Kurz & bündig
- Betreuungsarbeit ist anspruchsvoll. Doch für die Familie Reusser überwiegen die guten Erfahrungen. - Begleitorganisationen unterstützen, dafür ist die Entschädigung meist etwas tiefer. - Eine Ausbildung ist nicht obligatorisch, aber hilfreich.
Wenn eine Anfrage für eine Platzierung kommt, setzen sich Reussers in Aeschlen BE an den Tisch und halten Familienrat. Hat jemand ein ungutes Gefühl, wird abgesagt. Wenn alle Familienmitglieder Ja sagen, heissen sie einen neuen Menschen in ihrem Leben willkommen, an ihrem Tisch und auf dem Hof. Manche Klienten und Klientinnen schnuppern vorgängig, denn auch sie wählen ihre Gastfamilie aus. Bei anderen liegen nur Berichte vor. Aber nach 16 Jahren Betreuungsarbeit wissen Sandra und Roland Reusser, dass Akten nicht unbedingt viel über die Menschen aussagen.
Die beiden sind Eltern von vier Kindern im Alter zwischen 17 und 23 Jahren. Seit 14 Jahren bieten sie Betreuungsplätze auf ihrem Landwirtschaftsbetrieb Hubel in Aeschlen am Tor zum Emmental an. Regelmässige Gäste auf dem Hof sind auch Tageskinder im Vorschul- und Primarschulalter.
Bei Familie Reusser finden Menschen ihr Gleichgewicht wieder
«Jeder Mensch hat die Chance auf ein normales und glückliches Leben verdient», findet Sandra Reusser. Sie sei schon immer sozial engagiert gewesen, erklärt sie ihre Motivation, und die Betreuung sei eine gute Möglichkeit für einen Nebenerwerb zu Hause.
«Schau, das ist deine Chance. Nimm sie.» So beschreibt Landwirt Roland Reusser seine Haltung gegenüber den jugendlichen oder erwachsenen Menschen, die in einer Krisensituation auf den Hof kommen, zum Beispiel wegen einer Suchtmittelgefährdung oder einer psychischen Erkrankung. Manche Gäste haben keinen Tag-Nacht-Rhythmus mehr, für andere sind gemeinsame Mahlzeiten etwas Neues.
Reussers bieten ihnen einen geschützten Raum, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Oft kommen sie für ein dreimonatiges Time-out, und wenn das funktioniert, bleiben sie ein Jahr oder länger.
Sandra Reusser erzählt von einem jungen Mann, der mit einem dicken Bericht bei ihnen ankam. «Wir haben nichts von all den Sachen bemerkt, die drinstehen.» Der Mann sei motiviert und rücksichtsvoll gewesen und habe sich integriert. Das Erfolgsrezept? «Wir machen nichts Besonderes. Wir leben einfach», erklärt die Bäuerin. Genau dieses alltägliche Familienleben tue den Menschen gut. Das spürt sie, wenn einem Klienten beim Bräteln im Wald das Augenwasser vor Freude kommt oder wenn eine Frau beim Mostobstsammeln zum ersten Mal genussvoll in einen Apfel beisst. Der Bauernhof wird zum Kraftort mit seinen sinnvollen Aufgaben in Haus und Hof, den strukturierten Tagen mit Familienanschluss und der Nähe zu Natur und Tieren.
Betriebsspiegel der Familie Reusser
Sandra und Roland Reusser, Aeschlen BE LN: 29,5 ha; 3 ha Wald Kulturen: 1 ha Futtergetreide, Rest Grünland Tierbestand: 28 Milchkühe, 30 Stück Jungvieh, 8 Alpakas, Hühner, Katzen und ein Hund Weitere Betriebszweige: rund 100 Hochstammbäume Arbeitskräfte: Betriebsleiterpaar, Mitarbeit der vier Kinder (17 bis 23 Jahre alt) nach Bedarf, Mitarbeit der Klienten nach Möglichkeit

Fürs Zusammenleben gelten wenige, aber sehr klare Regeln
Reussers haben nicht viele Regeln, aber die stehen nicht zur Diskussion. Private und gemeinschaftlich genutzte Räume sind getrennt. Um 6.45 Uhr setzen sich alle angezogen an den Frühstückstisch, auch wenn sie nichts essen mögen. Am Tisch, während der Arbeit und über Nacht ist das Handy weg. Wenn sich das Betriebsleiterpaar an die Arbeit auf dem Hof macht, sind die betreuten Menschen dabei. Ob und welche Aufgaben sie übernehmen, steht ihnen frei. Manchmal sind es am Anfang nur ein paar Streicheleinheiten für die Hofkatze Fridu – das ist ein Einstieg.
Reussers erleben nicht nur Erfolgsgeschichten. Sie nehmen Anteil an bedrückenden Schicksalen, versorgen Wunden von Menschen, die sich selbst verletzen. Sie beaufsichtigen suizidale Personen, kennen schlaflose Nächte und die Sorge um ihre Klientinnen und Klienten und um sich selbst. «Die Familie und der Hof kommen an erster Stelle», stellt Roland Reusser klar. Wenn es nicht funktioniert, brechen sie das Betreuungsverhältnis ab, notfalls innert 24 Stunden.

Reussers haben Unterstützung von einer Beraterin
Doch die guten Erlebnisse überwiegen. «Als Familie wachsen und lernen wir sehr viel an den Klienten. Ich bin dankbar für diese Erfahrung», schrieb Tochter Laura in einem Vertiefungsbericht während ihres Agronomiestudiums an der Fachhochschule.
Sandra und Roland Reusser erlauben sich ab und zu ein paar Wochen ohne Betreuungsarbeit, um die Batterien wieder aufzuladen. Gut tun auch die kurzen Pausen – ein Kaffee zu zweit, ein Nachtessen im engen Familienkreis.
Reussers sind bei der Begleitorganisation Projekt Alp angestellt, die ihnen die meisten Klientinnen und Klienten vermittelt. Wöchentlich kommt eine Beraterin zu Besuch und unterstützt bei Notfällen rund um die Uhr. Projekt Alp bietet Entlastungsangebote und Weiterbildung und übernimmt einen guten Teil der Administration. Es bleibt trotzdem viel Schreibtischarbeit. Sie wird noch grösser bei Platzierungen über den regionalen Sozialdienst, wo Reussers selbst Rechnung für ihre Leistung stellen müssen.
Für eine Dauerplatzierung erhält Familie Reusser durchschnittlich rund 100 Franken pro Tag, inklusiv Unterkunft und Verpflegung. Wenig Geld für eine grosse Verantwortung und viel Arbeit, von der die ganze Gesellschaft profitiert. «Die Entschädigung ist zu tief», stellt Sandra Reusser klar. Damit das besser werde, müsse die Betreuungsarbeit von Bauernfamilien sichtbarer gemacht werden. Daran arbeitet der Verband Green Care Schweiz, der vor gut drei Jahren gegründet wurde.
Bewilligungen sind kantonal unterschiedlich geregelt
Eine weitere Aufgabe von Green Care Schweiz sind schweizweit einheitlichere Rahmenbedingungen. Denn kantonale Differenzen, die Auseinandersetzung mit den Behörden und die Administration nennen viele Beteiligte als höchste Hürde beim Aufbau eines Betreuungsangebots. Die Finanzierung und die Bewilligungspraxis sind kantonal unterschiedlich geregelt. Abklärungen sind in jedem Einzelfall nötig; oft braucht es mehrere Anläufe, um die richtige Ansprechperson zu finden.
Bauernfamilien müssen damit rechnen, für eine Bewilligung viel offenzulegen: Ein Sozialarbeiter besichtigte Haus und Hof, Fach- und Betriebskonzepte werden verlangt, Auszüge aus dem Straf- und Betreibungsregister, Informationen zur eigenen Gesundheit und Krankengeschichte, zur finanziellen Lage des Betriebs, ein Ernährungskonzept und so manches mehr.

Ausbildung ist nicht obligatorisch, aber nützlich
Einige Papiere dienen der eigenen Absicherung: «Startet keine Betreuungsdienstleistung ohne Kostengutsprache und Betreuungsvertrag!», warnt Ivon Karle. Die Erwachsenenbildnerin führt selbst einen Landwirtschaftsbetrieb. Als Co-Leiterin der Ausbildung für Betreuung im ländlichen Raum am Inforama (siehe Kasten) gibt sie den betreuenden Personen massgeschneidertes Fachwissen weiter. Sandra Reusser, im Erstberuf Betriebsassistentin bei der Post, hat diese Ausbildung absolviert. «Trotz zehn Jahren Betreuungserfahrung habe ich viel profitiert, ich habe Fachwissen und Bestätigung für meine Arbeit erhalten», schaut sie zurück.
Begleitorganisationen verlangen teilweise Aus- oder Weiterbildungen, aber eine generelle Ausbildungspflicht für Anbietende von Betreuungsleistungen auf dem Bauernhof gibt es nicht. Dabei ist Fachwissen bei diesem anspruchsvollen Betriebszweig ein grosser Vorteil. «Betreuungsdienstleistungen sollten von Herzen kommen, aber eng begleitet vom Kopf», sagt Ivon Karle dazu.
Green Care Schweiz: Für einheitliche Rahmenbedingungen, Bekanntheit und Anerkennung
«Green-Care-Angebote in der Landwirtschaft brauchen schweizweit einheitlichere Rahmenbedingungen, mehr Bekanntheit und Anerkennung», erklärt Simone Hunziker, Geschäftsführerin von Green Care Schweiz. In der vergangenen Herbstsession reichten die Co-Präsidenten von Green Care, Raphaël Mahaim und Alois Huber, ein Postulat ein: Sie fordern vom Bundesrat eine nationale Strategie zur Förderung von Green Care in der Schweizer Landwirtschaft. Neben Basis- und Öffentlichkeitsarbeit hat der Verband auch die Kriterien für eine Zertifizierung der Angebote erarbeitet. Seit Anfang 2026 werden erste Pilotbetriebe zertifiziert, ab Mitte 2026 wird die Anmeldung für alle möglich sein. «Die Zertifizierung ist ein Qualitätsmerkmal für anbietende Betriebe», erklärt Simone Hunziker. Dazu gehören Punkte wie Betriebskonzept und Ziele, Kriseninterventionen, Aus- und Weiterbildung sowie Arbeitssicherheit. Gemäss Simone Hunziker geht es um «Grundlagen, die für jeden Betrieb Sinn machen». In der Anfangsphase wird die Zertifizierung mit Unterstützungsbeiträgen vergünstigt. Ein Betrieb hat mit höchstens 500 Franken Kosten zu rechnen. Begleitorganisationen geben Rückendeckung Wer Betreuungsangebote anbietet, kann das Projekt selbstständig realisieren. Aber die Zusammenarbeit mit Begleitorganisationen vereinfacht vieles und ist insbesondere Neulingen zu empfehlen. Die Organisationen vermitteln Klientinnen und Klienten und geben den Bauernfamilien Rückendeckung. Sie unterstützen mit regelmässiger Beratung und in Notfällen, übernehmen administrative Arbeiten, bieten Weiterbildung, Vernetzung und Entlastungsangebote für die betreuenden Personen. Die Begleitorganisationen unterscheiden sich bei den Zielgruppen und Angeboten stark. Systematisch erfasst sind sie nicht. Interessierten Bauernfamilien helfen eine Adressliste des Inforamas, regionale Sozialdienste und KESB, ansonsten bleibt die eigene Recherche. Umgekehrt sollten sich auch die Betriebe sichtbar machen, indem sie beispielsweise ihr Angebot auf der eigenen Website oder bei einer vorhandenen Plattform aufschalten. Ausbildung für Betreuung im ländlichen Raum (ABL) Das Inforama bietet eine Ausbildung für Betreuung im ländlichen Raum (ABL) an, die auch Teil der Zertifizierung von Green-Care-Betrieben ist. Der Lehrgang richtet sich an Menschen auf dem Land, die auf ihrem Betrieb Betreuungsarbeit leisten. 32 Kurstage verteilen sich auf rund 16 Monate. Der nächste Kurs startet am 30. Oktober 2026; eine Infoveranstaltung findet am Donnerstag, 7. Mai 2026, um 19 Uhr in Zollikofen statt. Informationen und Anmeldung unter www.inforama.ch/abl

