Maya Lareida wirkt angespannt. Ihre Augenbrauen sind zusammengezogen und bilden eine scheinbar unüberwindliche Barriere in ihrem sonnengebräunten Gesicht, als sie in der Stube der Alphütte am Tisch sitzt und telefoniert.
Die Betriebshelfer, auf ihrem rund 60 km entfernten Betrieb im kleinen Örtchen Brün GR, sind sich darüber uneins, ob geheut werden soll. Eine Maschine ist kaputt und der Wetterbericht kündigt Regen an. Lareida jongliert mit wichtigen Entscheidungen und Befindlichkeiten, wie ich aus ihrem Gespräch heraushöre. Ich drehe mich um, um ihr etwas Raum zu geben, als ein Monteur in Arbeitskleidung um die Ecke biegt.
Der Boiler der Alphütte sei kaputt und es gebe kein warmes Wasser mehr, erzählt er mir, bevor er kurz darauf unverrichteter Dinge von Dannen zieht. Lareida lässt sich mit einem grossen Schnaufer und zwei dampfenden Tassen Kaffee neben mir nieder. Bevor sie zu reden beginnt, nimmt sie ihren Feldstecher hoch und beobachtet eine Weile den Gegenhang.
«Die meisten Landwirte geben im Sommer ihr Vieh ab und Heuen. Ich gebe das Heuen ab und gehe mit meinem Vieh auf die Alp», erklärt sie mir. Ungewöhnlich sei das, gerade deshalb ecke sie immer wieder an.

Als sie sich im letzten Jahr für eine Alpstelle auf der Brüner Alp bewarb, hörte sie vom Alpmeister lange nichts. Als Antwort auf ihre Nachfrage sagte dieser, er dachte, ihre Bewerbung sei ein Witz, weil sie ja jetzt einen Betrieb habe.
«Ich habe zwar ein lustiges Gesicht», antwortete sie ihm, «aber wenn ich mich für etwas bewerbe, dann meine ich das schon ernst.» In diesem Jahr hat es mit der Alpstelle auf der Alp Curtegns in der Nähe des Örtchens Radons im Val Surses geklappt. Ohne Alp geht es bei Maya Lareida nicht. «Die Alp gibt mir Freiheit. Sie entspricht mehr meinem Wesen», sagt die 38-Jährige, deren Blick auf den Hund fällt, der sich, während sie spricht, neben ihre Füsse legt.
«Landwirtschaft machen nur Männer»
Aufgewachsen ist sie in Mastrils bei Landquart GR. Obwohl ihre Eltern beide auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen sind, haben sie für sich einen Lebensweg abseits der Landwirtschaft gewählt. Dementsprechend ist Maya Lareida nicht auf einem Betrieb aufgewachsen.
Dennoch umgab sie sich schon als Kind weniger gern mit Menschen als mit Tieren, die schon immer das Zentrum ihrer Welt waren. Bei der Berufswahl spielte dies zwar eine Rolle, aber ihren Weg in die Landwirtschaft fand sie erst spät.
«Ich dachte immer, Landwirtschaft machen nur Männer. Deshalb ist dieser Beruf für mich gar nicht infrage gekommen», sagt Maya Lareida und machte zunächst eine KV-Lehre. Dort habe sie zwar keine persönliche Erfüllung gefunden, aber eine wichtige Eigenschaft ausgebildet: «Im Büro habe ich immerhin gelernt, überall anzurufen. Bei den vielen gesetzlichen Vorgaben und Regelungen will ich nichts falsch machen. Dann nehme ich es lieber in Kauf, als ‹mühsam› wahrgenommen zu werden.»

Verantwortung für 330 Tiere
Unsere Tassen leeren sich langsam, als ein Wind aufkommt und die lockigen, schwarzen Haare von Maya Lareida zur anderen Seite wehen. Ihr Blick wandert in den wolkenverhangenen Himmel. «Am besten machen wir uns auf», sagt sie, als sie sich erhebt. Meinerseits mit einem Feldstecher ausgestattet, gehen wir los. Die Steine und Kiesel knirschen gleichmässig unter unseren Füssen, als wir den ansteigenden Weg zu den insgesamt 330 Rindern, Mutterkühen und Kälbern entlanggehen. Bis wir die Tiere erreichen, wird noch eine Zeit vergehen. Mayas Hunde begleiten uns und flitzen freudig bellend voran.

Sich in der Natur zu bewegen und genügsam zu sein, hat sie schon als Kind auf den Jagdausflügen mit ihrem Vater gelernt. Es sei ihre liebste Zeit im Jahr gewesen. Das Bewusstsein dafür, wo Fleisch herkommt, die Wertschätzung gegenüber dem Produkt, auch der Respekt dem Tier gegenüber – das habe sie durch die Jagdwirtschaft gelernt. Erst im Erwachsenenalter konnte sie sich durch ihr erstes Eigenheim den Wunsch nach Tieren erfüllen. Neben Hund, Katze, und zahlreichem Federvieh zogen auch die ersten beiden Mutterkühe in ihren Stall ein. Die Idee, zur Alp zu gehen, folgte schnell. 2021 hütete sie in ihrem ersten Alpsommer allein 300 Schafe, 80 Rinder und 100 Kälber. «Es war mir wichtig, allein mit den Tieren zu sein. Das war die beste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. Alle sagten, dass ich froh sein werde, wenn es Herbst ist. Das hat sich für mich nicht bewahrheitet. 2021 nicht, und auch nicht in all den Alpsommern die folgten», erzählt Maya, als sie vor mir hergeht. Im Gegenteil. Der Herbst sei für sie die schlimmste Zeit. «Wenn das Alpleben dein Leben ist, ist das beinhart. Denn im Herbst wird dir einfach alles weggenommen: Das Vieh, die Hütte, deine Aufgabe», sagt Lareida. Ihre beiden eigenen Mutterkühe, die sie in ihrem ersten Sommer mit z’Alp nahm und die im Herbst wieder mit ihr nach Hause gingen, vermochten den Verlust etwas abzumildern.

Über die letzten Jahre hinweg ist ihre Herde stetig gewachsen. Sie vermarktet das Fleisch ihrer Tiere direkt über ihre Webseite. Ihr Viehbestand erfülle sie mit grossem Stolz, sagt sie. Als wir endlich die Herde auf den Bergweiden erreichen, stellt Maya mir viele ihrer eigenen Tiere namentlich vor und weiss über jedes etwas zu erzählen. Rätisches Grauvieh, Tuxer oder Galloway – die Mischung ihrer 50-köpfigen Herde ist bunt, neben dem Jungvieh der Rassen Holstein und Braunvieh, das sie für die Landwirte hier oben hütet.
Mit jedem Jahr wuchs das Interesse an der Landwirtschaft
Der Direktzahlungskurs, den sie am Plantahof absolvierte, trug zur Vorbereitung auf ihren eigenen Betrieb in Brün bei, zu dem 20 ha Grünland und 4 ha Wald gehören. Ihr Interesse an der Landwirtschaft weitete sich in den letzten Jahren von der Tierhaltung hin zu den Maschinen und dem Boden aus. «Ich bin froh, dass ich beim ersten Schnitt zu Hause sein kann, denn beim Umgang mit den Maschinen habe ich als Quereinsteigerin schon ein klares Defizit», sagt Maya und gibt mit einem Augenzwinkern zu, dass sie allgemein nur sehr ungern Bedienungsanleitungen liest. Während wir durch die Herde gehen, beobachte ich, wie gewissenhaft sie ihre zu betreuenden Tiere anschaut. Sie fotografiert eine Schürfwunde, kontrolliert Ohrmarken und setzt einen Haken auf ihrer zerknitterten Liste.

Als wir zur nächsten Tiergruppe weitergehen, frage ich sie, ob sich die meisten Leute, mich eingenommen, das Leben auf der Alp romantischer vorstellen, als es ist. Das Verlangen nach Freiheit in den Bergen reiche nicht aus, um auf der Alp glücklich zu sein, antwortet sie. Man müsse die Freude am Vieh haben, mit allem, was dazu gehört. Ansonsten sei man besser beraten, gelegentlich wandern zu gehen. «Menschen, die den Tritt im Leben verloren haben, würde ich am liebsten alle mit auf die Alp nehmen. Um ihnen etwas Sinnhaftes zu zeigen. Die werden hinterher alle Landwirte», sagt Maya und lacht.
Leidenschaft ist eine gute Basis, aber Hilfe braucht es trotzdem
Was gebe es Sinnvolleres als die Landwirtschaft, fragt sie mich zur Abwechslung. Bevor ich, etwas ausser Atem, darauf antworten kann, fügt sie an: «Landwirtin ist man oder eben nicht», und setzt im weglosen Gelände gekonnt einen Fuss vor den anderen. Ohne fundierte Ausbildung sei man noch mehr darauf angewiesen, nachzufragen, zu lernen und Hilfe zu haben. Ihr sei bewusst, wie wichtig die Unterstützung durch Angestellte und Betriebshelfer für sie sei, und sie habe keinesfalls den Anspruch, alles allein zu machen und zu können. Dies mindere ihre Leidenschaft jedoch nicht im geringsten Masse: «Wenn Landwirtin zu sein mehr Berufung als Beruf ist, dann ist die Freude an der Arbeit wichtiger als alles andere».

Auf der Passhöhe «Fuorcla Starlera» auf 2512m angekommen, bauen wir gemeinsam einen Zaun, um abschüssige Stellen abzugrenzen. Nachdem die Zaunpfosten in die Erde gebohrt sind, gehe ich mit der Litzenrolle voran, lasse sie über meine Daumen gleiten und rolle die Schnur ab. Maya geht dicht hinter mir und wickelt sie jeweils um die Pfosten. Auf dem Pass werden die ersten Tiere bald eintreffen. Über Mayas Gesicht sehe ich beim Anblick des Zauns jedoch auch einen Schatten huschen. Denn der Zaun vermag nicht zu helfen, wenn die Situation eintritt, die Maya Lareida jeden Alpsommer am meisten fürchtet. «Wenn du Tiere hütest, hast du immer Angst, dass er kommt. Dann nützt dir auch der beste Zaun nichts», sagt sie ruhig. Der Wolf sei eine Wohlstandserscheinung, die sich die Schweizer Landwirtschaft angesichts des Selbstversorgungsgrades nicht leisten könne, führt sie weiter aus. «Dass die Menschen das Leid, das der Wolf für die Nutz- und Wildtiere mit sich bringt, in Kauf nehmen, zeigt, wie naturfremd sie geworden sind», erzählt die Älplerin und verstaut das nicht mehr benötigte Material wieder in ihrem Rucksack.

Verantwortung ist Teil der Freiheit auf der Alp
Nach zehn Stunden erreichen wir die Alphütte wieder. Für mich endet der Tag dort, wo er begonnen hat. Für Maya nicht. Keines der Probleme vom Morgen hat sich in Luft aufgelöst. Das Heu zu Hause wartet noch immer auf trockenes Wetter, der Boiler liefert noch immer kein warmes Wasser. Maya nimmt im letzten Licht des Tages noch einmal den Feldstecher zur Hand und sucht den Gegenhang ab. Morgen wird sie die Tiere wieder suchen, zählen, beobachten, behandeln. Und übermorgen auch. Solange Alpsommer ist.

