem Boden verdunstet und von der Pflanze an die Atmosphäre abgegeben wird. Demzufolge mussten die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter früher Wasser aus einem Bewässerungskanal pumpen, der nicht durchgehend Wasser führte – und dies auf sehr bewässerungsbedürftigen Flächen, auf denen verschiedene Gemüsekulturen angebaut werden, jedoch durchschnittlich in jedem dritten Jahr mit einem Wasserdefizit von 176mm zu rechnen ist.
Eines der grössten Schweizer Bewässerungssysteme
Aufgrund dessen wurde 2019 auf einer Fläche von 200 ha eines der grössten Schweizer Bewässerungssysteme in Betrieb genommen. Mitgetragen wurde das Projekt vom BLW und dem kantonalen Amt für Landwirtschaft und Geoinformation (ALG). Die Gesamtkosten beliefen sich auf 2,8 Mio. Fr., die zu grössten Teilen von Bund und Kanton getragen wurden. Auch die Bürgergemeinde und die ansässigen Landwirt(innen) trugen zur Finanzierung bei.
Das Grundwasserpumpwerk, welches sich im Eigentum der politischen Gemeinde befindet, versorgt die Bevölkerung zum einen mit Trinkwasser. Ebenso werden aber auch 4000 Liter Wasser pro Minute in Polyethylenleitungen gepumpt und auf einer Länge von sieben Kilometern auf 32 Hydranten in Feldnähe zur Bewässerung der verschiedenen Gemüsekulturen verteilt. Ab diesem Punkt ist die Bewirtschaftung der Bewässerungsanlagen Sache der Flächenpächter. Landwirt Lukas Enderlin, der die dortigen Flächen bewirtschaftet, war von Beginn an am Bewässerungsprojekt beteiligt.

«Hier wurde zwar früher schon mal Gemüse angebaut, aber dann circa 20 Jahre lang nicht mehr», erzählt Enderlin. Die Böden um Maienfeld seien talabwärts sandig und somit geeignet für das Gemüse. Durch die Nähe des Rheins ist der Boden talaufwärts Richtung Landquart hingegen von Kies durchzogen. Die Humusschicht auf dem Kies misst teils nur 20 cm. Dadurch ist der Boden trocken und das Getreide reift an diesen Stellen schneller ab.
So ungleichmässig wie der Boden sind auch die Niederschlagsereignisse. «Als Gemüsebauer wünscht man sich eigentlich einen Regentag in der Woche», sagt Lukas Enderlin und lacht: «Die Niederschläge sind aber weniger und unregelmässiger im Vergleich zu früher. Manchmal regnet es aufs Mal 100 mm und dann zwei Monate gar nicht.» Wenn man hohe Qualität und gute Erträge anstrebt, geht grossflächiger Gemüsebau ohne Bewässerung nicht mehr.

Der Gemüsebau wuchs stetig
Bereits 2008 fing Lukas Enderlin an, auf kleiner Fläche Lagerkarotten anzubauen. Für die zwei Hektaren war die Bewässerung durch den Kanal damals ausreichend. Doch der Gemüsebau lief gut und wuchs stetig: Kartoffeln kamen dazu, Chicorée, Zwiebeln, Frühlingskarotten.
Von den aktuell 16 Landwirten, die Pachtland der Bürgergemeinde bewirtschaften, sind mittlerweile 12 in den Gemüsebau eingestiegen. Insgesamt wird in Maienfeld auf 45 ha Gemüse angebaut. «Mit dem kleinen Bächli wäre das nicht zu stemmen gewesen», ordnet der Landwirt ein. Er behält dabei die organisatorische Übersicht über die Kulturpflege sowie die Saat- und Erntekoordination und natürlich die Bewässerung: «Mit einem Grossflächenregner (Rollomat), der zum Beispiel bei Chicorée oder Karotten eingesetzt wird, brauchen wir mit 10 bar Abgang beim Hydranten etwa 600l/Minute mit einer kleinen Düse. Insgesamt stehen uns 4000 l/min zur Verfügung. Wir könnten also bis zu sechs Rollomaten gleichzeitig aufstellen und bewässern. Das ist eine super Sache», sagt der Landwirt.
Werden Kartoffeln bewässert, nutzt Enderlin eine grössere Düse und kommt ab Hydrant auf 800 bis 900 l/min. Dann können maximal vier Rollomaten gleichzeitig eingesetzt werden. «Die Rollomaten sind teilweise im Eigenbesitz, teilweise sind sie gemeinsam gekauft worden und sind in gemeinschaftlicher Nutzung. Wir führen Buch darüber, wer wann wie viel wässert», erklärt Lukas Enderlin.

Neben den Rollomaten kommen bei der Auflaufbewässerung auch Kleinregner zum Einsatz, wie zum Beispiel auf dem Rüeblifeld. Aber nur bis die keimenden Blätter die Krume durchstossen haben. Gerade bei Feinsämereien wie Chicorée oder Karotten sei eine feine Krume das A und O. «Die Rüebli sind jetzt über den Berg. Sie müssen jetzt nur noch bewässert werden, wenn die Trockenperiode länger anhält, um ihr Wachstum etwas anzuschieben», berichtet Enderlin. Als Faustregel gelte: Mit 60 Kleinregnern pro ha können etwa 1000l/min und ha gefahren werden. Mit den Kleinregnern ist der Wasserverbrauch höher. Deshalb müssen die Kulturen gestaffelt bewässert werden.

Weniger Krankheitsdruck durch Tröpfchenbewässerung
Tröpfchenbewässerung wird nur bei den Kartoffeln eingesetzt. Und dort auch nur geringfügig. Die Kosten für die Einwegschläuche seien bei 700 Fr./ha. Auch der Arbeitsaufwand sei hoch: Zwar können die Schläuche, befestigt am Spritzbalken, maschinell eingezogen werden, aber herausnehmen müsse man sie von Hand. Andererseits könne man die Tröpfchenbewässerung Tag und Nacht laufen lassen, man habe keine Verluste durch die Verdunstung oder den Wind. Ein weiterer Vorteil ist der geringere Krankheitsdruck, weil die Bewässerung an der Wurzel ansetzt und die Blätter der Kultur nicht nass werden.
Maximal 200 Meter bis zum nächsten Hydranten
Unabhängig davon, wie genau bewässert wird, ist das Netz der Hydranten so engmaschig, dass die weiteste Distanz, die mit dem Transportschlauch zu überbrücken ist, 200 m beträgt. Für Lukas Enderlin ein Luxus, im Vergleich zum umständlichen System vor der Anbindung an das Grundwasserpumpwerk. Auf eine genossenschaftliche Organisation haben die Landwirt(innen), die das System für ihre Flächen nutzen, verzichtet.


Das Bewässerungssystem ist nun seit sieben Jahren in Betrieb. Seit der Zeit habe es sich bewährt, jedoch auch verteuert. Bei Inbetriebnahme der Anlage wurde der Kubikmeter Wasser zwischen 49 und 51 Rappen inklusive Unterhalt veranschlagt. «Die grossen Pumpen verbrauchen natürlich viel Strom. Seit der Inbetriebnahme haben wir 55 Rp. bezahlt. Aktuell sind die Preise noch einmal auf 70 Rp. angehoben worden. Das muss jetzt aber auch die Obergrenze sein, sonst wird die Gemüse-Anbaufläche wieder zurückgehen», unterstreicht der Gemüseproduzent.
Sommerserie «Dem Wasser nach»
Hitzestress und Trockenheit im Sommer machen der Landwirtschaft zu schaffen. Neue Lösungen müssen her, denn immer wieder kommt es vor, dass Kantone ein Wasserentnahmeverbot für Flussgewässer verfügen. Deshalb stellen wir in unserer Sommerserie innovative Bewässerungsprojekte vor.
Betriebsspiegel der Familie Enderlin
Betriebsleitung: Lukas Enderlin (Ackerbau) und Andreas Enderlin (Weinbau)
LN: 7ha Naturwiesen, 10ha Ackerbau, 3ha Weinbau
Kulturen: Weizen, Gerste, Körnermais, Zwiebeln, Kartoffeln, Karotten
Tierhaltung: 15 Mutterkühe und 70 Mastplätze
Weitere Betriebszweige: Lohnunternehmen (allgemein Pflanzenschutz im Gemüse- und Ackerbau; Mais- und Getreideaussaat; Rundballenpresse)

