Hofnachfolge im Kino: Warum Bauernfamilien «Gabin» sehen sollten

Zehn Jahre lang hat der französische Regisseur Maxence Voiseux einen Buben aus einer Bauern- und Metzgerfamilie begleitet. «Gabin» ist ein Film über Hofnachfolge und über Erwartungen, die nie ausgesprochen werden.

Der Film beginnt am Frühstückstisch. Ein Vater schaut seinen jüngsten Sohn an. Dominique Jourdel ist Metzger im Artois, einer Gegend im Norden Frankreichs, und der Bub, den er anschaut, soll eines Tages die Metzgerei übernehmen. Gabin ist acht Jahre alt. Gefragt hat ihn niemand.

Er hat andere Pläne. Er will eine Kuh für die Ausstellung herrichten, Hunde züchten und den Hof seiner Mutter Patricia retten, dem der finanzielle Ruin droht. Der Film begleitet ihn bis zu seinem achtzehnten Geburtstag. Am Ende geht Gabin seinen eigenen Weg. Die Tür schlägt er dabei nicht zu.

Der Breakdance-Kurs

Es gibt eine Szene, die der Regisseur als Schlüsselmoment bezeichnet. Gabin, damals ein etwas pummeliger Bub, der sich in seiner Haut nicht recht wohlfühlt, hat sich für einen Breakdance-Kurs angemeldet. Stolz zeigt er die ersten Schritte, die er gelernt hat. Gleichzeitig verlangt der Vater, dass er in der Metzgerei hilft. Rührend und ein bisschen absurd sei das gewesen, sagt Maxence Voiseux. Darin habe die ganze Geschichte gesteckt.

Wer einen Betrieb führt und Kinder hat, kennt diese Szene. Bei den einen heisst sie Fussballtraining, bei den anderen Lehrstellenentscheid oder Gymnasium. Der Sohn, der lieber Informatiker wird. Die Tochter, die in die Stadt zieht. Die Frage, wer einmal übernimmt, wird auf vielen Höfen nie offen gestellt. Sie hängt im Raum, beim Melken, am Mittagstisch, an Weihnachten, und wird mit jedem Jahr schwerer.

«Gabin» spielt in einer Gegend, in der Weggehen sich wie Verrat anfühlt und Bleiben seinen Preis hat. Das ist Nordfrankreich. Es könnte genauso gut das Emmental sein, das Entlebuch oder ein Seitental im Wallis.

Ein Viehmarkt, auf dem man nicht redet

Dass überhaupt jemand diese Familie filmen durfte, ist keine Selbstverständlichkeit. Voiseux, 1988 in den Ardennen geboren, wollte 2014 für seinen Abschlussfilm den Viehmarkt von Arras porträtieren, an dem damals noch in alten Francs gehandelt wurde.

Er ging mehrmals hin, ohne Erfolg. Viehhändler reden nicht gern über Geld, schon gar nicht vor einer Kamera. Bis ihn ein Mann ansprach und mitnahm. Es war Gabins Grossvater.

Der Metzger und die Nonnen

Gabin steht im Zentrum, aber der Film erzählt von einer ganzen Familie. Ein Vater, der unentwegt arbeitet und erschöpft ist. Eine Mutter mit eigenem Hof und eigenen Sorgen, die gern Ahnenforschung betreiben würde. Und dazwischen ein Kind, das beiden etwas schuldig zu sein glaubt.

Patricia, Gabin und Dominique Jourdel: Untereinander redet die Familie wenig, vor der Kamera spricht sie aus, was sonst unausgesprochen bleibt. (Bild: Alter Ego Production)

Dann geschieht etwas, womit niemand rechnet. Dominique Jourdel, der Metzger, fährt für eine Woche in ein orthodoxes Frauenkloster im Süden Frankreichs. Er hatte dem Regisseur anvertraut, dass ihn ein solcher Rückzug interessiere, er aber nie die Zeit finde, ihn zu organisieren. Maxence Voiseux half ihm dabei.

Die Jourdels seien untereinander sehr verschlossen, sagt der Regisseur. Vor der Kamera aber hätten sie alles ausgesprochen: dass Gabin weg will, dass Patricia eigene Träume hat, dass Dominique am Ende seiner Kräfte ist. Der Film sei für sie zum Ort geworden, an dem sie sich schützen und zugleich behaupten konnten.

Wer weiss, wie schwer es in Bauernfamilien fällt, über Müdigkeit, Überlastung oder Zukunftsangst zu reden, ahnt, was das heisst. Manchmal braucht es offenbar einen Fremden mit einer Kamera, damit ausgesprochen wird, was alle längst wissen.

Kein Knall

Laut wird es kaum. Eine einzige Szene gibt es, in der Gabin und seine Mutter sich anschreien. Mehr Konflikt habe er nicht filmen können, sagt Maxence Voiseux, weder Gabin noch er funktionierten so. Die Entscheidung, nicht in die Fussstapfen der Eltern zu treten, fällt nicht in einem grossen Moment. Sie entsteht über Jahre.

So läuft es auch auf vielen Höfen. Nachfolgen scheitern selten an einem einzigen Streit. Sie entscheiden sich leise, in kleinen Verschiebungen, die man erst im Rückblick erkennt.

Das letzte Bild

Eigentlich wollte Maxence Voiseux den Film mit Gabin enden lassen, der in die Ferne davongeht. Das klassische Bild des Aufbruchs. Stattdessen endet «Gabin» mit dem Gesicht seiner Mutter. Denn der Junge löst sich zweimal: zuerst von der Metzgerei und damit vom Vater, dann vom Hof und damit von der Mutter. Das letzte Bild gehört denen, die bleiben.

Was den Regisseur an Gabin am meisten berührt, ist dessen Treue zu seiner Gegend. Wer über den Norden Frankreichs rede, glaube schnell, das einzig Erstrebenswerte sei das Weggehen. Gabin aber sei gegangen, ohne die Tür zuzuschlagen. Diese Reife gegenüber der eigenen Herkunft verlange in seinem Alter echte emotionale Intelligenz.

Tränen im gemieteten Kino

Rohmaterial hat Voiseux der Familie in all den Jahren nie gezeigt. Den fertigen Film schaute er mit Gabin in einem eigens gemieteten Kinosaal. Gabin weinte am Schluss und erkannte sich wieder. Die Eltern sahen den Film getrennt. Patricia gab zuerst eine höfliche Rückmeldung, dann brach sie zusammen und sprach sehr offen darüber, was der Film mit ihr und ihrer Familie gemacht habe. Dominique wollte zunächst gar nicht darüber reden. Später sagte er, der Film habe in ihm etwas Wesentliches ausgelöst.

Die Schweiz hat mitgeholfen, dass es diesen Film gibt. Koproduziert hat die Rita Productions, mitfinanziert haben unter anderem das Westschweizer Fernsehen RTS und das Bundesamt für Kultur. Schon als Projekt wurde «Gabin» 2023 am Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon VD ausgezeichnet. Seine Weltpremiere hatte er im Mai in Cannes.

Mit den Kindern ins Kino

Um Milchpreise, Direktzahlungen oder Stallbau geht es in «Gabin» nicht. Es geht um das, was darunter liegt: um Familien, in denen Arbeit und Leben nicht zu trennen sind, um ein Erbe, das man weitergibt, ohne zu fragen, ob es gewollt ist. Und um die unbequeme Frage, ob ein Kind es annehmen muss.

Der 18. Geburtstag: Zehn Jahre nach den ersten Aufnahmen endet der Film, Gabin geht seinen eigenen Weg. (Bild: Alter Ego Production)

Für Bauernfamilien, die eine Übergabe vor sich haben, ist das Stoff für mehr als einen Kinoabend. Am besten gehen Eltern und Kinder zusammen. Und reden am nächsten Morgen am Frühstückstisch über das, was sonst unausgesprochen bleibt.

Der Film «Gabin» wird in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln gezeigt und startet am 26. November in den Kinos der Deutschschweiz.

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