Der Blick von Margrit Gasser schweift über das Tal. Der Morgen ist kühl, es regnete in der Nacht. Endlich. Hoffentlich können die verdorrten Weiden um den Miltenhof in Schleitheim SH, wieder grün werden, damit die Kühe zu fressen bekommen. Die Altbäuerin atmet auf. Der Hof gehört schon lange ihrem Sohn und seiner Familie, aber sie hat genau wie diese an der Trockenheit gelitten.
Vor 55 Jahren kam sie durch die Heirat mit Peter Gasser auf den Hof unter den Randen, einen Ausläufer des Juras. Die Umstände waren herausfordernd – ein Betrieb im Aufbau, wenig Geld, vier Generationen unter einem Dach. «Ich wusste, was auf mich zukommt», berichtet die 82-jährige Frau nüchtern. Am Morgen ihrer Hochzeit schwor sie sich: «Ghaue oder gestoche – ich schaue, dass wir eine gute Ehe haben!»
Wenn das Geld knapp ist
Sechs Kinder kamen, zwei Mädchen und vier Jungen. Zwölf Lehrlinge wurden ausgebildet, für die Margrit Gasser wie eine zweite Mutter war. Das Geld war lange immer knapp. «Ein Topf gesottene Kartoffeln mit einer Zwiebelsauce und drei Cervelats für sieben Personen. Es musste reichen.»
Margrit Gasser lacht und sagt: «Man lebt eben mit dem, was man hat, und nicht mit dem, was man nicht haben kann!» Bald waren es zehn Personen, die laut um den Tisch diskutierten. Bei Gassers durften Meinungen und Gedanken frei geäussert werden.

Und plötzlich ist da die Einsamkeit
Diese Zeiten sind vorbei. Die Ehe, die wirklich eine gute wurde, ist es auch. Vor neun Jahren ist Peter Gasser frühzeitig gestorben. «Wir machten alles miteinander, die Arbeit und die Freizeit. Das war schön, aber ich verpasste es, eine Freundin zu haben», erzählt die Witwe. «Ich hatte alles mit Peter besprochen. Das fiel weg.»
Ein tiefes, allumfassendes Gefühl der Einsamkeit umhüllte sie. Am ersten Familientreffen kam sie sich elend alleine vor. «Dieses Gefühl entsprach nicht der Wirklichkeit und trotzdem hat es mich Tag für Tag wesentlich beeinflusst.» Sie wohnte weiterhin auf dem Hof inmitten einer lebendigen Familie, die sie umsorgte. Freunde und Verwandte meldeten sich.
Und doch waren die meisten Stunden ihres Tages einsam. «Ich bin froh, habe ich eine Gottesbeziehung. Ich kann mit ihm ein Gespräch führen und wieder Hoffnung oder Ideen bekommen für meine Probleme.»
Die Mengenangaben sind eine Herausforderung
Dann bat einer der Söhne sie, die Lieblingsrezepte der Familie für die Kinder und Enkel aufzuschreiben. Was nach einer einfachen Anfrage tönte, wurde zu einem grossen Projekt. Eines, das Margrit Gasser wieder zurück ins Leben holte. Sie begann zu schreiben.
«Ach, die Mengen! Die Rezepte sollten für vier Personen reichen und für alle verständlich sein. Ich hatte immer auswendig gekocht und für mindestens zehn Personen!», erinnert sie sich an die Schwierigkeiten. Das Buch sollte auch für die Zukunft relevant sein. «Werden wir in der Schweiz auf diesem Stand bleiben können? Müssen die Enkel nicht vielleicht wieder einfacher leben?», fragte sie sich.

Kochkunst und Handwerkskunst zusammen
Margrit Gasser zieht ein edles Buch in braunem Leineneinband aus dem Büchergestell. In schlichten silbernen Buchstaben steht «Kunscht und Choche» – die Bäuerin ist auch Künstlerin. Jahrelang fertigte sie Scherenschnitte an, die sie ausstellte und verkaufte. «Mich reute es, dass die Scherenschnitte verschwunden wären. Ich überlegte, ob ich die nicht ins Buch aufnehmen könnte und fand einen Grafiker, der meine Ideen verwirklichte.»
Margrit Gasser öffnet das Buch. Auf der rechten Seite ein filigraner Scherenschnitt: Kühe, Ziegen und spielende Kinder um ein Bauernhaus. Auf der linken Seite der Spruch: «Die Bäuerin ist die Seele des Hofes. Fehlt diese, hat der Hof den Glanz verloren» – ein Zitat des Dichters Alfred Huggenberger. Sie blättert weiter. «Schau mal, diese lustigen Gänse, hat der Grafiker das nicht super gemacht?» Ihr Gesicht strahlt.

Ein Buch statt Ferien
Als der Kostenvoranschlag für das Buch kam, musste Margrit Gasser zuerst leer schlucken. Dann dachte sie: «Andere gehen in die Ferien, ich mache ein Buch!» Es dauerte drei Jahre, bis sie das fertige Buch in der Hand hielt. «Die Freude war gross, ich war zwei Monate so durcheinander, dass ich nicht mehr Auto fahren konnte», sagt sie und lacht wieder herzhaft.
Aber würde jemand überhaupt ein so teures Buch kaufen wollen? Es zeigte sich: Die Leute wollten, und sie kamen auf den Hof. Durch diese Begegnungen durfte die Autorin an vielen Lebensgeschichten teilhaben. Die grosse Leere entfiel immer mehr.
Heute freut sich die Altbäuerin wieder am Leben. An grauen Winterabenden ist sie immer noch anfällig für die Einsamkeit. Aber im Sommer hat sie ihren kleinen Garten und die Natur; die Familie und Freunde, die sie umgeben. «Das Leben ist doch noch so schön», weiss Margrit Gasser.
5 Fragen an Margrit Gasser
Worüber können Sie lachen?
Auch über mich selbst! (Sagt sie und lacht wieder)
Was macht Sie schlaflos?
Die Probleme von anderen Menschen, ich kann nicht abhängen.
Welches Ritual gehört bei Ihnen zum täglichen Leben?
Aufstehen, frühstücken und in der Bibel lesen.
Was ist Ihnen in einer Beziehung wichtig?
Ehrlichkeit. Ich habe gern, wenn das Gegenüber seine Meinung so äussert, dass ich weiss, was er oder sie vertritt.
Eine Lieblingserinnerung aus der Zeit, als Ihre Kinder klein waren?
Ich genoss die Lebendigkeit meiner Kinder sehr; ich schätze das Tohuwabohu.

