Im Herbst, genauer vom 6. bis 8. November 2026, steht die zweite Ausgabe an: An der Alp'26 in Stans NW kommen Produzentinnen und Produzenten von regionalen Spezialitäten aus sieben Alpenländern zusammen. Zwei Jahre nach der ersten Ausgabe zieht Marie Pfammatter, Agronomin und Leiterin Landwirtschaft/Projekte bei Culinarium Alpinum, im Gespräch Bilanz: Was der Anlass Betrieben konkret bringt, was die Teilnahme kostet – und wo die grössten Herausforderungen für die Zukunft der Alpkäserei liegen.
Was bringt die Teilnahme einem Bergbauernbetrieb konkret finanziell – über das reine Prestige einer Medaille hinaus?
Die Auszeichnung bietet Produzentinnen und Produzenten einen konkreten Mehrwert. Regionalprodukte sind oft ausserhalb ihrer Herkunftsregion kaum bekannt, obwohl sie mit Qualität und Charakter eine weitaus grössere Bühne verdienen. Genau hier setzt die ALP'26 an: Wir stellen die Plattform bereit, damit Produkte ein breiteres Publikum – Fachleute, Medien und Konsumentinnen und Konsumenten – erreichen und neue Absatzkanäle entstehen können. Wie die Auszeichnung anschliessend genutzt wird, liegt ganz bei den Betrieben: Ob für eine höhere Produktionsmenge, mehr Sichtbarkeit im Handel oder eine angepasste Preisgestaltung – das ist eine unternehmerische Entscheidung, die wir bewusst offenlassen.
Handwerk mit Herkunft: ALP'26 sucht die besten Produkte des Alpenraums
Käse nach Familienrezept, Schnaps aus der Dorfbrennerei, Bergkräuter in der Flasche: Was im Alpenraum in Handarbeit entsteht, verdient eine Bühne. Die ALP'26 bietet sie vom 6. bis 8. November 2026 am Culinarium Alpinum in Stans NW.LesenWas hat sich bei der Vermarktung alpiner Produkte seit Alp’24 konkret verändert?
Ein Beispiel zeigt es gut: Die Käserei Bürg in Buochs hat uns zurückgemeldet, dass die Alp’24-Medaille im Verkauf mehr Wirkung gezeigt habe als die Auszeichnung zum besten Sbrinz der Schweiz an den Swiss Cheese Awards im gleichen Jahr. Das habe man im Verkauf gemerkt. Seit 2024 ist die Bekanntheit des Anlasses nochmals gestiegen, und die Zentralschweizer Produzenten haben durchwegs sehr gute Erfahrungen gemacht.
Welche Produzentinnen und Produzenten haben nach Alp'24 tatsächlich neue Absatzkanäle oder Partnerschaften gefunden?
Am Markt selbst entstehen ganz natürlich neue Formen der Zusammenarbeit, einfach weil man sich gegenseitig degustiert. Ein konkretes Beispiel: Eine Käserei verwendet inzwischen den Most ihres Standnachbarn, um ihre Produkte einzulegen. Solche Verbindungen wären ohne den Markt nie entstanden.
Für welche Betriebsgrössen oder -typen lohnt sich die Teilnahme überhaupt?
Willkommen sind alle Produzentinnen und Produzenten, ganz unabhängig von der Betriebsgrösse: Landwirte, Bäckerinnen, Konditoren, Metzgerinnen, Käser, Brenner, Imkerinnen usw. Der Schwerpunkt liegt auf Manufakturen sowie kleinen und mittleren Unternehmen. Man kann auch einfach mit ein paar Gläsern Honig oder Konfitüre kommen. Wichtig ist, dass das Produkt vollumfänglich aus dem Alpenraum stammt.
Was kostet es einen Betrieb – Zeit, Geld, Zertifizierungsaufwand –, sich für den International Alpine Food Contest zu bewerben?
Der Aufwand ist nicht gross. Beim Produktewettbewerb dauert die Anmeldung etwa zehn Minuten, wobei auch gleich mehrere Produkte auf einmal erfasst werden können. Für die umfangreiche Homologation und die Degustation der Produkte wird eine Anmeldegebühr von 50 Franken pro Produkt fällig. Dann verschickt man das Päckli, und das war's. Man kann es übrigens auch persönlich vorbeibringen.
Sieben Alpenländer sind vertreten. Was bringt dieser internationale Austausch?
Die Mehrheit der Aussteller sind Schweizer Produzenten, aber das Angebot der ausländischen Gäste ist mindestens so interessant – man kann viel von ihnen lernen. An der Alp'24 sorgte etwa ein Molkenkäse aus Slowenien für grosses Aufsehen. Die Schweizer Produzenten waren fasziniert, dass es neben Ziger noch andere Möglichkeiten gibt, Molke zu verwerten. Um diesen Austausch zu fördern, findet dieses Jahr am Ende der Medaillenvergabe auch ein kleines Fest für die Produzenten statt, bei dem sie ungezwungen in Kontakt kommen können.
Das Culinarium Alpinum positioniert sich als Brücke zwischen Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus. Wo hakt es in der Praxis?
Im Restaurant des Culinarium Alpinum bringen wir Produzenten und Gastgeber zusammen, und genau dabei zeigt sich auch, was die Herausforderungen sind. Oft sind die Mengen ein Problem. Und dann die Art des Produkts: Bei unserem Ansatz wollen wir nicht einfach nur die Edelstücke eines Tiers nehmen. Das alles führt zu administrativem Aufwand. Ein Gastronom hat mir einmal erzählt, wie schwierig die Zusammenarbeit mit «seinem» Produzenten sei: «Er steht auf, wenn ich ins Bett gehe.» Der völlig unterschiedliche Alltag macht die Koordination schwierig – mit gutem Willen und Flexibilität von beiden Seiten sind diese Herausforderungen jedoch immer lösbar.
Wie lösen Sie das konkret?
Mit einer eigenen WhatsApp-Gruppe: Die Produzenten melden jeweils Ende der Woche, was sie anbieten könnten, daraus entsteht die Speisekarte für die folgende Woche. Dafür müssen alle flexibel sein – nicht jeder Koch will so arbeiten, der Gastronom muss es wirklich wollen. Umgekehrt müssen auch die Produzenten flexibel sein und vielleicht mit dem Nachbarn schauen, ob sie die nötige Menge zusammen aufbringen, oder sich bei der Rechnungsstellung zusammenschliessen. Wir haben im Culinarium Alpinum Glück: Unsere Gäste sind sensibilisiert und kommen gezielt wegen der lokalen Produkte. Sie schätzen es, zu wissen, dass alles auf dem Teller regional und saisonal ist.
Kritiker sagen, solche Nischenprojekte erreichten nur eine kleine Zahl von Vorzeigebetrieben, während die Masse der Bergbauern von Strukturwandel und Kostendruck betroffen bleibt. Was entgegnen Sie dem?
Wenn ich mir den Markt anschaue und sehe, mit welchem Stolz und welcher Freude die Produzenten hinter ihren Produkten stehen, all dieses Savoir-faire – dann ist für mich das Ziel erreicht. Sicher, es braucht noch weitere Schritte. Aber jeder Schritt hat seinen Wert.
Wo sehen Sie in fünf Jahren die grösste Herausforderung, damit aus Alp'26 mehr wird als ein schönes Branchentreffen?
Im Moment legen wir den Fokus auf den Alp-Sbrinz. Derzeit gibt es nur noch acht Alpen, die ihn herstellen, und in den nächsten zwei bis drei Jahren werden es weniger – weil Personal in Pension geht und es eine Nachfolgeproblematik gibt. Die Frage ist: Wie können wir dieses Kulturgut erhalten? Dafür muss die Produktion für die Produzenten interessant sein, und dabei geht es nicht nur ums Geld. Die Alpkäserei ist sehr anstrengend und mit viel Stress verbunden – wer will sich das noch antun? Da hilft es nichts, den Alp-Sbrinz einfach teurer zu vermarkten. Das Problem ist der Arbeitsaufwand und die körperliche Anstrengung bei der Herstellung. Auch Geld von der öffentlichen Hand für die Erhaltung dieses Kulturguts wäre keine vollständige Lösung, denn die hohe Arbeitsbelastung bliebe bestehen – so gross, dass potenzielle Nachfolger schon allein wegen der Lebensqualität abgeschreckt sind.
Was wäre denn eine Lösung?
Vielleicht lässt sich die Tradition mit einem anderen Blickwinkel erhalten, etwa indem nur noch einmal pro Woche Alp-Sbrinz hergestellt wird, oder durch ein Team von zwei Käsern, die die Alpen abwechselnd besuchen. Unser Ziel ist es vor allem, regional stärker zu sensibilisieren – das ist auch ein Mehrwert für die Produzenten, zu wissen: Was ich hier mache, ist etwas Spezielles. Das gelingt nicht, wenn der Alp-Sbrinz genau gleich verkauft wird wie der Sbrinz aus dem Emmi-Keller. Beim Export ist der Mehrwert zusehends unsicher, in wenigen Jahren gibt es nur noch sechs Käsereien, die Alp-Sbrinz herstellen. Wir wollen uns jetzt mit verschiedenen Alpen zusammensetzen und schauen, wie die Zukunft aussehen könnte. Schön ist, dass wir bereits am Alp’24 einen Alp-Sbrinz mit einer Medaille auszeichnen durften. Dieses Jahr wünschen wir uns natürlich die Teilnahme aller acht Alp-Sbrinz-Produzenten.

