Schon der Weg zur Tribüne setzt die Stimmung. Wer über das Gelände des Freilichtmuseums Ballenberg in Brienz BE zur Bühne unterhalb des Bauernhauses aus Villars-Bramard VD geht, läuft an altem Holz, an Ställen und an einer Landschaft vorbei, die von bäuerlicher Arbeit erzählt, lange bevor der erste Ton fällt. Diese Nähe zur eigenen Geschichte, gerade zur landwirtschaftlichen, die man hier fast anfassen kann, wirkt wie eine stille Vorrede zu allem, was folgt. Dann öffnet sich von der Tribüne aus der Blick auf eine einfache, aber klug gebaute Szene: das nachgebaute Grimsel-Hospiz mit Granitkulissen, errichtet, weil das Original längst unter dem Wasser des Stausees liegt.
Regisseur Simon Burkhalter hat sich für eine eigens gebaute Simultanbühne entschieden, mit Kulissen des Hospizes und des Grimselgranits, wie er selbst erklärt. Der Kunstgriff schafft Abstand zum Stoff, den es braucht, wenn eine unbequeme, wahre Geschichte auf die Bühne kommt.
Zwischen Ärger und Mitleid
Da sitzt er dann, dieser erschöpfte Peter Zybach, gespielt von Daniel Bill, und lässt sein eigenes Schicksal noch einmal an sich vorbeiziehen. Die Erschöpfung ist von der ersten Minute an spürbar und wächst mit jeder Windung der Erzählung. Man sitzt als Publikum zwischen zwei Gefühlen, die sich nie ganz auflösen lassen: Ärger über einen Mann, der den Kragen nie voll genug bekommt, und Mitleid mit jemandem, der, obschon er selbst Unternehmer und Wirt ist, nicht an allem selbst schuld trägt, was ihm widerfährt.
Immer wieder drängt sich der Gedanke auf: Dann hättest du es eben anders machen müssen. Genau in dieser Ambivalenz liegt die Stärke der Inszenierung. Sie urteilt nicht vorschnell, sie lässt das Publikum selbst abwägen.
Wer einen Krimi erwartet, wird warten müssen
Wer sich unter «Akte Zybach» einen klassischen Kriminalabend vorstellt, wird zumindest in der Anlage überrascht. Der eigentliche Betrug, der Brand, um den sich der Titel dreht, wird erst gegen Schluss verhandelt. Bis dahin zeichnet das Stück breit das Leben des jungen Zybach nach, und dort wirkt er auffällig naiver, fast gutgläubig, als der durchtriebene Mann, zu dem er Jahre später wird.
Diese Entscheidung der Autoren ist nachvollziehbar, ein Aufstieg braucht Raum, um zu wirken, doch sie kostet Tempo. Wer auf rasche Spannung und schnelle Aufklärung hofft, sitzt lange in einer Familien- und Liebesgeschichte, bevor das Drama seinen eigentlichen Kern erreicht.
Zu viele Mitwisser, zu wenig Geschick beim Lügen
Ist der Betrug einmal in der Welt, geht es zügig. Die Mitwisser, die eigentlichen Mitbrandstifter, sind zahlenmässig überschaubar, weniger als eine Handvoll, doch ihr Verstrickungsgrad wiegt schwer. Sie widersprechen sich in ihren Aussagen, und es braucht auf der Bühne kaum Geschick, um herauszufinden, dass Zybach den Brand des Hotels, jenes Hospizes, das auch im Stück zu begeistern weiss, selbst gelegt hat.
1852 war das im echten Leben, und es gilt als der erste grosse Versicherungsbetrug der Schweizer Geschichte. Diese Tatsache stimmt, das betont Hauptdarsteller Daniel Bill selbst, und dieses Wissen, einer wahren Geschichte aus der eigenen Region beizuwohnen, gibt dem Abend sein Gewicht.
Die Freche und die Gute
Durch das Stück zieht sich eine Liebesgeschichte, die den Autoren Enrico Maurer und Atréju Diener zufolge Zybachs wahrem Leben bewusst als dramaturgische Freiheit hinzugedichtet wurde, um aus dem historischen Fall ein tragfähiges Bühnenstück zu machen. Im Zentrum stehen zwei Schwestern: Barbara Infanger, verkörpert von Aline Beetschen, die Freche, Zybachs Jugendflamme, und Margaretha, die Gute, die er schliesslich heiratet, allerdings auch nur, weil ihn die Freche zuvor hat sitzen lassen.
Mit der Guten kommt zunächst alles gut. Der Erfolg stellt sich ein. Das Hospiz blüht auf. Doch die Schwägerin taucht immer wieder auf, und mit ihr die Lust auf mehr, nicht nur auf sie, sondern auf Geld und Ansehen überhaupt. Barbara ist inzwischen mit Max Infanger verheiratet, der zugleich Zybachs Verpächter ist. Wie heimlich diese Liebe eigentlich war, zeigt sich, als die Briefe der beiden aus einem Fenster des Hospizes auf die versammelte Szene herabregnen und plötzlich alle lesen können, was nur für zwei bestimmt war.
Lügen haben eben manchmal kurze Beine, auch wenn sie mit reichlich Romantik unterlegt sind. Das führt diese Szene mit einem einzigen Bild vor. Als das heimliche Glück zwischen Zybach und seiner Schwägerin auffliegt, brechen zwei Fundamente seines Lebens gleichzeitig weg – die private Existenz und die wirtschaftliche. Seine Frau und seine Kinder sind wütend, enttäuscht, und sie verlassen ihn. Diese doppelte Erschütterung, beruflich wie familiär, gibt dem Abstieg seine Wucht.
Ruhm hat eine Kehrseite
Peter Zybach ist dabei kein reiner Bösewicht. Er wirkt leicht beeinflussbar, in manchen Momenten fast hilflos. Ruhm hat, wie man hier sieht, immer auch diese Kehrseite: dass man es plötzlich nicht mehr mit allen gut meint, und dass die Nähe zum Geld den Geiz näherrücken lässt, als einem lieb ist. Warnungen gibt es genug im Verlauf des Stücks, doch Zybach will sie nicht hören, zu gross ist der Sog von Erfolg und Begehren.
Näher bei Gotthelf, als man zuerst denkt
Man könnte meinen, das Landschaftstheater Ballenberg verlasse mit «Akte Zybach» seinen angestammten Boden, jenen der ländlichen, oft als idyllisch missverstandenen Heimatdramatik. Bei genauerem Hinsehen liegt der Fall anders. Auch Jeremias Gotthelf, dessen Stoffe das Theater zu prägen wissen, zeigt immer wieder Not, Hochmut und das Scheitern an den eigenen Ansprüchen, und regt damit zum Denken an.
Genau das gelingt auch mit Zybach. Das Stück zeigt, wie Geld, Ehrgeiz oder was auch immer einen Menschen antreibt, in Hochmut kippen kann, und wie zuverlässig der Fall diesem Hochmut folgt. Das Landschaftstheater Ballenberg bleibt sich damit treuer, als es auf den ersten Blick scheint.
Gewinnsucht als Motor
Am Ende der knapp zwei Stunden bleibt das Bild eines Mannes, der zu viel wollte und zu spät merkte, wie eng er sich selbst eingeschnürt hatte. Wer bis dahin durchhält, weil die erste Stunde mehr Familiendrama als Kriminalfall ist, wird belohnt. Und man verlässt die Tribüne mit dem Gefühl, einem Kapitel realer Schweizer Geschichte beigewohnt zu haben, das bis heute nachwirkt.
Nächstes Jahr: zurück zu Gotthelf im Original
Wer nach «Akte Zybach» Lust auf mehr bekommen hat, darf sich auf nächstes Jahr freuen. Für die Spielzeit 2027 kündigt das Landschaftstheater Ballenberg mit «Anne Bäbi Jowäger» einen Stoff an, der direkt aus der Feder von Jeremias Gotthelf stammt.
Damit schliesst sich der Kreis, den die diesjährige Produktion nur angedeutet hat: Nach einem Ausflug in einen realen Kriminalfall kehrt das Theater zur literarischen Quelle seiner eigenen Tradition zurück. Gutscheine für die Produktion 2027 sind ab Ende September erhältlich, Tickets lassen sich ab April 2027 einlösen.

