Ende März 2022 wurde Evelyne Gasser-Schären als neue Präsidentin des Bäuerinnen- und Landfrauenvereins beider Basel (BLVbB) gewählt. Eine über 90-jährige Organisation mit 800 Mitgliedern. Als die BauernZeitung die 37-Jährige um ein Interview bat, schlug sie drei Termine vor. Dabei erwähnte sie nicht nur den Beginn des Treffens, sondern auch gleich dessen Ende.
Auf die Frage, ob sie ihre Tage im Voraus durchtakte, antwortet sie: «Ich stelle ein wöchentliches Programm auf. Momentan bin ich stark engagiert. So muss ich die mir zur Verfügung stehende Zeit mit den aufeinanderfolgenden planbaren Ereignissen einteilen.»
Vielleicht töne das nach einem gehetzten Tagesablauf, meint sie lächelnd. Doch das Gegenteil sei der Fall: Erstens vergesse oder übersehe sie nichts und zweitens folge sie ruhig ihrem vorgegebenen Plan. Für sie funktioniere die Zeiteinteilung so am besten.
Weitere Ämter
Evelyne Gasser ist nämlich nicht nur Bäuerinnen und Landfrauenpräsidentin. Sie hat eine Familie mit drei lebhaften Kindern. Ihr Mann arbeitet 15 Prozent auswärts. Sie ist stark in den 25-Hektaren-Betrieb eingebunden – bei der Pouletmast, der Haltung von Mutterkühen, dem Ackerbau und in der Kirschen-Intensivobstanlage.
Sie betreut zwei Pensionspferde und die eigenen drei Ziegen, die Katzen und den Hofhund. Seit fünf Jahren ist sie Vorstandsmitglied beim Bäuerinnen- und Landfrauenverein beider Basel und seit zwei Jahren beim Bauernverband beider Basel. Diese Aufgabe wird sie angesichts des neuen Amts abgeben. Beim Landwirtschaftsrat und bei der «IG Genuss aus Stadt und Land» wird sie weitermachen.
Evelyne Gasser kommt aus einem nichtbäuerlichen Haus, absolvierte die Ausbildung als Pflegefachfrau und war danach in einer Klinik für Neurorehabilitation und Paraplegie in Basel tätig. Im Jahr 2009 heiratete sie Martin Gasser, den Hofnachfolger des Goldbrunnenhofs. Ihnen wurden drei Kinder geschenkt: Nino (11), Lisa (9) und Melia (6). Im Jahr 2013 übernahmen sie den Hof und stellten ihn von Milchwirtschaft und Gemüsebau auf Pouletmast in einem 600-Quadratmeter-Stall um. Sie zogen in ihr neu erbautes Familienhaus, etwas entfernt vom Bauernhaus, wo ihre Schwiegereltern leben.
Eine strenge Zeit
Die Bäuerin erinnert sich: «Es war eine strenge Zeit, in der so manches passierte.» Da war der Kampf mit den Behörden im Zusammenhang mit dem Stallbau und dem Wohnhausbau. Die junge Familie und die Eltern mussten sich an ganz neue Situationen gewöhnen.
Evelyne Gasser hegt grosses Verständnis für ihre Schwiegereltern: «Sie haben ihr Leben lang Kühe gemolken und auf einmal stehen da Tausende Masthühner.» Die Nähe zu den Grosseltern ihrer Kinder gefällt ihr. Sie sei oft dankbar, wenn sie ihre Kinder, manchmal auch unverhofft, abgeben könne.
Praktisch veranlagt
Evelyne Gasser sagt von sich selbst, sie sei eine «praktische» Person. Es gibt eine Tatsache, die ihr praktisches Denken wunderbar beweist. Als das junge Paar daran war, ihren Betrieb aufzubauen, waren die Schwiegereltern zu 100 Prozent auf dem Hof angestellt. Das bedeutete, Martin musste seinen Eltern einen Lohn zahlen. «Für mich, seine Frau, reichte es nicht mehr», erklärt Gasser verständnisvoll. «So arbeitete ich fünf Jahre ohne Lohn, wie wir das vereinbart hatten.»
Auf die Frage, wieso sie das Präsidium der Bäuerinnen übernommen habe, gibt Gasser eine ebenso vernünftige Antwort: «Innerhalb des Vorstands war es für uns klar, dass möglichst eine Insiderin den Posten übernehmen sollte.»
Wenn jemand von aussen komme, dauere es eine Weile, bis die Person eingearbeitet sei. Ein Vorstandsmitglied hingegen könne gleich loslegen mit der Arbeit, oder eben weiterfahren. Gasser will die Öffentlichkeitsarbeit (Gremienarbeit) vorantreiben, und zwar nicht nur für die Bäuerinnen, sondern für die Frauen allgemein.
Streik im Liegestuhl
«Gerade in den vergangenen Zeiten haben wir bemerkt, wie wichtig der Zusammenhalt über die einzelnen Bezirke hinaus ist», sagt Evelyne Gasser. «Wir müssen einander Gutes tun», rief sie an der GV auf, «wir wollen uns alle gegenseitig kennenlernen.»
Übrigens war sie eine der Frauen, die am Frauenstreik 2019 in mehreren Zeitungen und auch im Fernsehen präsent war und bekannt wurde. Die Baselbieterinnen hatten entschieden, morgens auf dem Hof zu arbeiten und sich nachmittags mit Journalistinnen zu treffen.
Dabei wollten sie auf eine aussergewöhnliche Art protestieren: Wo immer sie sich trafen, setzten sie sich in ihre mitgebrachten Liegestühle und brachten von dieser «Warte» aus ihre Forderungen ein. Evelyne Gasser staunt heute noch: «Das Echo, das wir damals ausgelöst haben, war gewaltig. Der Tag hat uns etwas gebracht. Aber wir müssen und werden weiterkämpfen.»

