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Schüpfen vibrierte im Treicheltakt - grossartige Vielfalt im Brauchtum

Geschmiedet oder geschweisst, am Lederriemen, am Tragjoch oder einfach in der Hand: Am 16. Eidgenössischen Scheller- und Treichlertreffen zeigte sich das Brauchtum in einer grossen Vielfalt.

Schon von weitem war klar: In Schüpfen BE war an diesem Samstag kein gewöhnlicher Dorfanlass im Gang. Man hörte das Fest lange, bevor man mittendrin stand. Und wer dann mittendrin stand, merkte rasch, dass «hören» eigentlich das falsche Wort war.

Man spürte es. Die Schallwellen der Treicheln gingen durch Bauch und Brustkorb, der Boden schien mitzuschwingen und irgendwo zwischen zwei Gruppen war eine Unterhaltung nur noch mit Zeichensprache oder sehr kräftiger Stimme möglich. Schüpfen vibrierte im Treicheltakt. Es war laut. Gewaltig laut. Und es war eine geniale Kakofonie.

Das Festgelände gleicht einem Schwingfest. Viel Platz und genug Getränke, gemütliche Leute und eine bodenständig gute Stimmung. (Bild: Samuel Otti)

Plötzlich steht die ehemalige Lehrtochter da

Für uns bekam das Eidgenössische noch eine persönliche Note. Mitten unter den Teilnehmenden trafen wir Helene Vallotton, unsere ehemalige Lehrtochter. Sie war mit ihrer Gruppe «Sonneurs Vallée de Joux» aus dem Waadtländer Jura nach Schüpfen gereist und nahm mit ihr am Fest und Umzug teil.

«Unsere» Hélène mit ihren Freunden von der Gruppe Sonneurs Vallée du Joux bei ihrer Vorstellung im Festzelt. (Bild: Samuel Otti)

So klein ist die Schweiz dann eben doch. Da treffen sich Menschen aus allen Landesteilen mit ihren Treicheln – und mitten im Getümmel steht plötzlich jemand, der früher einmal bei uns auf dem Betrieb gelernt und gearbeitet hat.

Gerade diese Begegnung passte zum Bild dieses Tages. Denn wer beim Wort Treichler ein paar ältere, bärtige Männer mit schweren Glocken vor Augen hat, musste sein Bild in Schüpfen gründlich korrigieren. Da liefen Junge neben Alten, Frauen neben Männern. Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen, Regionen und Bevölkerungsgruppen trugen gemeinsam ihre Treicheln durch das Dorf. Einige pflegten ein jahrhundertealtes lokales Brauchtum, andere waren Mitglieder jüngerer Formationen. Das Ergebnis war weder einheitlich noch sollte es das sein. Gerade diese Vielfalt machte den Reiz aus.

Eine Treichel ist noch lange keine Treichel

Wer sich die Zeit nahm, genauer hinzuschauen, entdeckte fast endlose Unterschiede. Da gab es geschmiedete Treicheln und geschweisste. Grosse und kleine, schwere und erstaunlich handliche. Die einen wurden an breiten Lederriemen getragen, andere kamen ganz ohne Riemen aus. Einige Treichler trugen zwei Glocken an einem Tragjoch. Andere schwangen ihre vergleichsweise leichten «Gymnastiktreicheln» mit einer Beweglichkeit, bei der man als Zuschauer schon vom Zuschauen Rückenweh bekommen konnte.

Auch bei den Riemen begann eine eigene Welt. Manche waren schlicht und zweckmässig. Andere reich bestickt, bemalt oder mit aufwendigen Lederschnitzereien versehen. Landwirtschaftliche Motive, Wappen, Ornamente und sogar moderne Traktoren fanden darauf Platz. Die Ausrüstung war nicht bloss Werkzeug zur Lärmerzeugung, sondern vielfach auch ein Stück Handwerk, Stolz und persönliche Visitenkarte.

Und dann erst die Art des Treichelns. Die einen hatten ihre Treichel um den Leib gegürtet und schlugen im gleichmässigen Marschtakt. Andere hielten sie in der Hand und brachten sie mit weit ausholenden Bewegungen zum Klingen. Wieder andere schwangen ihre Treicheln beinahe akrobatisch.

Dazwischen knallten die Geiseln der Geiselchlepfer und Geiselchlepferinnen. Es war schwierig, herauszufinden, wo ein Geräusch aufhörte und das nächste begann.

Chrumme, Kaugummi und Jutz

Auch bei der Mimik herrschte Vielfalt. Einige Männer und Frauen trugen ganz traditionell eine «Chrumme» im Mund. Andere kauten Kaugummi. Wieder andere jutzten während des Treichelns im Takt. Spätestens da wurde klar, dass Brauchtum nicht bedeutet, eine historische Szene möglichst exakt einzufrieren. Brauchtum lebt davon, dass Menschen es tatsächlich tun.

Die einen halten sich eng an die überlieferte Form. Andere entwickeln sie weiter. Und manchmal marschieren beide beim gleichen Umzug direkt hintereinander. Das kann man als Widerspruch betrachten. Oder als ziemlich überzeugenden Beweis dafür, dass eine Tradition noch lebt.

Von Bronzeglocken bis zum Fendt auf dem Riemen

Besonders faszinierend waren die regionalen Unterschiede. Gruppen pflegen ihre eigenen Formen, Rhythmen, Kleidungen und Ausrüstungen. Bei traditionellen Samichlaus- und Weihnachtstreichlern gehören etwa Bronzeglocken und besondere Kopfbedeckungen zum Erscheinungsbild. Andere Formationen fallen durch ihre geschmückten Riemen auf. Wieder andere durch die Art, wie sie ihre Treicheln tragen und schlagen.

So konnte man an diesem Nachmittag durch Schüpfen gehen und innerhalb weniger hundert Meter einen erstaunlichen Querschnitt durch unterschiedliche regionale Traditionen erleben. Das Eidgenössische war deshalb weit mehr als ein möglichst grosser Haufen Menschen, die möglichst viel Lärm erzeugen. Obwohl auch das ziemlich gut gelang. Es war eine wandelnde Ausstellung von Handwerk, regionaler Identität, Eigenwilligkeit und Freude am gemeinsamen Auftritt.

Vom hellen Hemd bis zum Schaffell

Nicht nur bei den Treicheln und Riemen, auch bei der Bekleidung zeigte sich die ganze Vielfalt des Brauchtums. Einige Gruppen trugen schlichte Hemden – bei der Hitze dieses Samstags zweifellos ein Vorteil, besonders wenn man bei der Farbwahl eher auf Weiss als auf Schwarz gesetzt hatte.

Andere kamen traditioneller daher: im Kühermutz oder im Brezon. Wieder andere hatten sich in Schaffelle oder dicke Wollgilets gehüllt. Beim blossen Anblick begann man als Zuschauer bereits zu schwitzen. Wer darin noch eine schwere Treichel im Takt schwingen konnte, hatte sich sein Getränk nach dem Umzug redlich verdient.

Gerade dieses Nebeneinander machte den Anlass aus. Es gab nicht die Treichleruniform, so wenig wie es die Treichel gab. Jede Region und manche Gruppe pflegte ihren eigenen Auftritt. Schlichtes Hemd neben Kühermutz, Brezon neben Schaffell, einfache Lederriemen neben reich bestickten und geschnitzten Prachtexemplaren. Und trotz aller Unterschiede entstand im Umzug ein gemeinsames Bild.

Keine Rangliste nötig

Vielleicht war gerade deshalb angenehm, dass hier niemand wissen musste, wer gewonnen hatte. Beim Eidgenössischen Scheller- und Treichlertreffen stehen keine Ranglisten im Zentrum. Es geht um Begegnung, Kameradschaft und Brauchtumspflege. Und genau das war im Dorf zu sehen. Natürlich wurde geschaut, verglichen und wohl auch ein wenig taxiert: Wer hat die schönsten Riemen? Wer die eindrücklichsten Treicheln? Welche Gruppe kommt am geschlossensten daher? Wer bringt den stärksten Rhythmus zustande? Aber am Ende musste niemand auf ein Podest. Der Lohn bestand offenbar darin, dabei zu sein.

Ein Brauchtum quer durch die Bevölkerung

Das vielleicht stärkste Bild dieses Samstags war deshalb gar keine einzelne Gruppe. Es war die Mischung. Junge Menschen liefen neben solchen, die dieses Brauchtum seit Jahrzehnten pflegen. Frauen trugen und schwangen Treicheln ebenso selbstverständlich wie Männer. Traditionelle Formationen marschierten neben jüngeren Gruppen. Französisch traf auf Berndeutsch, Waadtländer Jura auf Zentralschweiz und Seeland.

Das passt schlecht zu einem Bild, wonach solche Bräuche nur noch von einer kleinen, abgeschlossenen Gruppe gepflegt würden. In Schüpfen sah es anders aus. Da hatten ziemlich viele Menschen eine Mordsdonner-Freude an einer ziemlich lauten Sache. Und diese Freude übertrug sich.

Wenn man den Takt im Bauch spürt

Irgendwann stand ich am Strassenrand und versuchte gar nicht mehr, einzelne Treicheln herauszuhören. Es war sinnlos. Von vorn kam ein dumpfes Dröhnen, von hinten ein hellerer Schlag. Dazwischen knallte eine Geisel. Eine Gruppe marschierte im Takt, die nächste setzte ihren eigenen Rhythmus dagegen. Jemand jutzte. Zuschauer riefen. Kinder hielten sich die Ohren zu und grinsten trotzdem.

Zum Treicheln gehört auch das eindrückliche Geisel-Chlepfen. Man versteht, warum sich die Geister so haben vertreiben lassen.

Alles zusammen hätte auf dem Notenblatt vermutlich eine Katastrophe ergeben. In Schüpfen funktionierte es hervorragend. Vielleicht muss man eine solche Kakofonie nicht verstehen. Man muss sie erleben. Für ein paar Stunden hatte Schüpfen seinen eigenen Herzschlag. Bumm – bumm – bumm.

Und wer mitten im Umzug stand, wusste plötzlich ziemlich genau, warum Menschen schwere Treicheln durchs halbe Land schleppen, kunstvolle Riemen anfertigen, gemeinsam üben und sich für ein Wochenende in einem Berner Dorf treffen. Weil es ihnen Freude macht. Manchmal darf Brauchtum tatsächlich so einfach sein.

«Es ist alles reibungslos verlaufen»

Auch OK-Präsident Hansjörg «Jöggu» Räz zog nach dem Grossanlass ein überaus positives Fazit. Besonders erleichtert zeigte er sich darüber, dass der Aufmarsch der zahlreichen Gruppen und die grossen Umzüge reibungslos und unfallfrei verliefen.

OK-Präsident vom EST 2026 in Schüpfen, Hansjörg «Jöggu» Räz, zog nach dem Anlass eine positive Bilanz über die drei Festtage. (Bild: Samuel Otti)

Grund zur Freude gaben auch die Abendveranstaltungen. Bereits am Freitag war die Unterhaltung sehr gut besucht. Am Samstag wurde es in der Festhütte derart eng, dass kurzerhand einige Tische entfernt wurden, um zusätzliche Stehplätze zu schaffen.

Räz zeigte sich mit dem gesamten Fest sehr zufrieden. Über die drei Tage spricht der OK-Präsident von insgesamt rund 20 000 Besucherinnen und Besuchern. Damit wurden die Erwartungen deutlich übertroffen. Im Vorfeld hatten die Organisatoren mit rund 10 000 Gästen gerechnet. Dazu kamen rund 3000 aktive Scheller und Treichler aus etwa 240 Vereinen aus der ganzen Schweiz.

So blieb für Räz und sein grosses Helferteam nicht nur die Erleichterung, dass organisatorisch alles funktioniert hatte. Schüpfen hatte gezeigt, dass dieses Brauchtum Menschen mobilisiert – sehr viele Menschen.

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