Die BauernZeitung porträtierte kürzlich die Landwirtin und Älplerin Maya Lareida aus Brün GR. Dies ist der zweite Teil des Portraits, der die Herausforderungen thematisiert, mit denen Maya Lareida als alleinstehende Landwirtin mit eigenem Betrieb konfrontiert ist.
Maya Lareida und ich sitzen gemeinsam in der Stube der Alphütte Curtegns. Es ist Abend, die Holzscheite knacken gelegentlich in dem kleinen Holzofen, und in einer Kiste schlafen acht Welpen und fiepen im Traum leise. Die Mutter liegt unweit auf der Couch, ihr Brustkorb hebt und senkt sich ruhig, während wir sprechen.
«Ich dachte immer: Landwirtschaft machen nur Männer. Deshalb ist dieser Beruf für mich gar nicht infrage gekommen. Stattdessen bin ich immer davon ausgegangen, dass ich die Frau eines Landwirts werde. Es hätte mir genügt, mich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern. Aber es kam einfach nicht dazu», sagt Maya Lareida, die auf der Alp Curtegns im Surses-Tal in Graubünden aktuell 330 Tiere betreut.

Auch Tierärztin sei ein Berufswunsch gewesen. Dafür ging sie extra ans Gymnasium. «Aber dann habe ich mich dagegen entschieden, so lange zu lernen, denn ich wollte ja eine Familie», sagt sie und lacht. Als sie durch die Tür der Berufsberatung ging, hatte sie die Idee, Tierpräparatorin zu werden. Dort sagte man ihr, dass dies kein richtiger Beruf sei.
Sie überliess die Berufsentscheidung der Beraterin, die ihr zu einer KV-Lehre riet, erzählt Maya Lareida, schlürft an ihrem heissen Kaffee und fischt eine tote Fliege heraus, die kurz vorher in die Tasse gefallen ist. Zur Landwirtschaft kam sie über Umwege. Im Bürojob fand sie zwar keine Erfüllung, konnte sich dadurch aber Geld ansparen, das ihr beim Kauf ihres Betriebes 2025 zugutekam.
Für die Menschen in ihrem Umfeld war mit dem Kauf klar, dass die Alp für die Betriebsleiterin nun Geschichte ist. Für Maya Lareida aber keine Option: «Im Sommer spaltet sich der Betrieb ohnehin. Auf welche Weise, ist doch Sache der Organisation.»
Existenzängste begleiten den Alltag
Spaltung – ein Stichwort, mit dem Maya Lareida seit Anfang des Jahres auch auf einer weiteren Ebene zu kämpfen hat. Zu ihrem Betrieb in Brün gehören 20 ha Grünland, die die Futtergrundlage für ihre Herde darstellen und die sie zum Teil von einer Erbgemeinschaft pachtet. Vor dem Kauf wurde ihr das Pachtland zugesichert.
«Letztes Jahr im Dezember wurde mir die Pacht aus dem Nichts gekündigt. Ohne dieses Land hätte ich den Betrieb niemals gekauft. Wie es jetzt weitergeht, weiss ich nicht. Hätte ich mich nicht vor dem Kauf abgesichert, indem ich eine mündliche Absprache mit der Erbgemeinschaft getroffen habe, würde ich mir Vorwürfe machen. Stattdessen finde ich es einfach schade, dass ein Versprechen in der heutigen Gesellschaft scheinbar keine Gültigkeit mehr hat.»
Obwohl dieses Thema Sorge auf dem Gesicht der Älplerin hinterlässt, erzählt sie ruhig und gefasst. Automatisch streicht sie mit ihrer Hand über den Kopf ihrer herankommenden Hündin, die sich noch kurz an ihr Bein drückt, bevor sie sich zum Stillen zu ihren Welpen in die Kiste legt.
Die Energie wäre im Betrieb besser investiert
Nur rund 40 Kilometer trennen Mastrils GR, den Ort, in dem Maya Lareida aufgewachsen ist, von Brün GR, dem Ort ihrer Betriebsstätte. Man kann die 38-Jährige nicht als gebietsfremd bezeichnen, und doch ist es für sie schwer, Fuss zu fassen.
Die Gründe dafür sind zweierlei: Ihre Betriebsführung und ihr Familienstand. In einer Welt, in der Richtig und Falsch scharf voneinander abgegrenzt sind, dauerte es nicht lange, bevor Maya Lareida in die Schublade einer Grauzone mit dem Label «Komisch» fiel.
«Die Energie, die es sie kostet, sich mit diesem Problem zu beschäftigen, würde ich viel lieber in die Führung meines Betriebes stecken. Ich kann nichts daran ändern, aber ich würde mir wünschen, dass man mich einfach in Ruhe lässt», erzählt die Landwirtin, für die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit schon seit Kindertagen wichtig sind.
Beim Einkaufen mit ihrer Familie blieb sie früher lieber im Auto. Sie konnte sich hingegen stundenlang mit dem Beobachten von Tieren beschäftigen. «Ich hätte grosse Mühe, jemand anders sein zu müssen», erzählt Maya Lareida, nimmt noch ein Scheit aus dem Korb und legt es vorsichtig in den Ofen.
In eine Rolle passen zu müssen, die ihr nicht entspreche, kommt für sie nicht infrage. Auf eine solche Art zu leben birgt jedoch unweigerlich Auseinandersetzungen.

«Die Weide und das Wetter haben gestimmt», erzählt sie mir, um dies zu verdeutlichen. «Aber es war traditionell noch keine Zeit zum Weiden. Ich habe meine Mutterkühe trotzdem auf den Flächen rund um meinen Betrieb grasen lassen. Wenn ich solche Entscheidungen treffe, provoziert das. Wenn ich aber alles so mache, wie es die Landwirte um mich herum machen, dann könnte ich auch angestellt sein.»
Sie habe den Betrieb gekauft und diesen Beruf gewählt, um selbstständig Entscheidungen treffen zu können und neue Dinge auszuprobieren. Sie mästet Alpschweine, hält Mutterkuhrassen, die in der Region unüblich sind, experimentiert mit trockenheitsresistenteren Futterpflanzen, probiert neue Fressgitter im Stall aus, bietet Viehpatenschaften an und vertreibt neuartige Zaunpfosten.
Neues ausprobieren, ohne dabei eine Vorbildfunktion einzunehmen
«Ich probiere gerne Dinge aus. Wenn etwas nicht geht, dann lasse ich es eben wieder. Aber das ist in meiner Nachbarschaft überhaupt nicht gerne gesehen, weil es nicht ins traditionelle Bild passt.» Für Maya Lareida steht die Kündigung sinnbildlich für den Widerstand, den sie mit ihrer Art zu wirtschaften immer wieder erlebt.
«Meine Geschwister und ich sind darauf geprägt worden, zu dem zu stehen, was uns ausmacht. Meine Eltern haben mir einen starken Charakter mitgegeben – darauf bin ich stolz.» Diese Charakterstärke helfe ihr nun, den gesellschaftlichen Druck auszuhalten, der auf ihr lastet. Es sei in bestimmten Punkten leichter, gesellschaftskonform zu leben. Schlussendlich zahlt man jedoch immer eine Rechnung.
Alleinstehend in der Landwirtschaft
«Gesellschaftlich wird suggeriert, dass mit mir irgendetwas nicht stimmen muss, weil ich noch immer keinen Mann an meiner Seite habe», erzählt sie. 30 zu werden und zu sehen, wie alle in ihrem Bekanntenkreis Familien gründeten, war schwer. Dass dieser Wunsch für Maya Lareida nicht in Erfüllung gegangen ist, belastete sie also von innen und von aussen.
«Der Betrieb und die Selbstständigkeit lassen mich nun in einer anderen Form etwas Nachhaltiges aufbauen. Für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar und sie bewahrt mich auch davor, wegen des nicht erfüllten Kinderwunsches zu sehr ins Grübeln zu geraten. Abgesehen davon hoffe ich, in Zukunft vielleicht einen Platz für ein Pflegekind bieten zu können.»
Sie sagt, sie habe mit dem Wunsch, eigene Kinder zu haben, abgeschlossen. Obwohl dadurch das «Innen» etwas Ruhe finden konnte, bleibe jedoch der Sturm von aussen: «Speziell in der Landwirtschaft werde ich als alleinstehende Frau komisch und anders wahrgenommen.»
Als Lareida Betriebe zum Kauf gesucht habe, sagten viele Verkäufer, dass sie zumindest verheiratet sein müsse. Vorher dürfe sie sich den Betrieb nicht mal anschauen. «Diese Art der Diskriminierung finde ich nicht richtig», sagt sie zu mir. Auch nach dem Kauf des Betriebes spielte ihr Familienstand weiter eine Rolle.
Das Wohnhaus, das zum Betrieb gehöre, sei stark renovierungsbedürftig. Als sie beim Kanton nach Unterstützung bei der Renovierung fragte, teilte man ihr mit, dass sich dies nur für eine Familie lohnen würde. Nicht jedoch für eine Einzelperson.

Eine Gesprächspause entsteht in der Alphütte, in der die Bitterkeit etwas nachwirkt. Maya fängt an, das Abendessen zu kochen, und lässt zwei Schweinswürste in die Pfanne gleiten. Das Fleisch stammt von ihren Alpschweinen, die sie kürzlich in die Metzg gebracht hat.
Ob sie überhaupt offen sei für eine Beziehung, frage ich sie vorsichtig. «Schon», antwortet sie direkt. «Wenn es wirklich passt, wäre ich ja blöd, es nicht zu wagen.» Wenn man aber im Leben an einem Punkt angekommen ist, an dem man seine Berufung gefunden hat, erleichtert dies die Partnerfindung nicht.
«Ich brauche keine Ferien von meinem Leben und ich will auch nichts anderes mehr. Jemanden zu finden, der das versteht, ist schwer», sagt Lareida. Ein Partner müsste ihre Leidenschaft für die Sache nicht nur verstehen, er dürfte sich davon auch nicht bedroht fühlen.
«Das verstehst du auch», sagt sie zu mir und spielt auf meine Entscheidung an, einen grossen Teil meiner Zeit dem Agrarjournalismus weit weg von meiner Familie in Deutschland zu widmen. Sie hat recht, viele Facetten müssen dafür ineinanderpassen, unter anderem die Freude daran, die Weiterentwicklung des Partners zu beobachten und mitzutragen.
Gemeinsam essen wir zu Abend. Draussen wird es dunkel. Maya legt noch einmal Holz nach und wirft einen Blick in die Wurfkiste. Alle acht Welpen schlafen dicht an ihrer Mutter.

Kommentar von Lisa McKenna
«Für viele Männer ist es sicher nicht einfach, nicht mehr der Haupternährer der Familie zu sein. Da hast du aber Glück», schrieb mir letztens eine Bekannte und lobte damit meinen Mann, der sich in unserer Familie mit dem zweiten Platz auf der Gehaltsliste zufriedengeben muss. Unrecht hat sie nicht. Während ich von Betrieb zu Betrieb düse, interessante Menschen interviewe und deren Geschichten aufschreibe, kümmert er sich um Zahnarzttermine, sucht mit meinem 11-Jährigen eine neue Brille aus und packt die Brotdose für den Kindergartenrucksack des 4-Jährigen. Und das alles unbezahlt.
Während ich meinem Beruf nachgehe und dabei drei Tage die Woche nicht bei meiner Familie verbringe, bekomme ich oft Fragen wie: «Ja, und wo sind jetzt deine Kinder?» oder «Vermissen deine Kinder dich nicht sehr?» Ich muss nicht lange darauf warten, bis sie sich einstellt: Die Mutterschuld, die mir ins Ohr flüstert: «Du bist egoistisch und rücksichtslos.» Ich bin mir sicher: Wären unsere Rollen vertauscht, würde meinen Mann niemand so etwas fragen.
Mutterschuld geht aber auch andersherum: Damals, als ich unsere Kinder nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause zur Welt gebracht habe, sie als Baby viel getragen habe und sie stets in unserem Familienbett schliefen. Da war ich zu viel Mutter und die Mutterschuld flüsterte: «Du verwöhnst sie und machst alles falsch.» Was mir kürzlich im Gespräch mit der Landwirtin Maya Lareida noch klarer geworden ist, ist die Tatsache, dass es vielleicht sogar noch schwerer ist, gar keine Mutter zu sein. Noch dazu alleinstehend oder geschieden.
Die Gesellschaft geht hart mit Frauen ins Gericht, die keine Familie haben können oder, schlimmer, keine wollen. Es scheint fast unmöglich zu sein, als Frau den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Denn egal, welchen Weg wir wählen – irgendjemand wird ihn für den falschen halten. Maya Lareida hat mir nicht nur etwas über Landwirtschaft erzählt. Sie hat mich daran erinnert, wie schnell wir Menschen urteilen und wie selten wir nachfragen. Vielleicht beginnt Veränderung nicht bei grossen gesellschaftlichen Debatten, sondern viel kleiner: indem wir einander mit etwas mehr Offenheit begegnen – und mit etwas weniger Gewissheit darüber, wie das Leben der anderen auszusehen hat.

