«Seid ihr wirklich da?», will Antoinette Wenk von den Frauen im Saal wissen. Tatsächlich schwirren wohl noch in vielen Köpfen To-Do-Listen rund um Arbeit, Familie und Betrieb herum. Antoinette Wenk, Mitbegründerin und Geschäftsführerin des Resilienz-Zentrums Schweiz, gibt Anweisung: «Atmet dreimal tief ein und aus. Ihr habt gerade nichts anderes zu tun.» Und tatsächlich – das tut gut.
Es lässt sich trainieren
Bäuerinnen jonglieren oft mit mehreren Herausforderungen gleichzeitig. Die Tage sind lang auf einem Landwirtschaftsbetrieb; die Nähe zwischen Geschäft, Privatleben und Generationen birgt Zündstoff. Wer gesund bleiben will, braucht Widerstandskraft und innere Stärke. Auf die Spur dieser Resilienz, so der Fachausdruck, ging der Aargauer Landfrauenverband an der kantonalen Tagung an der Liebegg.
«Resilienz können wir trainieren, wie wir Muskeln trainieren», stellte Antoinette Wenk klar. Jeder Mensch habe seine Komfortzone, in der er sich sicher und wohl fühle. «Aber wenn wir immer in unserem komfortablen Gärtchen bleiben, kommen wir nicht weiter und entwickeln auch keine Resilienz.» Kommt es zu einer Krise, fehlen die Instrumente, um damit umzugehen.

Ein wichtiger Faktor von Resilienz ist Selbstfürsorge. Der Ratschlag der Referentin: «Nicht nur funktionieren, sondern die eigene Energie im Blick behalten und das Energiefass immer wieder bewusst auffüllen oder Energieräuber ausschalten.»
Am einfachsten ist das bewusste Atmen
Resilienz spielt sich im Kopf ab, aber nicht nur. Körperübungen unterstützen die Psyche, eine der einfachsten ist das bewusste Atmen. Antoinette Wenk zeigte weitere Übungen, zum Beispiel die Fäuste ballen, den eigenen Ärger, die Wut oder Verzweiflung fest packen – und sie dann bewusst loslassen und abschütteln.
«Trainingsplan für Resilienz:»
- Was kann ich aus eigener Kraft verändern? Sich in einer belastenden Situation darauf fokussieren.
- Welchen Schritt mache ich als nächstes? Auch wenn er nur klein ist.
- Welche Gewohnheit tut mir gut? Sich vornehmen, etwas davon vermehrt zu pflegen – und gleich damit anfangen.
- Wo kann ich kreativ sein? Kreatives Schaffen wie Musik, Basteln und Handarbeit beruhigt und entspannt. Das schafft Raum für neue Sichtweisen.
- Für welche fünf Sachen bin ich heute dankbar? Die Suche fällt zunehmend einfacher, wenn das Gehirn darauf trainiert wird.
- Wie pflege ich mein Netzwerk? Tragfähige Beziehungen gelten als Gesundheitsfaktor Nummer 1.
«Mafalda Da Silva ist für mich Resilienz pur», stellte Lea Fischer von der Bildungskommission des Aargauer Landfrauenverbands die zweite Referentin vor. Kennengelernt haben sich die beiden an der Kinder-Rehaklinik in Affoltern am Albis. Lea Fischer betreute dort die damals siebenjährige Mafalda in der Pflege. Zuvor hatte das Kind eine Hausexplosion überlebt, die Ärzte rechneten anfänglich mit seinem Sterben.

«Aber ich stehe hier vor euch – stark und dankbar, dass ich meine Geschichte erzählen kann», sagte die junge Frau an der Tagung. Die Narben im Gesicht und am Körper sind geblieben. Was an Mafalda Da Silva aber am meisten auffällt, ist ihre Lebensfreude: «Ich lache viel. Ich mache das, was ich liebe, und das gibt mir Kraft.»
Hilfe im letzten Moment
Als Kind und Teenager verbrachte Mafalda Da Silva ihre Sommerferien im Spital für Hauttransplantationen und andere Operationen. Sie hatte Panikattacken in Fahrzeugen, jede Kerze war für sie ein Horror. Die anderen Kinder riefen sie «verbranntes Huhn». Dazu musste sie die Scheidung ihrer Eltern verkraften. Mit zehn Jahren wollte sie sich umbringen – und vertraute sich im letzten Moment einer Psychologin an. «Von da an ging es bergauf», schaut Mafalda zurück. «Es hat bei meiner Heilung geholfen, dass ich immer wieder über meine Erlebnisse gesprochen habe.» Dazu kam ihr Wille: «Ich habe mich entschieden, nicht aufzugeben.»
Bald schliesst Mafalda Da Silva ihre Ausbildung als diplomierte Pflegefachfrau ab und bringt ihr zweites Buch heraus. Ihre Botschaft: «Jeder Mensch hat die Kraft, aus schwierigen Momenten etwas Starkes zu machen.»
Hilfe, wenn die Situation ausweglos scheint
Haben Sie Suizidgedanken? Hilfe gibt es rund um die Uhr bei der Dargebotenen Hand (Tel. 143) und für Kinder und Jugendliche bei Pro Juventute (Tel. 147).

