Bäuerinnensicht: Sandra Bucher hat ein Herz für Kartoffeln und Milchkaffee

Unsere Kolumnistin sortiert Erde, Steine und faule Kartoffeln aus – und entdeckt dabei, warum ihr diese Arbeit so ans Herz gewachsen ist.

Manchmal glaube ich, ich habe ein Herz für «Härdöpfu». Vor zwei Jahren war ich bei meiner Jodlerkollegin zum Härdöpfle, also zur Kartoffelernte. Mitten im Verlesen lag plötzlich eine Kartoffel in Herzform vor mir. Natürlich nahm ich sie mit nach Hause. Eine solche Kartoffel kann man doch nicht einfach weiterlaufen lassen. Vergangenes Jahr konnte ich bei der Ernte leider nicht dabei sein. Kein Härdöpfle, keine Herzkartoffel und – was fast noch schlimmer ist – kein Milchkaffee.

Denn ich muss hier etwas gestehen: Wenn ich zum Härdöpfle gehe, dann hat das nicht nur mit meiner Freude an der Kartoffelernte zu tun. Es ist auch wegen des Milchkaffees. Meine Jodlerkollegin weiss, dass ich ihren Milchkaffee über alles liebe. Vielleicht liegt es an der Milch, möglicherweise am Kaffee oder wahrscheinlich auch ganz einfach an ihr, die den Kaffee mit Herzblut zubereitet.

Die Arbeit ist erdend

Dieses Jahr war ich wieder dabei. Zwar nur an einem Vormittag, aber immerhin. Und weil der Milchkaffee normalerweise erst beim «Zobig», also beim Zvieri, aufs Feld kommt, hat meine Jodlerkollegin ihrem Mann kurzerhand einen für mich mitgegeben. Mitten am Vormittag. Ich glaube, ich muss nicht weiter erklären, weshalb ich so gerne zum Härdöpfle gehe.

Wobei, ganz fairerweise: Das Härdöpfle ist für mich tatsächlich etwas Besonderes. Ich mache diese Arbeit einfach gerne. Auf der Erntemaschine zu stehen, Erde, Steine und faule Kartoffeln auszusortieren und zwischendurch ein interessantes Gespräch zu führen – trotz des Lärms der Maschine. Es hat etwas Erdendes, diese Arbeit. Und ich staune jedes Mal, was da plötzlich alles aus der Erde zum Vorschein kommt. Wochenlang wächst es im Verborgenen, und dann liegen sie da: kleine, grosse, runde, krumme Kartoffeln. Jede anders.

Chips bringen Freude

Doch es ist nicht nur die Arbeit, die mir gefällt, nein, ich esse Kartoffeln auch sehr gerne. Vielleicht, weil sie mich an meine Kindheit erinnern. Neun Kinder, Eltern und Grosseltern am Tisch. Wenn wir Kinder am Sonntag Pommes frites zum Mittagessen wünschten, mussten wir unserer Mama beim Kartoffelrüsten helfen. Und bei neun Kindern kann man sich vorstellen, was das bedeutete. Da wurde nicht ein Körbchen Kartoffeln geschält, sondern ein ordentlicher Berg.

Oder Pommeschip – die gab es früher allerdings noch seltener als Pommes frites. Noch heute kann man mir mit einem Sack Paprika-Chips die grösste Freude bereiten. Überhaupt liebe ich Kartoffelgerichte: Gratin, Ofenkartoffeln, Kroketten, Gschwellti, Kartoffelsalat oder Rösti. Die gab es in meiner Kindheit sogar zum Zmorge.

Meine Grossmama hatte zu den Kartoffeln eine ganz eigene Weisheit. «Kartoffeln machen dumm und treu», pflegte sie zu sagen. Was sie damit genau meinte, wussten wir damals nicht so recht. Vielleicht, dass Kartoffeln satt und zufrieden machen. Und wer satt und zufrieden ist, bleibt eben gerne bei dem, was er kennt. Ob diese Theorie stimmt, lasse ich einmal offen. Aber irgendwie begleitet mich dieser Spruch bis heute.

Kartoffeln machen glücklich

Und dieses Jahr lag beim Härdöpfle plötzlich wieder eine Herzkartoffel vor mir. Schon wieder. Ich nahm sie vom Band und musste lachen. Was möchte mir diese Kartoffel wohl sagen? Vielleicht, dass ich tatsächlich ein Herz für Härdöpfu habe. Möglicherweise auch, dass ich nächstes Jahr wiederkommen soll.

Ich werde es wohl herausfinden müssen. Wenn beim Zobig dann wieder ein Milchkaffee aufgetischt wird, fällt mir die Entscheidung ohnehin nicht schwer. Man könnte also sagen: Ich bin den Kartoffeln treu geblieben. Ob sie mich dumm machen, da hege ich Zweifel. Aber glücklich machen sie mich auf jeden Fall.

Weiterlesen

  • Die Säuli werden intensiv auf ihren Auftritt an der Olma vorbereitet.

    Rennsäuli zwischen Begeisterung und Kritik

    Familie Dörig trainiert 15 Jungsauen für die Olma, während eine Petition mit über 10 000 Unterschriften das Rennen wegen Tierwohlbedenken infrage stellt.
    Show more
  • Agrarfolien sammeln: Eine Erfolgsgeschichte aus Zug

    ✹
  • Was bedeutet die Bekämpfungspflicht für Erdmandelgras für Pächter?