Wie ein Leuchtturm weist das 23 Meter hohe blaue Silo den Weg zum Hof «Wangenhubel» ausserhalb von Oberwangen im Kanton Bern. «Familie Gilgen», steht darauf in weissen Buchstaben. Aufgemalt sind zudem zwei Kuhköpfe und eine Schweizer Flagge. Das Sujet passt zum Milchwirtschaftsbetrieb, auf dem das Engagement für die Politik und das Dorf einen festen Platz haben.
«Schon als ich ein Kind war, wurde bei uns am Küchentisch über Politik geredet», erzählt Kathrin Gilgen am Gartentisch unter den schattenspendenden Bäumen beim Bauernhaus. Hündin Kyra liegt zufrieden zu ihren Füssen. «Ich wuchs im Köniztal auf und mein Vater war im Gemeindeparlament.» Wie das Köniztal gehört auch Oberwangen politisch zu Köniz und seit sieben Jahren sitzt die Bäuerin selbst für die SVP im Gemeindeparlament. Seit Januar amtet sie für das Jahr 2022 zudem als Parlamentspräsidentin.
Ungern im Mittelpunkt
Dabei sei sie keineswegs die geborene Politikerin. «Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt und ich rede nicht gerne vor Leuten.» Doch in den Jahren als Fraktionspräsidentin und zusätzlich in der Finanzkommission hat sie sich mit beidem arrangiert. «Jetzt, im Präsidialjahr, darf und will ich allerdings nicht politisieren», sagt sie. Vielmehr leitet sie die Sitzungen, koordiniert, unterstützt und achtet darauf, dass die Regeln eingehalten werden, etwa bei den Redezeiten. «Das bekommen auch meine Parteikollegen zu spüren. Bei denen bin ich fast noch strenger als bei den anderen», stellt sie schmunzelnd klar.
Kathrin Gilgen leitet den Landwirtschaftsbetrieb gemeinsam mit ihrem Mann Stefan und den beiden Söhnen Daniel und Michael. Die Söhne konnten vor zweieinhalb Jahren als Gebrüder-Gemeinschaft den Hof des Nachbarn in Pacht übernehmen, als dieser pensioniert wurde. Zu den beiden Betrieben gehören rund 44 ha landwirtschaftliche Nutzfläche sowie 48 Red-Holstein- und Holsteinkühe in einem Freilaufstall mit Melkroboter. Mehrheitlich wird Futter für die eigenen Kühe angebaut, dazu kommen IPS-Weizen, Gerste und Raps.
Platz für Politik
Alle Familienmitglieder arbeiten nebenher auch auswärts, bei Kathrin Gilgen belegt die politische Arbeit im Schnitt einen Tag pro Woche. «Viel Aufwand für verhältnismässig kaum einen Lohn. Aber Politik ist wichtig – wir dürfen das Feld nicht nur den anderen überlassen.»
Gelernt hat sie ursprünglich Floristin. Bis 2010 führte sie neun Jahre lang in Oberwangen ein eigenes Blumengeschäft. «Ich war mit Leib und Seele dabei.» Oft stand sie schon morgens um drei im Laden und ging um fünf Uhr an die Blumenbörse. Dazu kam Planung und Bau des neuen Boxenlaufstalls. «Abends um acht war ich oft bereits im Bett. Das Leben ging an mir vorbei.» Es hatte auch keinen Platz mehr für andere «Ämtli» – so trat sie aus der Schulkommission zurück und gab das Sekretariat beim Landfrauenverein ab.
Der Körper streikt
Doch mit der Zeit streikte der Körper. Die Sehnen in den Händen schmerzten so stark, dass sie den Laden schweren Herzens aufgab. «Das war hart.» So etwas wie ein «Burn-out» gab es in ihrer Welt damals nicht, erzählt sie weiter. «Doch aus heutiger Sicht weiss ich, dass die Kombination von Familie, Laden und Betrieb zu viel war.»
Kaum ging es ihr etwas besser, bremste sie ein Sturz beim Stroh laden erneut. Sie musste neun Wochen liegen und litt auch danach unter massiven Rückenschmerzen. «In der Zeit habe ich gelernt: Es muss nicht alles sofort erledigt sein.» Erst eine Operation brachte Linderung. In der Rehabilitationszeit war viel laufen wichtig. Damit sie dies vor lauter Arbeit nicht ständig vertagte, schaffte sie sich Hündin Kyra an, die sie bis heute auf Schritt und Tritt begleitet.
Stadt und Land in einem Ort
In der Kommunalpolitik macht sie sich für die Landwirtschaft und KMU stark. Das an Bern grenzende Köniz zählt rund 43 000 Einwohner und hat einen urbanen Kern. «Es liegen oft Welten zwischen Stadt und Land, da braucht es viel guten Willen.» Im Könizer Parlament gehe man zum Glück gesittet miteinander um. «Es macht nicht immer so einen Unterschied, ob jemand in der SP oder in der SVP ist. Es kommt auf die Person an. Man muss sich die Zeit nehmen, jemanden kennenzulernen und auch die eigene Person und Situation zu erklären.»
Erst kürzlich war das ganze Gemeindeparlament auf dem Hof zu Gast. «Politik ist manchmal ein Kampf. Doch es ist auch wichtig, zwischendurch gemeinsam an einem Tisch zu sitzen, um zu lachen und geniessen.»
Kathrin Gilgen zeigt ihren Garten, in dem Blumen und Gemüse einträchtig nebeneinander wachsen. Daneben hat die Familie ein Biotop angelegt, Libellen, Bienen, Hummeln und Schmetterlinge schweben durch die Luft. «Wir leben hier sehr biodivers.» Überhaupt mache die Landwirtschaft viel für die Biodiversität. «Aus Überzeugung. Aber leider sprechen wir noch zu wenig darüber.» Beim Brunnen fällt die Skulptur eines Weisskopfadlers auf. Er erinnert die 51-Jährige an ihre Reisen nach Kanada. «Die Weite und Natur hat mich begeistert. Und die Leute sind entspannter als hier.»
Intensives Jahr
Das Präsidialjahr sei intensiv, weil man an den Sitzungen ständig präsent bleiben muss und auch an allen Kommissionssitzungen teilnimmt, erzählt sie weiter. Nach dem ersten halben Jahr fühlt sie sich aber in der Rolle einigermassen wohl. «Ich bin sehr streng mit mir selbst. Aber langsam werde ich sicherer.»
Ob sie bei den nächsten Wahlen im Jahr 2025 weitermachen will, weiss sie noch nicht. «Eigentlich ist es nicht das Ziel», meint sie, und ergänzt mit einem Augenzwinkern.«Ich habe ja mit dem Präsidialjahr schon den Höhepunkt erreicht.» Statt in der Politik könne sie sich auch vorstellen, neue Projekte auf dem Hof zu realisieren, vielleicht die Milch besser zu vermarkten oder vermehrt Brot im alten Ofenhaus zu backen und zu verkaufen. «Oder vielleicht mache ich auch etwas ganz anderes.»
Weitere Informationen: www.wangenhubel.ch

