Wenn der neue Stall zur Belastung wird: Wie Investitionen Bauern ins Burn-out treiben

Burn-outs in der Schweizer Landwirtschaft folgen einem erkennbaren Muster. Es gebe aber einen Unterschied zwischen hohen Schulden und zu hohen Schulden, macht der Schweizer Bauernverband geltend.

Dass viele Betriebe hierzulande verschuldet sind, ist bekannt. Ebenso, dass Landwirte und Bäuerinnen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung ein erhöhtes Burn-out-Risiko haben. Zu beidem gibt es Daten: 2024 wiesen laut Zahlen des Bundes 25–30 Prozent der Betriebe einen Verschuldungsgrad von über 50 Prozent auf. Agroscope attestierte der Landwirtschaft 2017 eine Burn-out-Gefährdungsrate von 11,6 Prozent, was fast das Doppelte des Niveaus der Vergleichsbevölkerung ist. Beides scheint zusammenzuhängen, legt eine Befragung der Ostschweizer Fachhochschule (OST) nahe.

Investition, Verschuldung, Nebenerwerb, Stress, Burn-out

Eine Online-Umfrage mit 367 Ostschweizer Landwirt(innen) sowie 20 qualitativen Interviews hätten gezeigt, dass die stärksten Belastungen in Arbeitsüberlastung, Bürokratisierung und gesellschaftlichem Anerkennungsverlust liegen.

Wie OST-Forscher Stefan Paulus bei «Agrarforschung Schweiz» schreibt, führten mehr als die Hälfte der Befragten einen Nebenerwerb. Das reduziere Erholungszeiten systematisch und erhöhe die Gesamtbelastung weiter. «Oftmals verläuft ein Burn-out wie folgt: Investitionen führen zu Verschuldung, die Verschuldung erzwingt Nebenerwerb, der Nebenerwerb reduziert Regenerationsphasen und erzeugt eine Dauerbeanspruchung», so Paulus. Über Monate und Jahre kumuliere sich das, bis Körper und Psyche ausgebrannt seien.

Der Hase im Pfeffer bei der Wirtschaftlichkeit

Die wirtschaftliche Situation der Betriebe dürfte sich mit den jüngsten Kostenanstiegen kaum entspannt haben. «Die Verschuldung nimmt auf jeden Fall zu, wie die Entwicklung der gezahlten Zinsen in der landwirtschaftlichen Gesamtrechnung zeigt», erklärt Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauernverbands (SBV) auf Anfrage.

Höhere Schulden an sich seien aber noch nicht das Problem. «Es gibt einen Unterschied zwischen hohen Schulden und zu hohen Schulden», so Helfenstein. Hohe Schulden zu haben, heisse nicht automatisch, wirtschaftlich unter Druck zu stehen.

Vielmehr gehe es bei Investitionen immer um Finanzierbarkeit, um Tragbarkeit, vor allem aber auch um Wirtschaftlichkeit. «Beim dritten Punkt liegt bei diversen Produktionsrichtungen der Hase im Pfeffer», erläutert die SBV-Sprecherin.

Werde etwa eine Million Franken investiert, betrage der zusätzliche Ertragswert bei der Milchproduktion – aufgrund der Wirtschaftlichkeit und daher Tragbarkeit der Investition gemäss Schätzanleitung – rund 200 000 Franken. Bei Eiern/Poulet oder Schweinen seien es hingegen 450 000 Franken und im Gemüsebau sogar 750 000 Franken.

Bei gleicher Investition wird ein Milchwirtschaftsbetrieb also ungleich weniger «wertvoll» als ein Gemüsebaubetrieb. «Wichtig ist, dass ein Betrieb aufgrund seines Standorts bestmöglich auf Wertschöpfung ausgelegt ist», betont Sandra Helfenstein. Schliesslich ergebe Wertschöpfung am Ende auch ein Einkommen und genügend Einkommen aus der Landwirtschaft würde einen Nebenerwerb überflüssig machen.

Unvorhersehbares und verlockende Angebote

Aber auch der beste im Vorhinein aufgestellte Businessplan kann über den Haufen geworfen werden. «Man kann etwa Pech haben mit dem Wetter, dem Abnehmer, der Tiergesundheit, der eigenen Gesundheit, familiären Problemen und vielem mehr», zählt Sandra Helfenstein auf. Der eine oder andere habe vielleicht am Anfang zu optimistisch gerechnet.

Viel Unvorhersehbares gehört zum Unternehmertum dazu, und Landwirtschaftsbetriebe sind Unternehmen, so der SBV.  Investitionsentscheide haben über viele Jahre oder Jahrzehnte Bestand – der neue Stall steht, auch wenn sich die Situation unerwartet ändert.

Manche Schuldenfalle besteht aber auch in der Verlockung: «Bei Maschinen ist es verlockend, doch noch einen grösseren Traktor oder eine noch leistungsfähigere Maschine zu kaufen, auch wenn sich diese Zusatzkosten nicht rechtfertigen», bemerkt Sandra Helfenstein.

Wirtschaftliche Sorgen sind nur einer von vielen möglichen Faktoren

Müsste man aufgrund der neuen Erkenntnisse der OST zur Burn-out-Prävention demnach bei der Verschuldung ansetzen und verhindern, dass Betriebe mit zu hohem Fremdkapitalanteil in eine psychische Abwärtsspirale geraten?

Während es bei der Kreditvergabe für Bauprojekte eine Art «Investitionskontrolle» durch das Einreichen von Berechnungen gibt, müsse man beim Maschinenkauf wohl oder übel selbst vernünftig sein, meint Sandra Helfenstein – «nicht nach dem Maximum, sondern dem Minimum streben».

Der SBV gehe zudem nicht davon aus, dass der Auslöser von Burn-outs immer wirtschaftliche Sorgen sind. Oft sei es eine Kombination von Faktoren, die mitwirke. «So sind z. B. Menschen, die sich schlecht öffnen können, stärker betroffen, weil sie ihre Sorgen mit niemandem teilen und alles in sich hineinfressen», ergänzt Helfenstein. Gefährdet seien ebenso jene, die gar nicht erst ein Umfeld haben, um sich auszutauschen, und «sich Tag und Nacht allein auf dem Hof abrackern».

Weiter könnten Streit in der Familie oder eine Scheidung der Funke sein, der zum Flächenbrand führen und ein Burn-out auslösen könne.

«Komm-auf-den-Hof-Logik» statt «Geh-hin» für Hilfsangebote

Ein wichtiges Defizit in der Burn-out-Prävention ortet die OST in der herrschenden «Geh-hin-Logik» psychosozialer Hilfsangebote. Betroffene müssen sich selbst an das Bäuerliche Sorgentelefon wenden, oder Coaches oder medizinische Fachpersonen kontaktieren.

Diese Angebote seien bekannt und von guter Qualität. Die «Geh-hin-Logik» setze aber eine Handlungsfähigkeit voraus, die im Burn-out-Verlauf schrittweise wegfalle. Hinzukomme die kulturelle Barriere, da Ausbrennen und Therapie in der bäuerlichen Lebenswelt fremd seien.

Die grosse Chance könnte nach Ansicht der Forschenden daher sein, ergänzende Angebote nach einer «Komm-auf-den-Hof-Logik» aufzubauen. Arbeiten zum Aufbau eines Netzwerks mit diesem Zweck laufen bereits: Im Projekt «Burn-out-Prävention in der Landwirtschaft 2.0» sollen Hofbesuchende sensibilisiert und geschult werden.

Aus Tierärzt(innen), Besamungstechnikern, Betriebsberatenden, Treuhänder(innen) usw. entstünde eine Hilfskette, die funktioniere, weil vertraute Personen richtig zu reagieren, instruiert werden. Durchgeführt wird das Projekt vom Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband und der OST, unterstützt vom SBV und zahlreichen weiteren Organisationen. Die Projektdauer ist bis 2028 veranschlagt.

Mehr Wirtschaftlichkeit im Rahmen der AP 30+ angehen

«Uns scheint es wichtig, dass die Betroffenen so früh wie möglich Hilfe suchen», sagt Sandra Helfenstein. Dann lasse sich noch vieles leichter angehen und lösen. «Das heisst, das Thema enttabuisieren, niederschwellige Hilfsangebote bekannt machen und eben auch aktiv angebotene ‹Nachbarschaftshilfe›.» 

Und was ist mit der Verschuldung als einem Faktor – von verschiedenen – in der Entstehung von Burn-outs? Wo man sicher ansetzen müsse, sei bei der generellen Wirtschaftlichkeit der Landwirtschaft, findet Helfenstein.

Das tue der SBV auch im Rahmen der AP 30+. «Denn nur wenn diese gegeben ist und wir Wertschöpfung erzielen, dann bleiben unsere Betriebe auch investitionsfähig», hält sie fest. Für Investitionsentscheide hat sie eine kurze, generelle Empfehlung: «Realistisch rechnen und sich vom Kopf leiten, statt sich von Emotionen verleiten zu lassen.» 

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