Dominik Dörig und seine Frau Jessica waren zunächst überrascht, als Christian Manser, Moderator des Säulirennens und Präsident der Tierschauen an der Olma, ihnen die Frage stellte, ob sie künftig die jungen Sauen für die Traditions-Rennen trainieren würden.
Ein grosser Schritt für das Betriebsleiterpaar, denn mit der Übernahme des Trainings geht nicht nur eine zeitintensive Vorbereitung einher – auch das mediale Interesse am Betrieb in Gossau SG und den Menschen dahinter musste einkalkuliert werden.
«Wir haben einen überschaubaren Betrieb. Aber scheinbar machen wir unsere Aufgabe hier gut, sonst wären wir für das Training der Sauen nicht infrage gekommen», sagt Dominik Dörig mit einem Augenzwinkern.

Wie entstand die Tradition?
Das erste Olma Säuli-Rennen fand 1997 statt. Seitdem blieb der Ablauf des Rennens nahezu gleich. Die Olma-Version des Rennens entstand, gemäss einer Medienmitteilung des Messeunternehmens, in den 90er Jahren als Stammtisch-Idee und etablierte sich seitdem zum festen täglichen Programmpunkt an der Schweizer Landwirtschaftsmesse. Schweinerennen als Volksfest-Unterhaltung haben jedoch international eine deutlich längere Geschichte.
Bereits 1976 fanden in den USA auf Jahrmärkten organisierte Schweinerennen statt, die zur Belustigung des Publikums in Pferderenn-Manier moderiert wurden. Laut einem Artikel im amerikanischen Time-Magazin erreichten die Rennen bereits 1986 mehrere Millionen Zuschauer(innen). Bereits damals stellte man fest, dass weibliche Tiere sich besser für die Rennen eignen. Auch an der Olma gehen nur Säuli an den Start.

Die Familie tritt in grosse Fussstapfen. Ihre Vorgänger, Susanne und Hans Milz aus Amlikon-Bissegg TG, trainierten die Säuli seit Beginn der Tradition vor fast 30 Jahren mit grosser Leidenschaft. Die Freude, die das Publikum – besonders die jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer – an den Rennsäuli hat, sei ihre Antriebsfeder gewesen, wird das Ehepaar in einer offiziellen Medienmitteilung der Olma zitiert. Nach dem letzten Rennen der Messe 2025 gingen die beiden jedoch in den Ruhestand und werden die Rennen heuer von der Arena aus mitverfolgen.
Eingefleischte Fans warten schon
Was macht die Faszination für das Publikum aus? «Die Säuli rennen so herzig, und jedes auf seine eigene Art», sagt Jessica Dörig, die sich über die letzten Wochen hinweg intensiv und mit viel Geduld um die Tiere gekümmert hat. Die Tradition um das Rennen sei vielschichtig und reiche von den Kindern, die die Säuli nach dem Rennen zurücktreiben, bis zu den Erwachsenen, die darüber fachsimpeln können, welches Tier das Rennen macht. Es gebe eingefleischte Fans; seit 2017 reist sogar eine Gruppe aus den Niederlanden regelmässig an, um das Schweinerennen zu verfolgen.
Tiere sorgfältig selektioniert
Um den Zuschauern gute Rennen bieten zu können, steckt Familie Dörig seit Ende Juli knietief in den Vorbereitungen. Zu diesem Zeitpunkt wurden 30 Jungsauen eingestallt. Weit war ihre Anreise nicht: Die Tiere kamen vom Zuchtbetrieb von Dominik Dörigs Vater.
Bereits bei der Auswahl der Sauen schaute Dörig Senior, welche Tiere besonders neugierig sind und sich somit besser für die Aufgabe eignen. Die Auslese ging dann auf dem Betrieb von Dörig Junior weiter. «Wir haben uns das Verhalten der Tiere genau angesehen. Diejenigen, die sich nicht gerne anfassen liessen oder zu scheu waren, schieden aus», erzählt der Schweinehalter. Nun sind noch 19 Tiere übrig. 15 davon gehen an den Start, die restlichen Tiere dienen als Reserve. Ihr Training begann Anfang August und an jeden Schritt musste sich die Familie herantasten.
Betriebsspiegel Betrieb Dörig
Betriebsleiter: Dominik und Jessica Dörig
LN: 12 Ha
Ackerkultur: Mais
Tierbestand: 16 Milchkühe, 200 Mastschweine, 50 Hühner
Arbeitskräfte: Betriebsleiterpaar

Die Schweinchen wissen, worum es geht
Mittlerweile kennen die Tiere ihre Aufgabe genau. Während des Trainings, das zweimal täglich stattfindet und jedes Mal insgesamt rund eine Stunde Zeit in Anspruch nimmt, laufen die Tiere zielstrebig auf die Startboxen zu und betreten diese ohne zu zögern.

Bevor sich die Boxen öffnen und die Tiere losrennen dürfen, schieben sie ihre Rüsselscheiben unter das Gitter, das sie nach vorn begrenzt, und drücken es mehrmals nach oben. Nach dem Ertönen des Startsignals sprinten die Tiere los.
Es dauert nur wenige Sekunden, bis sie den grossen Futtertrog erreichen, der das Ziel markiert. Zurückgetrieben werden die Jungsauen von den drei Töchtern Sofia (6), Delia, (3) und Emilia (2). Somit hat die ganze Familie beim Training feste Aufgaben.
Manche Faktoren können nicht ins Training einbezogen werden
Dem Messebeginn blickt Familie Dörig mit grosser Aufregung entgegen. Obwohl das Training der Sauen bereits weit fortgeschritten ist und die Tiere ihre Aufgabe schon gut kennen, gibt es gleichwohl Faktoren, die zu Hause nicht so trainiert werden können.
«Der Boden wird anders sein als hier im Trainingsring. Auch die Geräuschkulisse von 1 500 Menschen können wir beim Training natürlich nicht nachstellen», sagt der Betriebsleiter. Für Jessica Dörig ist klar: «Zum Messebeginn werden wir den Tieren Zeit lassen und sie mit viel Einfühlungsvermögen begleiten.»

Viele kritische Stimmen und eine Petition
Obwohl die Tradition bei der Bevölkerung sehr beliebt ist, gibt es auch kritische Stimmen. Die Schweizer Kampagnenorganisation und Bürgerbewegung Campax hat Ende August eine Petition gestartet, die die Messeleitung der Olma auffordert, das Säulirennen aus dem Programm zu streichen. Das Rennen setze die Tiere enormen Stressfaktoren aus, so Campax. Kritisiert wird die Doppelmoral des Rennens: «Während die Schweine über die Messetage als niedliche Rennferkel inszeniert und angefeuert werden, landen sie nach dem ‹heiteren Rennen zum Futtertrog› auf der Schlachtbank.»
Die Messe, die sich zur Aufgabe macht, der Bevölkerung die Landwirtschaft näherzubringen, vermittle den jüngeren Zuschauenden, dass es akzeptabel sei, feinfühlige Tiere zur eigenen Unterhaltung Lärm und Stress auszusetzen. Demzufolge appelliert die Petition dafür, dass die führende Landwirtschaftsmesse eine Tierhaltung repräsentiert, in der ein respektvoller und zukunftsfähiger Umgang mit Tieren angestrebt wird. Mittlerweile haben über 10 000 Menschen die Petition unterschrieben.
Tierwohl steht bei Dörigs an erster Stelle
«Das Tierwohl steht an erster Stelle – sowohl an der Messe als auch generell auf unserem Betrieb», nimmt Dominik Dörig dazu Stellung. Er erklärt: «Sowohl unsere Schweine als auch unsere Kühe haben mehr Platz, als das Gesetz vorgibt. Sie haben jederzeit Zugang zum Aussenklima, zur Einstreu und zum Futter. Aber der Tag X kommt – das ist unser Geschäft und davon leben wir.»
Nach dem Rennen kehren die diesjährigen Rennsäuli zurück auf Dörigs Betrieb, wo sie noch etwa sechs Wochen ausgemästet und dann geschlachtet werden. Familie Dörig sieht die Tradition des Schweinerennens nicht in Gefahr. «St. Gallen steht hinter dem Säulirennen», davon ist der Landwirt überzeugt.

Das sagt die Messeleitung der Olma
Doch wie steht die Messeleitung zur Petition? In einem offiziellen Statement schreibt die Messeleitung, dass sie die unterschiedlichen Sichtweisen ernst nehme. Man sei offen für einen sachlichen und konstruktiven Austausch mit Vertretenden von Interessengruppen. «Die Tiere an all unseren Messen werden von erfahrenen Fachpersonen betreut, tierärztlich kontrolliert und die Haltungsbedingungen werden durch das Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen des Kantons St. Gallen überprüft», heisst es in dem Schreiben. Das Säulirennen werde unter Berücksichtigung der geltenden Tierschutzgesetzgebung durchgeführt und sei vom Veterinärdienst des Kantons St. Gallen bewilligt. «Eine Abschaffung des Säulirennens ist aktuell nicht vorgesehen», so die Messeleitung.
Kommentar von Lisa McKenna
Zwischen Rennfieber und Tierwohl
Die Schweiz gilt als Land mit hohen Tierwohlstandards. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Ist es für ein solches Land noch zeitgemäss, Tiere erst zur Unterhaltung einzusetzen und sie später zu essen? Bevor wir diese grosse Frage beantworten, lohnt sich ein Blick auf die kleinen Details. Zum Beispiel auf die Lebensrealität der Rennsäuli.
Die Jungsauen bei Familie Dörig haben rund um die Uhr Zugang zum Aussenklima. Ihr Training wird in kleinen Schritten aufgebaut und findet zweimal täglich statt. Am Ende wartet eine Belohnung, auf die sich die Tiere offensichtlich freuen. Sie rennen nicht, weil sie dazu gezwungen werden, sondern weil sie gelernt haben, dass am Ende des Laufes etwas Positives auf sie wartet. Danach können sie in der Erde wühlen und Grashalme abzupfen – für ein Schwein keine Nebensache, sondern ein Verhalten, das weit oben auf seiner Bedürfnisliste steht. Wären sie nicht für das Rennen ausgewählt worden, würden sich ihnen diese Gelegenheiten, positive Emotionen zu empfinden, nicht bieten. Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass das Säulirennen für die Tiere durchwegs positiv ist. Während der Olma kommen Faktoren hinzu, die sich im Training nicht simulieren lassen: Menschenmassen, Lärm, fremde Gerüche und die Aufregung rund um das Rennen. Dass diese Situation für die Tiere Stress bedeutet, steht ausser Frage.
Doch Tierwohl lässt sich nicht auf die Abwesenheit von Stress reduzieren. Ebenso wichtig ist die Frage, ob ein Tier positive Erfahrungen machen kann. Genau damit habe ich mich in meiner Doktorarbeit beschäftigt. Ich habe bei Schweinen Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität gemessen, Spielverhalten untersucht und Speichelproben analysiert. Deshalb weiss ich auch, wie schwierig es ist, Freude bei einem Tier wissenschaftlich zu erfassen.
Bei meinem Besuch bei Familie Dörig musste ich allerdings keine Herzfrequenz messen, um einen Eindruck davon zu bekommen, dass die Tiere das Training mit positiven Erfahrungen verbinden. Sie liefen zielstrebig zu den Startboxen, wussten, was von ihnen erwartet wurde, und sprinteten dem Futter entgegen. Für mich war deutlich erkennbar: Diese Tiere haben gelernt, dass sich das Mitmachen lohnt.
Ob man daraus ableitet, dass ein Säulirennen auch künftig zu einer Landwirtschaftsmesse gehören soll, ist eine andere Frage. Sie ist gesellschaftlich zu diskutieren – und sie wird uns vermutlich noch länger beschäftigen. Denn eines zeigt die Debatte für mich deutlich: Tierwohl ist komplexer als die Frage, ob ein Tier für unseren Spass genutzt wird. Entscheidend ist auch, wie dieses Tier lebt, was es erlebt und welche Bedürfnisse wir ihm erfüllen. Ob die Tradition des Säulirennens bestehen bleibt, wird sich zeigen. Für die Säuli und für die Menschen wäre ihr Ende gleichzeitig Gewinn und Verlust.

