Kurz & bündig
- Reto Nussbaumer ist Landwirt und Elektroingenieur und hat auf seinen Gebäuden sehr grosse PV-Anlagen.
- Er produziert nicht nur Strom, sondern hat spezielle Vereinbarungen mit seinem Netzbetreiber, um das Stromnetz zu stabilisieren.
- Der Netzbetreiber kann zu gewissen Zeiten seine PV-Anlagen abschalten oder Nussbaumer braucht den Strom selber.
- Der Netzbetreiber bewirtschaftet Reto Nussbaumers Batterie zur Netzstabilisierung.
- Für die Teilnahme an diesem System wird Reto Nussbaumer finanziell entschädigt.
- Stromproduktion und Energiedienstleistungen sind so ein weiteres finanzielles Standbein seines Hofs.
Alles lebt bei Reto Nussbaumer. Durch den Kuhstall fliegen die Schwalben, seine neu gepflanzten, rund 500 Hochstamm-Apfelbäume beherbergen Rotschwänze und Spechte, darunter liegt seine Black-Angus-Herde wiederkäuend im Schatten. Neu aufgeschüttete Steinhaufen geben Hermelin und Eidechsen Deckung und die Legehühner rennen geschäftig um ihren Stall herum.
Eier, Fleisch, Süssmost und Strom

Reto Nussbaumer ist die Vielfalt wichtig – sowohl die ökologische als auch die ökonomische. In seinem Hofladen verkauft er Süssmost, Eier und Fleisch. Er verkauft aber auch Strom und Stromprodukte. «Als Bauer braucht man mehrere wirtschaftliche Standbeine», sagt er. Nun sind für ihn Strom und Energiedienstleistungen als weiteres Produkt dazugekommen.
Reto Nussbaumer ist Elektroingenieur und arbeitet neben seinem Bauernbetrieb noch immer in einem 20-Prozent-Pensum bei einer Elektroinstallationsfirma, die Photovoltaikanlagen (PV) installiert. Entsprechend konnte er viele Installationen selber ausführen, was für ihn die Anlage deutlich billiger gemacht hat.
Der Hof hilft dem Netz
Reto Nussbaumers PV-Anlage ist eindrücklich – und hat, wie das bei allen Bereichen auf einem Bauernhof üblich ist, mehrere Zwecke. Die ganze Südseite des Freilaufstalls mit der grossen Scheune für seine rund 30 Mutterkühe und ihre Kälber ist mit Solarpanels bedeckt. Auf der Maschinenremise gibt es auch auf der Nordseite Panels, die immerhin 60 Prozent des Ertrags von jener auf der Südseite bringen.

Riesige PV-Anlagen gelten bisweilen als Problem für das Netz, weil sie vor allem dann am meisten Strom produzieren, wenn der Absatz schwach ist. Nicht aber die Anlage von Reto Nussbaumer. Er hat mit dem Nordwestschweizer Stromversorger Primeo Energie eine Vereinbarung, wonach dieser Nussbaumers PV-Anlage komplett abregeln darf – dann muss er den produzierten Strom selber brauchen, oder er lagert ihn in die Batterie ein und braucht ihn später.
Allerdings wird die Batterie nicht nur von seiner PV-Anlage, sondern auch von Primeo Energie telemetrisch über ein System namens Equalio gesteuert. Die Speicher- und Entladeleistung von Nussbaumers Batterie bietet der Stromversorger zusammen mit anderen ähnlichen Systemen, die er unter Vertrag hat, an den Regelenergieauktionen von Swissgrid an. Damit hält der Schweizer Übertragungsnetzbetreiber das Stromnetz in der Balance.
Bei Sonne ist die Batterie möglichst leer
Im Raum mit den Kühlschränken fürs Fleisch stehen auch die beiden riesigen Schränke der Batterie und der Steuerung. Hier erklärt Reto Nussbaumer, wie das System funktioniert: «An diesem wolkenlosen Tag mit wenig Stromverbrauch müsste die Batterie eigentlich längst voll sein», sagt er und zeigt auf die Ladestandsanzeige. «Sie ist aber nur zu etwa 30 Prozent geladen. Dies reicht für den Eigenbedarf.»
Das heisst, dass Primeo Energie die Batterie für sogenannte negative Regelenergie bereithält – auf Kommando von Swissgrid wird geladen, wenn zu viel Strom im Netz ist. Sowohl fürs Bereithalten als auch fürs effektive Stromeinlagern zahlt Swissgrid Geld. Die Erträge gehen zu 25 Prozent an Primeo Energie und zu 75 Prozent an den Eigentümer der Infrastruktur, in dem Fall Reto Nussbaumer.
«Mit dieser Lösung kann ich die Batterie in 5 bis 8 Jahren amortisieren», erzählt er. Die Kombination PV-Anlage/Batterie wird deshalb für ihn noch sehr viel attraktiver.

Jenen Strom, den Primeo Energie nicht brauchen kann, braucht er selber. Der grösste Verbraucher ist die Heubelüftung, die etwa 12 Kilowatt Leistung benötigt. Sie bringt zusammen mit den Kühlschränken die Einspeiseleistung seiner Stromproduktion unter die Schwelle von 70 Prozent. Wobei die Spitzenleistung der PV-Anlage nur an wenigen Stunden im Jahr erreicht wird. Dazu kommt der Futterhäcksler als kräftiger Verbraucher. Diese Maschinen gibt es schon seit vielen Jahren auf dem Hof. Doch früher hat Reto Nussbaumer für den Strom bezahlt, den er zu dieser Tageszeit bezogen hat.
Die Mischung machts – und der Luftzug
Mit seinen Stromprodukten hat sich Reto Nussbaumer ein zusätzliches finanzielles Standbein aufgebaut, das für ihn ähnlich wichtig ist wie die Hühner oder die Mutterkühe. Zusätzlich zu den Finanzerträgen von PV-Anlage und Batterien hat er günstigeren Strom. Und dann gibt es noch einen weiteren Vorteil der grossen PV-Anlagen: Reto Nussbaumer hat sie so auf seine Stalldächer montiert, dass dank des sogenannten Kamineffekts immer ein Luftzug zwischen den Panels und dem bestehenden Blechdach weht.
Dadurch werden die Panels gekühlt und vor allem ist es im Stall an Sommertagen deutlich kühler als unter einem normalen Dach. «Mit dieser Montageart ist es nun im Stall deutlich angenehmer, wenn die Sonne voll aufs Dach knallt», erzählt er. Damit fühlt sich das Vieh wohler, ganz ohne Energieeinsatz. Denn alles, was bei Reto Nussbaumer lebt, soll sich wohlfühlen. Und es ist die richtige Mischung, die einen guten Land- und Energiewirt ausmacht.
Flexibilität ist das neue Gold
Das Stromnetz kann man sich als einen Schifffahrtskanal vorstellen, mit Brücken und Untiefen. Ist zu viel Wasser im Kanal, passen die Schiffe nicht mehr unter den Brücken durch, bei Niedrigwasser laufen sie auf Grund. Im Stromnetz entspricht dieser Wasserstand der Netzfrequenz von 50 Hertz. Bei zu viel Strom im Netz steigt die Netzfrequenz, bei zu wenig sinkt sie. Deshalb sind die Netzbetreiber ständig am Ausgleichen.
«Flexibilität ist das neue Gold» ist ein geflügeltes Wort in der Stromwelt. Flexibilität hat einen Preis und einen wachsenden Markt. Deshalb machen die Netzbetreiber sowohl die Verbraucher als auch die Erzeuger flexibel. Hier greifen Regelenergiesysteme wie Equalio von Primeo Energie ein, wobei auch viele andere lokale Stromnetzbetreiber mit ähnlichen Systemen um Teilnehmer werben. Equalio nimmt flexible Verbraucher und Erzeuger unter Vertrag, neben Solaranlagen und Batterien bei Landwirten auch Kühlhäuser, die mal stärker und mal weniger kühlen, Diesel-Notstromgruppen in Spitälern, Industrieboiler oder Pumpanlagen von Wasserversorgungen. Von den Erträgen gehen 25 Prozent an Primeo Energie und 75 Prozent an die Anlagenbesitzer.
Ein AKW an Regelleistung
Mit Equalio hat Primeo Energie so mittlerweile eine Regelenergiekapazität von 400 Megawatt Leistung unter Vertrag. Das ist etwa die Leistung des Kernkraftwerks Beznau 2, die Equalio auf Kommando von Swissgrid oder für die Stabilität im eigenen Netzgebiet sekundengenau ein- oder ausschalten kann. Damit bleibt der Wasserstand im Stromkanal zuverlässig immer genau gleich hoch. Und alle Teilnehmer profitieren davon.

Betriebsspiegel
der Familie Nussbaumer
Jasmin und Reto Nussbaumer, Mattenhof in Hauenstein SO
LN: 25 ha
Kulturen: Grünland, davon 1 ha Brotweizen und 1 ha Silomais
Tierbestand: 26 Black-Angus-Mutterkühe und ein Stier, 250 Legehennen
Weitere Betriebszweige: Direktvermarktung, Stromproduktion und Energiedienstleistungen
Arbeitskräfte: Reto und Jasmin Nussbaumer, 1 Lehrling für Landwirt EFZ

