Kurz vor Beginn des Oktobers schaffte es sein Vorgängermonat in die Schlagzeilen. Über Zeitung, Radio und Fernsehen wurde der erste Herbstmonat ebenso heiss kommuniziert, wie er sich in diesem Jahr in der Schweiz gezeigt hatte.
Mit stolzen 14,3 °C im landesweiten Durchschnitt ging er als wärmster je gemessener September in die Wettergeschichte ein und überbot damit den bisherigen Rekord der 1960er-Jahre um ein volles Grad (13,3 °C im Jahr 1961).
Bis in luftige Höhen zu warm
Mit dem Hoch «Patricia» hatte die aussergewöhnliche Wärmeperiode ihren Anfang genommen. Zwischen dem Ex-Hurrikan «Franklin» im Westen und einem anderen Tief im Osten sah sich das Hoch in einer sogenannten Omegalage gefangen; es verblieb über mehrere Tage hinweg quasi stationär über Mitteleuropa. Im Kern des Hochs stabilisierten sinkende Luftströme die Atmosphäre, sodass die Sonnenstrahlen beinahe ungehindert Schweizer Boden erreichten. Zahlreiche Messstandorte registrierten neue Temperaturrekorde, Genf erlebte sechs Hitzetage in Folge. Von Herbst keine Spur.

Und dann erreichte die Nullgradgrenze schwindelerregende 5253 Meter. Damit verfehlte sie um nur 40 Meter die Julihöchstmarke, die erst ein paar Monate zuvor Rekord «gefeiert» hatte. Nach einem vorübergehend kühleren Intermezzo kehrte die abnorme Wärme in etwas milderer Form zurück, verlieh dem Ende des Monats aber trotzdem ein deutliches Fazit: Mit 3,8 °C lag der September beinahe um so viel über der Norm 1991 bis 2020 wie der Juni im Hitzesommer 2003.
Der September war wärmer als früher der Juli
Allein mit den purzelnden Rekorden war die Schweiz aber nicht. Eine deutliche Abweichung von der Norm zeigte sich auf der ganzen Welt. In den letzten 174 Jahren war die globale Erdoberfläche im September noch nie so warm und kein Monat war so auffällig wie jener im aktuellen Jahr. Denn vor ihm hatte noch keiner eine Auslenkung um rund 1,5 °C nach oben geschafft (Land- und Wasseroberfläche zusammengenommen). Oder wie die Chefwissenschaftlerin der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA), Dr. Sarah Kapnick, es ausdrückte: «Der September 2023 war wärmer als der durchschnittliche Juli von 2001 bis 2010.»
Keine gute Nachricht: Zu wenig Polareis
Neben der Temperatur nutzen die Wissenschaftler aber noch weitere Parameter, um den Zustand des Erdklimas einzuschätzen. Seit den 1970er-Jahren beobachten Satelliten aus dem All das Ausdehnen und Schrumpfen des Meereises, das sich an die polaren Eiskappen schmiegt. Der September ist in diesem regelmässigen Zyklus ein wichtiger Monat.
In der Arktis sinkt die Sonne dann für ein ganzes halbes Jahr unter den Horizont, hier bleibt es Nacht. Auf der anderen Seite der Erdkugel hingegen beginnt der Polartag: Ein halbes Jahr lang scheint hier nun die Sonne, ohne unterzugehen. Das antarktische Meereis sollte nun seine maximale Fläche erreicht haben, bevor mit der Sonneneinstrahlung der Schmelzprozess beginnt.
Nur war die Meereisfläche im diesjährigen September um 880'000 Quadratkilometer kleiner als im Jahre 1986, dem Jahr, in dem die Ausdehnung zuletzt so klein war wie nie zuvor. Dieser Mangel an antarktischem Meereis spiegelt sich im globalen Mangel wider, der in diesem Jahr ebenfalls ein rekordverdächtiges Ausmass zeigt.
Das Phänomen «El Niño» wirkt sich aus
Während das Wasser in seiner starren Form an einem Ort fehlte, fiel es woanders in seiner flüssigen Form in Unmengen vom Himmel. In Äquatornähe zieht sich ein eher schmales Band mächtiger Wolken rund um den Globus und versorgt das darunterliegende Land und Gewässer täglich mit Gewittern. Im vergangenen September regnete es entlang dieser innertropischen Konvergenzzone (ITCZ) in Rekordstärke. Jedoch ist die ungewöhnlich hohe Aktivität nicht allein auf den Klimawandel zurückzuführen. Auch beobachtet die Wissenschaft seit Jahresbeginn das Klimaphänomen «El Niño»; eine Verkettung von Naturschauspielen auf der ganzen Welt, welche in unregelmässigen Abständen zutage tritt.

Der Ursprung von El Niño wird in der abgeschwächten Windzirkulation und erhöhten Wassertemperatur im tropischen Pazifik vermutet. Beides kurbelt die Niederschlagsaktivität der ITCZ an, und beides wirkt sich förderlich auf die Erwärmung der globalen Erdoberfläche aus. In Anbetracht dieser Wechselwirkung stellt sich die Frage: Könnten all die globalen, ja womöglich sogar jene Schweizer Septemberrekorde am Ende nicht Folge der Klimaerwärmung, sondern ein simples Zeichen des «El Niño» sein? Das Signal einer vorübergehenden Klimavariabilität?
Weitere Rekorde sind möglich
Seit Mitte der 1970er-Jahren häufen sich auf der Welt die zu warmen Monate, zu kalte treten kaum mehr auf. Das «El Niño»-Phänomen fällt dabei mit vielen der besonders warmen Monate zusammen, jedoch nicht mit allen. Dass sich das Erdklima also erwärmt, ist unumstritten.
Einzig, wie stark der Klimawandel das «El Niño»-Phänomen beeinflusst und von jenem beeinflusst wird, ist noch nicht genügend erforscht. Klar aber ist: Der diesjährige «El Niño» wird sich mit 75- bis 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit als starker Event ausprägen und sich voraussichtlich in den kommenden Frühling ziehen. Damit hat das Jahr 2023 gute Chancen, weitere Temperaturrekorde hervorzubringen und generell als eines der wärmsten Jahre in die Messgeschichte einzugehen.

