Im Wald raschelt das Laub wie an einem Herbsttag und auch Einzelbäume sehen lädiert aus. Manche Linde, Bergahorn oder Rosskastanie, die seit Jahrzehnten den Hausplatz bewachen, leiden zunehmend. Ob sie überleben, hänge von der Baumart und der Häufigkeit des Stresses ab, hält Arthur Gessler vom Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) fest.
Sieht dramatisch aus, kann aber Schutz sein
«Linde und Bergahorn besitzen wahrscheinlich eine Art natürliches Sicherheitsventil», so Arthur Gessler weiter. Diese Bäume werfen bei extremer Trockenheit und Hitze ihre Blätter kontrolliert ab, bevor der Stamm dauerhaft Schaden nimmt. «Das kann dramatisch aussehen», räumt der WSL-Forscher ein, «es ist aber eine Schutzreaktion.»
In der Regel überstehen Linde und Bergahorn demnach ein solches Ereignis – allerdings nicht ohne Folgekosten: Jeder vorzeitige Laubfall verkürzt die Fotosynthesesaison um Wochen und zehrt an den Nährstoff- sowie Energiereserven des Baumes.
«Wie viele solche Stressjahre hintereinander eine Linde oder ein Bergahorn verkraften kann, ist wissenschaftlich noch nicht genau beziffert», so der Forscher. Klar sei aber, dass bei wiederholten Extremjahren auch widerstandsfähige Arten irgendwann an ihre Grenzen stossen.
Buchen gehen eher ein
Im Wald sind die Buchen gerade ein besonders schlimmer Anblick. Sie haben laut Arthur Gessler kein solches Sicherheitsventil. Wenn Buchenblätter im Hochsommer abfallen, sei das demnach kein Schutz, sondern ein Schadenssymptom. «Langzeitdaten aus der Schweiz zeigen, dass nach dem Extremsommer 2018 rund sieben Prozent der Buchen, die damals vorzeitig Laub verloren hatten, in den folgenden drei Jahren abstarben.»
Dieser Anteil sei deutlich höher als bei unbetroffenen Bäumen, wobei sich das Absterben über mehrere Jahre hinziehe. Wiederholten sich solche Hitzesommer, kumulierten sich die Schäden. Besonders gefährdet sind Bäume auf flachgründigen, trockenen Standorten, die bereits durch frühere Extremjahre geschwächt wurden.
Rechtzeitig bewässern, bevor ein Grossteil geschädigt ist
Im Gegensatz zum Forstbestand sind Linden und Co. auf dem Betriebsgelände in Reichweite eines Wasserschlauchs. Kann man solche Bäume retten, wenn sie jetzt schwächeln und braune Blätter bekommen? «Im Prinzip schon, man sollte dies rechtzeitig tun – bevor ein Grossteil der Blätter abgefallen oder verfärbt ist», sagt Arthur Gessler. Eine erhöhte Wasserzufuhr ermöglicht den Bäumen, das Wasser über die (noch intakten) Blätter zu verdunsten, dadurch über Fotosynthese weiter Zucker zu bilden und bei starker Hitze die Blätter auch zu kühlen.
«Ist das Wasserleitungssystem des Baumes durch langanhaltende Trockenheit stark geschädigt, kann das auch durch Bewässerung nicht mehr rückgängig gemacht werden», ergänzt der WSL-Forscher. Neben dem Kosten‑Nutzen‑Verhältnis ist im Hinblick auf Bewässerung natürlich auch zu beachten, ob es lokale Einschränkungen zur Wasserverwendung gibt. Manche Gemeinden haben etwa das Bewässern von Gärten bis auf Weiteres verboten.
Im Fall von Rosskastanien lohne sich je nachdem ein noch genauerer Blick auf die Ursache der Verbraunung, meint Frank Krumm, ebenfalls von der WSL. «Um diese Jahreszeit sind viele Bäume von der Miniermotte befallen und es kann noch andere Gründe für braune Blätter geben», erklärt er. Auf jeden Fall seien solche Faktoren eine zusätzliche Belastung für den Baum.
Durch Sparmassnahmen nur noch 5–10 Prozent des Wasserbedarfs
Wie viel Wasser müsste man denn investieren, um einen alten Einzelbaum zu retten? «Ein alleinstehender, grosser Baum wie eine Linde oder Kastanie kann – abhängig von Standort, Temperatur und Luftfeuchtigkeit – 100–400 Liter pro Tag verdunsten», antwortet Arthur Gessler. Sehr grosse Bäume würden auch mehr Wasser verbrauchen. Wenn allerdings weniger Wasser im Boden zur Verfügung steht, würden sich die Spaltöffnungen schliessen und die Verdunstung der Blätter sinke.
So könne ein Baum seinen Wasserbedarf auf 5–10 Prozent reduzieren. «Wenn rechtzeitig – bevor starker sichtbarer Schaden an den Blättern auftritt – und regelmässig gegossen wird, sollten 20–50 Liter pro Tag ausreichen, um den Baum am Leben zu erhalten», schätzt Gessler.
Frank Krumm ergänzt, es sollte indes das Ziel sein, nicht die Wurzeln in Richtung Bodenoberfläche zu erziehen. Anstatt täglicher, kleiner Wassergaben wären daher seltenere, grössere Gaben sinnvoll. «Also alle 7–8 Tage, dann aber 1000 Liter und mehr, um den Wurzelraum auch in gewisser Tiefe zu befeuchten.»
«Sommerlicher Astbruch»: Kaum vorhersagbar
Gestern sah der Zwetschgenbaum noch gesund aus, reich mit Früchten behangen und mit grünem Blattwerk. Doch dann bricht plötzlich ein grosser Ast ab. «Der sommerliche Astbruch – manchmal in der Fachliteratur als Summer Branch Drop bezeichnet – ist ein bekanntes Phänomen», sagt Frank Krumm.
Er erklärt es mit einem Überlebensmechanismus, mit dem viele Baumarten auf anhaltende Hitze und Trockenheit reagieren: Sie reduzierten ihre Verdunstungsfläche, indem sie Blätter sowie ganze Äste abstossen. Ersteres ist im Wald derzeit stark sichtbar. Das Tückische dabei sei, dass Äste äusserlich völlig gesund aussehen können. Dennoch brechen sie plötzlich ab, typischerweise an heissen, windstillen Nachmittagen. «Eine Vorerkennung durch eine äussere Inspektion ist nicht möglich», so Krumm.
Ob der sommerliche Astbruch bei allen Baumarten eine Schutzfunktion hat, sei unbekannt. Es könnte auch die Folge einer fatalen Schädigung des wasserleitenden Systems im betroffenen Ast sein. Das Phänomen tritt laut Frank Krumm bei Laubbäumen wie Ahorn, Buche, Eiche, Kastanie oder Platane sowie Nadelbäumen wie Kiefern auf.

